Kindeswohlgefährdungen: Jedem Hinweis geht das Jugendamt nach

Von: Patrick Nowicki
Letzte Aktualisierung:
5909082.jpg
„Das Wohl eines Kindes geht uns alle an“: Gabi Brettnacher und Stefan Pietsch vom Jugendamt.
5909043.jpg
Horrorszenario: Das Jugendamt Eschweiler wurde im vergangenen Jahr 233 Mal kontaktiert, weil sich Menschen um ein Kind sorgten. Foto: Patrick Nowicki/Stock/Roland Mühlanger

Eschweiler. Manche Zahlen erzählen nicht die ganze Wahrheit: 233 Mal meldeten sich im vergangenen Jahr Menschen beim Jugendamt, weil sie um das Wohl eines Kindes fürchteten. Im Jahr 2009 gingen noch 79 Meldungen ein. „Die Menschen reagieren aufmerksamer und sensibler – und das ist gut so“, erläutert Jugendamtsleiterin Gabi Brettnacher die Entwicklung.

Denn eine Meldung muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass ein schwerer Fall von Kindesmissbrauch vorliegt. Manchmal sind es kleine, einfach Dinge, die sich schnell aus der Welt schaffen lassen.

Im Jugendamt nimmt man jede Meldung ausgesprochen ernst. Im Team sprechen die Mitarbeiter der sogenannten sozialen Dienste die Fälle durch und überlegen gemeinsam das weitere Vorgehen. Das Alter der Kinder spielt eine Rolle. Manchmal kennt man die Familie. Hausbesuche sind die häufigste Folge, damit sich die Jugendamtsmitarbeiter ein Bild von der Situation des Kindes machen können.

Dies geschieht immer zu zweit. Selten kommt es vor, dass die Sozialarbeiter auf Widerstände stoßen. Oft ist es sogar Dankbarkeit, die die Betroffenen empfinden. „Wir bieten unsere Hilfe an, es ist nicht so, dass wir bereits mit dem Kindersitz im Auto vorfahren“, sagt Stefan Pietsch, der die Abteilung der Sozialen Dienste leitet.

Die Szenarien, auf die das Jugendamt trifft, sind unterschiedlich. Ein Beispiel: Eine Familie lebt im Müll, auch die Kinder schlafen zwischen Unrat. „Dann führt ein klärendes Gespräch meistens schnell zum Ziel“, erläutert Gabi Brettnacher. Die Eltern oder der alleinerziehende Elternteil werden mit ins Boot geholt. Die Ziele werden im optimalen Fall gemeinsam festgelegt. Dass sie eingehalten werden, darauf achtet das Jugendamt allerdings genau. Im oben geschilderten Szenario würde man zum Beispiel festlegen, dass der Müll am nächsten Tag entsorgt ist. Meist genügt der geschulte Blick, um sich einen Überblick zu verschaffen. Auch die Ausreden mancher Erwachsenen kennen die Mitarbeiter zu Genüge. Vieles haben sie in Fortbildungen und im Studium gelernt, anderes regelt die Erfahrung.

Egal, wie schwer ein Fall wiegt, er wird im Jugendamt nach einem festgelegten Verfahren protokolliert und diskutiert. Bei jeder Meldung wird ein Formular ausgefüllt, auf dem die Situation des Kindes festgehalten wird. Informationen bekommt das Jugendamt von aufmerksamen Nachbarn und Familienangehörigen, aber auch aus Schulen und Kindertagesstätten. „Wir arbeiten eng mit den Einrichtungen zusammen“, berichtet Stefan Pietsch. Je enger die Vernetzung, je größer die Aufmerksamkeit, desto höher die Zahl der Meldungen.

Das ist im Jugendamt aber sogar gewollt. Seit 2011 wurde das Personal um zwei Mitarbeiter aufgestockt, um alle Fälle bearbeiten zu können. Für den sozialen Dienst ist die Stadt in neun Bezirke aufgeteilt. „Bei unserer Arbeit ist das Team enorm wichtig“, sagt Stefan Pietsch. Diese Organisationsstruktur im Eschweiler Jugendamt soll bald als Beispiel dienen: Das Nationale Zentrum frühe Hilfen hat Eschweiler als Modellkommune für ein Kinderschutzkonzept aufgenommen.

„Wir haben kein Interesse daran, ein Kind aus seinem Umfeld herauszureißen“, erläutert Gabi Brettnacher. Dass man Hilfen anbietet, genügt manchen jedoch nicht. Dessen ist man sich im Jugendamt bewusst. Dann wird die Frage gestellt: „Wie könnt ihr die Kinder dort lassen?“ Stefan Pietsch spricht sogar von einem „gewissen Druck“. Er bittet aber auch um Vertrauen, denn „im Jugendamt sitzen die Fachleute“.

In den meisten Fällen der Kindeswohlgefährdung sind die Eltern oder die alleinerziehende Mutter überfordert. Viele Faktoren spielen eine Rolle. Armut ist häufig ein Risiko. „Allerdings muss man auch klarstellen, dass manche Eltern ihr Geld für andere Dinge ausgeben, sodass für die Kinder zu wenig übrig bleibt“, stellt Gabi Brettnacher klar. Natürlich zählen auch Drogenmissbrauch und psychische Erkrankungen zu möglichen Risiken. Immer gilt: Je früher die Hilfe, deste höher die Chance, dass das Kind glimpflich aus der Sache herauskommt.

Deswegen setzt das Jugendamt in Eschweiler weiterhin auf Hinweise von aufmerksamen Bürgern. Inzwischen ist auch eine Meldung per E-Mail möglich.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert