Kinderbetreuung ist Frauensache? Nein!

Von: Valerie Barsig
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Wickeln, trösten, Zähneputzen üben: Alltag für Stephan Marks, der den Katholischen Kindergarten St. Barbara nun schon seit 2008 leitet. Auch auf die Rutsche geht er mit den Kitakindern. Foto: Barsig
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WM-Fieber: Dass er mit den Kindern Fußball spielt, da hätten seine Kolleginnen nichts gegen, sagt Marks. Foto: Barsig

Eschweiler. Wie ein Exot fühlt er sich nicht: Stephan Marks leitet den Katholischen Kindergarten St. Barbara und ist damit der einzige männliche Leiter eines Kindergartens in Eschweiler. „Mir war das ja von Anfang an klar, dass das selten ist“, gibt er allerdings zu. Für Marks stand schon früh fest, dass er mit Kindern arbeiten wollte.

Er hat einen jüngeren Bruder und viele Cousins und Cousinen. Und um die habe er sich schon in jungen Jahren gekümmert, erzählt er. „Ein Praktikum in der neunten Klasse hat den Entschluss dann endgültig gefestigt.“ Von seiner Familie habe er viel Rückendeckung bekommen.

Kindererziehung in Deutschland ist nach wie vor Frauensache: Laut Zahlen, die die Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr vorlegte, waren 2011 95 Prozent der Angestellten Erzieher in Kindergärten Frauen. Von insgesamt 483.000 Erziehern und Kinderpflegern in Deutschland waren lediglich 22.900 Männer. Innerhalb von zehn Jahren stieg ihr Anteil um 92 Prozent: 2011 arbeiteten 11.000 mehr Männer in Kitas als noch 2001. Frauen in Kindergärten arbeiten viel in Teilzeit, Männer hingegen sind eher Vollzeitkräfte.

„Männer trifft man eher in Kinderheimen als Sozialarbeiter“, sagt Stephan Marks, der gemeinsam mit seiner Freundin in Aachen wohnt. Seit 2005 ist er in der Kita St. Barbara, erst als Gruppenleiter, seit 2008 als Leiter des Kindergartens. In seinem Ausbildungsjahrgang war er der einzige Mann. Dass seine Kolleginnen typische Männersachen von ihm erwarteten, sei nicht sein Eindruck, erzählt er und lacht. „Ich laufe hier jetzt nicht den ganzen Tag mit der Bohrmaschine durch die Gegend und hänge irgendwas auf.“ Er sei ohnehin handwerklich nicht unbedingt begabt. „Es gibt viele Kolleginnen, die das besser können.“

Dass er sich im Beruf gegen Frauen behaupten musste, könne er nicht bestätigen. „Früher war man eben Praktikant und ohnehin zurückhaltender“, erinnert er sich. Ihm sei höchstens das passiert, was auch andere in dem Beruf erleben: In der ersten Kita nach der Ausbildung sei er früher selbst in den Kindergarten gegangen.

„Da hat man dann natürlich eine beschützte Stellung“, sagt er. In der Kita, in der er danach gearbeitet habe, habe er eine Kollegin verstärkt, die gleichzeitig eine Weiterbildung machte. „Da wurde mir klar gemacht, dass sie danach meine Stelle übernehmen soll“, erzählt Marks. Als der Vertrag auslief, wechselte er nach Eschweiler – ganz normaler Berufsalltag also. „Und aus den Erfahrungen, die man macht, lernt man.“

Kinder wickeln, zum Zähneputzen animieren, gemeinsam Essen oder Waldspaziergänge mit den Gruppen: Marks ist in St. Barbara gemeinsam mit vier weiteren Erziehern, Praktikantinnen („Wir haben eigentlich immer Frauen als Praktikantinnen.“) und einer Ergänzungskraft für 45 Kinder zuständig. Die ersten kommen um 7.15 Uhr morgens, die letzten gehen um 16 Uhr. Freitags steht Büroarbeit auf dem Plan. Marks neuestes, persönliches Projekt ist der Führerschein, denn im Moment kommt er von Aachen aus mit Bus und Bahn nach Eschweiler. 45 Minuten Fahrtweg hat er jeden Morgen und Abend vor sich. Die Arbeit liebt er: Viel Geld verdiene man als Erzieher nicht. „Aber emotional wird man reich.“

Für die Kinder in der Kita St. Barbara ist es normal, einen männlichen Kita-Leiter zu haben. Marks weiß, dass es auch Vorteile hat, ein Mann zu sein. „Ich finde es sinnvoll, wenn ein Mann in einem Kindergarten arbeitet.“ Denn gerade Scheidungskinder lebten nach der Trennung der Eltern oft bei der Mutter. Eine männliche Bezugsperson fehle dann, sagt Marks. Gerade diese Kinder kämen gerade in dieser Zeit zu ihm, wenn sie zum Beispiel hingefallen sind.

Im Moment sei aber noch ein ganz anderes Thema aktuell, bei dem ihm seine Kolleginnen die Regie gern übergeben: Die Fußball-WM. In der Kita werden fleißig Trikots und Fahnen aus Papier gebastelt, ein WM-Spielplan hängt aus und auch die Laola der Sternengruppe sitzt perfekt. Und natürlich wird auch Fußball gespielt. „Ich denke, die Kolleginnen sind ganz dankbar, dass ich das übernehme“, sagt Marks.

Auch für die Eltern sei ein Kindergartenleiter ganz normal. „Ich bin noch nie auf große Probleme gestoßen“, sagt Marks. Dass es generell von Seiten der Eltern in einigen Fällen Vorbehalte gegen Männer in Erzieherberufen gibt, ist Marks aber bekannt.

Kita sei etwas essenzielles, sagt Marks. „Die Kinder werden hier schon früh auf das Leben vorbereitet. Sie lernen, zu teilen und sich gegenseitig zu helfen.“ Auch, sich in einer Gruppe zurecht zu finden, sei für Kinder wichtig. Trotzdem sieht Marks am Kita-System in Deutschland noch Nachbesserungsbedarf. „An der Flexibilität der Betreuungszeit muss etwas getan werden“, sagt er. Er fände es außerdem sinnvoll, wenn Kita zur Pflicht würde. „Man müsste natürlich noch mal neu über Finanzierung und Beiträge reden.“

Gleichzeitig wünscht er sich für Eltern eine längere Elternzeit von bis zu drei Jahren, um die ersten Entwicklungsschritte des Kindes besser miterleben zu können. Er erinnere sich an eine alleinerziehende Mutter, die ihr Kind schon mit vier Monaten in die Kita gab, weil sie wieder in ihren Job einsteigen musste. „Das erste Wort des Kindes war der Name der Kindergartenleiterin.“ Das habe die Mutter natürlich erstmal verdauen müssen.

Auf der anderen Seite kenne er eine Familie, die ihre Kinder erst ein Jahr vor Einschulung in die Kita gebracht hätte. „Die Kinder haben, obwohl sie viele Geschwister haben, viel unbewusstes Lernen verpasst“, erzählt Marks. In der Kita verhielten sich Kinder anders als zu Hause. Marks höre oft ein „Was, das ist mein Kind?“ von den Eltern, wenn ihre Kleinen ohne Murren den Tisch decken. Denn das ist beim Frühstück in der Kita Pflicht.

Bei der U3-Einführung seien viele Eltern dagegen gewesen, dass Zweijährige mit Älteren in Gruppen sind. Das sei jetzt anders: Denn die Kleinen profitieren von den Großen und die Älteren lernten, Verantwortung zu übernehmen. Marks sei jedes Mal stolz, wenn Kinder aus der Kita verabschiedet werden. „Es ist schön zu sehen, wie sie zu kleinen Persönlichkeiten geworden sind.“

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