Eschweiler - Kinderarmut: Und immer wieder geht‘s um Teilhabe

Kinderarmut: Und immer wieder geht‘s um Teilhabe

Von: Tobias Röber
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Von Armut sind in der Indestadt viele Kinder betroffen. Die Teilhabe am „normalen“ Leben wird ihnen damit häufig erschwert. Foto: stock/IPON
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Koordinator des Netzwerks: Wilhelm Haustein. Foto: T. Röber

Eschweiler. Am Donnerstag sind drei Busse voll mit Eschweiler Kindern und ihren Eltern zu einem Ausflug ins Bubenheimer Spieleland gefahren. „Nichts besonderes, es sind ja schließlich Ferien“, mag der eine oder die andere denken. Stimmt in dem Fall aber nicht. Es waren Familien, die sich einen solchen Ausflug normalerweise schlicht und ergreifend nicht leisten können.

Entstanden ist dieses Angebot aus dem Netzwerk gegen Kinderarmut „Flügelschlag – Starke Kinder an der Inde“ heraus. Heute ist der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Auch in Eschweiler gibt es da eine Menge zu tun. 21 Prozent der unter 21-Jährigen leben aktuell von Hartz-IV-Leistungen. Bei den unter Dreijährigen liegt der Anteil gar bei 31 Prozent. Es sind alarmierende Zahlen, die Netzwerkkordinator Wilhelm Haustein vom Jugendamt noch weiter fasst: „Was ist etwa mit den Familien, die einen Euro über der Mindestgrenze liegen?“ Man wolle mit dem Netzwerk auch Familien erreichen, die armutsgefährdet sind.

„Mit dem Netzwerk allein werden wir die Probleme nicht lösen“, sagt Stefan Pietsch, Leiter der Abteilung Soziale Dienste des Jugendamtes. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Teilhabe“. Genau die haben Kinder von bedürftigen Familien oft nicht. „Es geht häufig auch um soziale Armut“, sagt Pietsch. Es gebe viele Mädchen und Jungen, die etwa keinen Kindergeburtstag feierten, weil das zu teuer ist. Oder welche, die keine anderen Kinder zu sich nach Hause einladen können.

Nach der Gründung des Netzwerks wurden vier Arbeitsgruppen eingerichtet: „Bildung“, „Kultur, Sport und Freizeit“, „Soziales und Gesundheit“ sowie „Alleinerziehende“. Einige Projekte haben diese bereits initiiert. So wurde in den Sommerferien ein Zeltlager angeboten. Dieses wurde ebenso gut angenommen, wie die Obstgutscheinaktion, bei der Kinder in den Genuss gesunden Essens kamen. Vielen Mädchen und Jungen wurde zudem der Besuch eines Puppentheaters ermöglicht.

Ein Projekt, das den Netzwerkpartnern besonders am Herzen liegt, ist eine betriebliche Kindertagespflege, die vor allem Alleinerziehenden den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern soll. Teilhabe am Berufsleben ermöglicht auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Seit neun Monaten wird daran gearbeitet. Es habe bereits Gespräche mit Unternehmen gegeben und die grundsätzliche Bereitschaft, betriebliche Kindertagespflege anzubieten, sei durchaus vorhanden, sagt Stefan Pietsch. Grundsätzliche Bereitschaft besagt aber auch: Konkret ist noch nichts umgesetzt. „Das ist für Betriebe auch ein Kulturwandel, dem sie sich stellen müssen. Der Bedarf ist da“, sagt der neue Jugendamtsleiter Jürgen Termath. In der Stadtverwaltung gab es bereits eine Abfrage, wie groß der Bedarf ist. Die Auswertung läuft derzeit.

Ein weiteres Projekt, das in Arbeit ist, sind die Agil-Kurse, ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm für Schulkinder. Die Familienpatenschaften sind ebenfalls aus dem Netzwerk entstanden. Acht Paten gibt es derzeit. Anfangs gab es gar mehr Paten als Anfragen, das Angebot wird jedoch immer mehr genutzt. Angedacht ist zudem eine Tauschbörse für Karnevalskostüme, da die Weihnachtstauschbörse erfolgreich war.

Über Teilhabe sprechen auch die Vorsitzende der Eschweiler Tafel, Karin Schmaling, und ihr Stellvertreter Horst Berretz. Da bedürftige Familien für kleines Geld bei der Tafel einkaufen könnten, bleibe mehr Geld, um mit den Kindern etwa auch mal ins Kino zu gehen.

Apropos Eltern. Manchmal brauchen auch diese Hilfe, weiß Mariethres Kaleß vom Kinderschutzbund. Man müsse die Eltern mit ins Boot holen. Das geschieht beispielsweise mit dem Kurs „Starke Eltern – starke Kinder“, bei dem die Erziehungskompetenz der Eltern geschult wird. „Alles, was zur Stärkung beiträgt, holt Kinder aus der Armut heraus“, sagt Mariethres Kaleß. Natürlich ist auch Ernährung immer wieder ein großes Thema. „Wo kommen Milch, Obst und Fleisch her? Viele wissen das gar nicht mehr“, sagt sie. Das Thema werde aber ja verstärkt angegangen. Mariethres Kaleß lobt ausdrücklich die Zusammenarbeit der verschiedenen Träger im Netzwerk. Man ergänze sich gut und vermittle die Bürger weiter.

Ohne Geld geht nichts

Einige Projekte wurden also angestoßen. „Die wollen wir natürlich fortführen“, sagt Jürgen Termath. Ein Problem dabei: Die Förderung des Projekts läuft im kommenden Jahr aus. „Teilhabe ermöglichen – Kommunale Netzwerke gegen Kinderarmut“ – unter diesem Titel hat der Landschaftsverband Rheinland Fördergelder vergeben, um der Benachteiligung von Kindern auf kommunaler Ebene entgegenzuwirken. 32.000 Euro über drei Jahre gab es für die Indestadt. Es werde an Lösungen gearbeitet, die Projekte fortzuführen, sagt der neue Jugendamtsleiter. Ohne Geld geht eben nichts, weiß auch Mariethres Kaleß. Neben öffentlichen Zuschüssen müssen vor allem Spenden her. Und ohne die vielen Ehrenamtler, die sich viele Stunden engagieren, wäre Vieles ebenfalls nicht möglich.

Für Fragen bezüglich des Netzwerks gegen Kinderarmut steht dessen Koordinator, Wilhelm Haustein, beim Jugendamt der Stadt Eschweiler zur Verfügung, Telefon 02403/71390, E-Mail: wilhelm.haustein@eschweiler.de.

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