Eschweiler - Kinder länger Kind sein lassen: Gesamtschule statt G8-Druck

Kinder länger Kind sein lassen: Gesamtschule statt G8-Druck

Von: Elisa Zander
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Sind die Unterrichtsinhalte für die Schüler, die nach G8 ist Abitur machen, zu viel? Immer öfter wechseln Gymnasiasten an die Gesamtschule, weil sie das Lernpensum dort besser bewältigen können. Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd
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Wartet weiter auf den Studienplatz: Carmen Welsch. Foto: E. Zander

Eschweiler. Dass die Gesamtschule die Veränderung von G9 zu G8 nicht ereilt hat, darüber sind die dortigen Lehrer froh. „Wir haben viele Kinder, die die neun Schuljahre brauchen, um ans Abitur zu kommen“, sagt Joachim Herzog, didaktischer Leiter der Waldschule, Gesamtschule Eschweiler. Doch damit erhöht sich auch die Zahl derjenigen die in die gymnasiale Oberstufe gehen.

„Wir trauen uns nicht, die Schüler schon nach der vierten Klasse danach einzuteilen, ob sie einen Hauptschulabschluss machen oder Abitur“, sagt Petra Schönwald, Oberstufenleiterin der Gesamtschule. Viele der Schüler, mit einer Haupt- oder Realschulempfehlung an die Gesamtschule kämen, machen am Ende ihr Abitur. „Das zeigt, was man erreichen kann, wenn man den Kindern und Jugendlichen Zeit und Aufmerksamkeit zukommen lässt“, sagt Herzog.

Das hohe Lernpensum, das von den Gymnasiasten nun im Rahmen der neuen G8-Regelung bewältigt werden muss, hat thematisch auch die Eltern erreicht. „Immer mehr machen sich Gedanken, wo sie ihr Kind anmelden“, sagt Petra Schönwald. Die dortige gymnasiale Oberstufe ist identisch zum Gymnasium, diese Phase dauert drei Jahre.

„Aus der Sekundarstufe Eins, der 5. bis 10. Klasse, ist ein Jahrgang weggenommen worden“, erläutert Schönwald. „Und das ist eine Phase, wo wir finden, dass Kinder besonders gestützt werden müssen.“ Mit dem wegfallenden Jahr wird, so Joachim Herzog, „das ‚Kind sein‘ verändert. Ich meine, dass es Kindern nicht gut tut, wenn durch solche Maßnahmen jegliche Freizeit zur Lernzeit wird.“

Darüber hinaus, so die Beobachtung des didaktischen Leiters, hätten viele Schüler in der 12. Klasse nicht die Reife, die Schüler in der 13 an den Tag legten. „Soziale Kompetenzen, am Schulleben teilnehmen, das alles ist wichtig.“ Da für das sei in acht Jahren Gymnasium auch weniger Zeit.

Carmen Welsch hat ihr Abitur bereits in der Tasche. 2012 legte sie die Reifeprüfung an einem Gymnasium in Düren ab. Eine ihrer Freundinnen wird in diesem Jahr das Abitur nach G8 ablegen. „Die haben ganz viel Stress, stehen unter Druck. Das wirkt sich auf die Lehre und auch die Atmosphäre in der Klasse aus“, erzählt sie. „Da kann man zwischendurch gar nicht abschalten.“ Carmen Welsch selbst hat die Schule nie als großen Druck empfunden. Doch noch heute ist sie auf der Suche nach einem Studienplatz. „Es ist richtig schwer. Ich habe den Eindruck, dass sich im vergangenen Jahr alle mehr Mühe bei der Suche gegeben haben, weil sie wussten, dass der Doppeljahrgang kommt und es dann noch schwieriger wird.“ Erneut hat sie sich an acht Universitäten beworben, diesmal für das Wintersemester. Bisher hat sie keine Zusage.

„Ich stehe jetzt unter totalem Druck und habe mich schon für Sachen beworben, die ich eigentlich nicht so gerne machen will. Jura zum Beispiel. Man fängt an, nach Alternativen zu suchen, denn mit der Nachfrage steigt auch der Numerus Clausus für die Zulassung.“

Mittlerweile spielt sie mit dem Gedanken, eine Ausbildung zu beginnen, um zum Sommer nicht völlig ohne Perspektive dazustehen. Die Zeit bis dahin wird sie mit Praktika füllen.

Die Auswirkungen sind weitreichend. Dass man durch den früheren Abschluss bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, denkt Petra Schönwald nicht. „Ein Jahr länger Schule ist für den Berufsweg nicht entscheidend.“ Und weil die Schüler hier neun Jahre bis zum Abitur unterrichtet werden, heißt das nicht, dass wir lax dahin plätschern. Aber hier gibt es Lernpäckchen, die man bewältigen kann.“ Sie habe den Eindruck, dass genau das viele Schüler beruhige, ihnen den Stress nehme. „Diese Entspanntheit bringt positive Leistungen, die sich dann auch wieder positiv auf das Gefühl auswirken.“

Mittlerweile gebe es viele Familien, die ihr Kind mit gymnasialer oder eingeschränkter gymnasialer Empfehlung an der Gesamtschule anmelden, weil sie nicht wollen, dass der Nachwuchs nach G8 unterrichtet wird. „Es spricht sich immer mehr rum, was es bedeutet, sein Kind an Schule X oder Y anzumelden.“ Das wissen die Lehrer von Gesprächen mit Eltern bei Informationsveranstaltungen.

Es komme auch immer öfter vor, dass sich Eltern, aber auch Schüler nach dem ersten Halbjahr der 11. Klasse melden und fragen, ob sie vom Gymnasium an die Gesamtschule wechseln können, um dort ihre Schullaufbahn fortzuführen. Nicht immer ist das aufgrund der in der Einführungsphase gewählten Fächer möglich. Manchmal gebe es dann Familien, die fragen, ob das Kind die 11. Klasse an der Gesamtschule wiederholen könne. „Das ist oft nicht sinnvoll“, sagt Schönwald. „Aber diese Gedanken entstehen bei Eltern, wenn sie merken, dass der Druck zu groß wird, Schüler sich in dem System, wo sie herkommen, nicht verstanden fühlen.“ Insgesamt steigt die Quote der Wechsler: Aufgrund dessen ist die Oberstufe nicht mehr drei- sondern vierzügig.

Angst, dass sie keinen Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen könnten, hätten die Schüler bislang nicht geäußert, sagt Schönwald. „Natürlich ist das Thema bei ihnen angekommen, sie wissen, welche Situation sie erwartet.“ Darum habe man bereits früh begonnen, alle Schüler, auch die, die nach der 10. Klasse die Schule verlassen, vorzubereiten. „Viele haben schon eine Ausbildungsstelle“, freut sich Schönwald. Insbesondere für die Studierwilligen werden die Workshops an der RWTH interessant werden. Aber: „Die allgemeine Stimmung ist nicht von Panik behaftet.“

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