Kinder kriegen? Erst nach der Ausbildung!

Von: Anna Fitscher
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Schüler der Gesamtschule Eschweiler kümmerten sich eine Woche lang im Rahmen einer Projektwoche hingebungsvoll um ihre Babypuppen. Foto: Anna Fitscher

Eschweiler. Dass Mädchen und Jungs im Alter von 14 Jahren noch mit Puppen spielen, ist heutzutage eher ungewöhnlich. Mit Spielen hat das Projekt des Pädagogikkurses der Gesamtschule Eschweiler auch wenig zu tun. Puppen sind hier aber trotzdem involviert.

Im Rahmen der Projektwoche „Vor dem Anfang starten – junge Menschen entwickeln Erziehungskompetenz“ übernahmen rund 20 Schüler eine Woche lang die Verantwortung für Babypuppen. Mit herkömmlichen Puppen haben diese allerdings nichts gemeinsam. Sie sind mit einem Computerprogramm ausgestattet, welches die Bedürfnisse eines Säuglings nachahmt. Windeln wechseln, Fläschchen geben und die Puppen in den Schlaf wiegen – all das gehörte somit zu den Aufgaben der Achtklässler.

Sensor am Rücken

Die Babysimulatoren sind am Rücken mit einem Sensor versehen, der auf einen Chip reagiert, den die „Eltern auf Zeit“ an einem Armband tragen. So konnten auch nur die Schüler selbst sich um ihre Puppen kümmern. Das Kind mal eben jemand anderem in die Hand drücken? Das war nicht möglich. Wenn die Schüler wirklich verhindert waren, mussten sie sich, wie im wahren Leben auch, um einen Babysitter kümmern.

Bei der 14-jährigen Samantha war das der Fall: Sie hatte morgens ihre Mofaführerscheinprüfung. Da das Baby mitnehmen? Unmöglich. Doch ihr Vater erklärte sich bereit, auf die Babypuppe Acht zu geben. So wurde ein zweiter Chip herausgegeben, damit Samanthas Vater sich der Puppe annehmen konnte. „Als ich nach Hause kam, kam mein Vater mir schon auf halbem Weg entgegen und drückte mir das Baby wieder in die Hand. So überfordert war er“, erzählt die 14-Jährige lachend.

„Das Projekt soll vor allem zeigen, was es bedeutet Mutter oder Vater zu sein“, erklärt Sozialarbeiterin Judith Zimmermann-Hardt, die das Projekt gemeinsam mit der Lehrerin des Pädagogikkurses Gabriele Pieta leitet. Schnell merkt man: Hier geht es um mehr als das reine Verhindernwollen von Teenager-Schwangerschaften. Natürlich wurde mit den Schülern im Unterricht auch über Verhütung gesprochen – dieses Thema dominierte jedoch nicht.

Die Schüler sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, was im Falle einer Schwangerschaft in jungen Jahren wirklich auf sie zukommt. So wurde auch über Abtreibung, Adoption und Vormundschaften für Kinder von Minderjährigen gesprochen. Das Interesse der Schüler sei hier enorm gewesen, berichtet ihre Lehrerin Pieta.

Auch mussten die Jugendlichen ihre Puppen zwei Nächte lang mit nach Hause nehmen. Die erste Nacht stellte sich dabei als besondere Herausforderung dar. Die Puppe der 14-jährigen Sarah schrie ununterbrochen. „Ich habe wirklich alles versucht, Fläschchen gegeben und Windeln gewechselt. Aber es schrie weiter. Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch“, erzählt die Schülerin.

Auch die Jungen des Pädagogikkurses empfanden die Nächte mit ihren Puppen als sehr anstrengend. „In der ersten Nacht habe ich höchstens eine halbe Stunde geschlafen“, erzählt Joey, der ebenfalls an dem Projekt teilnahm. „Da weiß man erst mal, was die eigenen Eltern auch mal durchgemacht haben“, ergänzt Joeys Freund Dominik, ohne wirklich den Blick von seinem Schützling zu wenden. Auch das Auftreten in der Öffentlichkeit mit ihren Babypuppen war ihnen manchmal unangenehm. „Den einen oder anderen blöden Blick oder Kommentar hat man sich schon mal eingefangen“, berichtet Joey weiter.

Was die Jugendlichen nicht wussten: Die Puppen sind auf drei Stufen einstellbar. Vom pflegeleichten bis hin zu einem sehr unruhigen Säugling können die Puppen alles simulieren. Beim Pädagogikkurs der Gesamtschule waren alle Puppen auf der schwierigsten Stufe eingestellt und damit sehr aufmerksamkeitsbedürftig. „Ich habe mich bewusst dafür entschieden, die Puppen so einzustellen. Ich war mir sicher, dass die Kinder damit umgehen können“, erläuterte Sozialpädagogin Zimmermann-Hardt. „Mit einem echten Baby könnte es kaum schlimmer werden“, ergänzt sie.

Die Erfahrungen aus der ersten Nacht nutzten die Projektleiterinnen schließlich, um mit den Schülern auch über Kindesmissbrauch zu sprechen. Denn nicht selten führen solche Situationen, in denen der Säugling lange schreit und nicht schlafen will, zu Überforderung. Um den Schülern zu zeigen, was passieren kann, wenn man sein Baby in so einem Fall beispielsweise schüttelt, hatte Zimmermann-Hardt eine ganz besondere Puppe mitgebracht. Ihr Schädel war durchsichtig und so konnte man das Gehirn sehen, auf dem auch die Areale eingezeichnet waren, die für Motorik, Feinmotorik, Emotionen oder das Gleichgewicht verantwortlich sind. Beim Schütteln der Puppe blinken die Areale rot auf, die bei einem echten Säugling geschädigt werden würden. „Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Kraft man aufwenden muss, um einen Säugling nachhaltig zu schädigen“, sagt Zimmermann-Hardt, während sie die Puppe ganz leicht schüttelt. Schon blinkt das Gehirnareal für Motorik heftig auf.

Drei Spezialpuppen

Auch sollte den Schülern klar gemacht werden, was mit Säuglingen passiert, bei denen während der Schwangerschaft Alkohol oder Drogen konsumiert werden. Auch dafür gab es zwei Spezialpuppen. Das „Alkohol-Baby“ hatte eine viel schmächtigere Statur und eine andere Gesichtsform. „Die Organschäden, die solch ein Kind davon trägt, sind hier nicht zu sehen“, erläutert Zimmermann-Hardt. Auch die „Drogen-Puppe“ war schmächtiger als die normalen Puppen. Zudem hatte es eine „Zitter-Funktion“, um den Entzug zu simulieren, den ein Baby nach der Geburt durchmachen würde.

Für die Jugendlichen des Pädagogikkurses hatte dieses Projekt in jedem Fall einen enormen Erfahrungswert. Trotzdem sind alle froh, ihre „Babys“ bald wieder los zu sein. Für alle steht fest: Kinder kriegen, das wollen sie erst nach Beendigung der Schule und einer Ausbildung.

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