Eschweiler - Keinen Bock auf Politik? Von wegen!

Keinen Bock auf Politik? Von wegen!

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
podiumsv2_
Fühlten mit gezielten Fragen den Politikern auf den Zahn: die Schülersprecher Ugur Uzungelis (links) und Michael Wieczorek.

Eschweiler. „Wählen gehen? Warum? Die da oben machen ja doch was sie wollen und ich kann mit meiner Stimme nichts bewirken!” Eine Einstellung, die zahlreiche Menschen in Deutschland teilen. Auch und gerade (zu) viele Jugendliche.

Diesem Verhalten entgegenzutreten, haben sich Schüler des Berufskollegs sowie Lehrer Alexander Victor, Leiter der Fachkonferenz Politik, auf die Fahne geschrieben. Nach wochenlanger Vorbereitung lud am gestrigen Mittwochmorgen die Schülervertretung des Berufskollegs unter der Überschrift „Politik trifft Jugend” zu einer Diskussionsrunde zum Thema „Politik- oder Parteienverdrossenheit? Kehrt die Jugend der Politik den Rücken zu?” in ihre Schule ein.

Kaum ein Blatt vor dem Mund

Mit Karin Schmitt-Promny (Bündnis 90/Die Grünen), Stefan Kämmerling (SPD) und Helmut Brandt (CDU) stellten sich drei Politiker den Fragen unseres Redakteurs Patrick Nowicki, der Schülersprecher Ugur Uzungelis und Michael Wieczorek sowie der Schüler im Publikum und nahmen dabei kaum ein Blatt vor den Mund.

„Ich erlebe im Unterricht leider oft, dass Schüler in Sachen Politik desinteressiert sind. Das zeigt sich ja auch an der geringer werdenden Wahlbeteiligung. Darüber hinaus verlieren die Parteien Mitglieder und werden im Durchschnitt immer älter. Die Folge: Extremisten von Rechts und Links werden gestärkt, die Demokratie geschwächt”, erläuterte Alexander Victor zu Beginn der Veranstaltung seine Beweggründe, eine Diskussionsrunde ins Leben zu rufen. Doch warum interessieren sich so wenige junge Menschen für Politik? „Ich denke, die Art und Weise, wie sich Politik und Politiker darstellen, erreicht Jugendliche nicht. Es ist unsere Aufgabe, dies zu ändern”, machte Karin Schmitt-Promny, Mitglied des Finanz- und Wirtschaftsausschuss der Stadt Aachen, deutlich.

Ebenfalls selbstkritisch zeigte sich Helmut Brandt: „Uns Politikern ist es zuletzt nicht gelungen zu vermitteln, wie wichtig und notwendig es für die Demokratie ist, sich einzubringen.” Ein Kompliment an den Koalitionspartner in NRW gab Sozialdemokrat Stefan Kämmerling weiter: „Mit den Grünen gibt es momentan eine Partei, die es schafft, junge Menschen anzusprechen. Viele fühlen sich eingeladen und haben Spaß, sich mit dem Programm zu beschäftigen.”

Doch wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Politik? „Werden Wahlversprechen immer eingehalten?”, hakte Ugur Uzungelis nach. „Nein”, lautete die einhellige und ehrliche Antwort der drei Politiker. „Jede Partei ist bemüht, ihre Versprechen umzusetzen. Dies gelingt aber nicht immer. Die CDU vertritt ein breites Spektrum an Mitgliedern und Wählern und wir versuchen, einen Weg zu finden, der allen gerecht wird. Doch es gibt auch in meiner Partei immer wieder Aussagen, die ich nicht für richtig halte”, ließ Helmut Brandt, der seit 2005 Mitglied des Bundestags ist, wissen.

Kein beitragsfreies Kindergartenjahr

Stefan Kämmerling nannte ein aktuelles Beispiel: „Wir haben im Kommunalwahlkampf versprochen, ein Kindergartenjahr beitragsfrei zu stellen. Doch das ist derzeit finanziell einfach nicht machbar.”

Ein Thema, das den Schülern auf den Nägeln brennt, ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. So berichtete eine körperbehinderte Schülerin, mehr als 100 Bewerbungen geschrieben, aber lediglich fünf oder sechs (!) Antworten erhalten zu haben. „Ein gesamtgesellschaftliches Problem, für das auch ich keine Patentlösung parat habe”, räumte Stefan Kämmerling ein, dass Politik an Grenzen stoße.

Karin Schmitt-Promny riet ihren jungen Zuhörern, mehrere Berufsbilder ins Auge zu fassen. „Darüber hinaus müssen Schüler schon vor dem Besuch eines Berufskollegs dazu gebracht werden, sich mit ihrem späteren Berufswunsch auseinanderzusetzen.”

Dass politisches Engagement junger Menschen Veränderungen herbeiführen können, unterstrich Stefan Kämmerling: „Die Jusos haben dafür gekämpft, die Studiengebühren in NRW wieder abzuschaffen. Dies ist gelungen. Jugendorganisationen können also Dinge anstoßen”, so der stellvertretende Vorsitzende des SPD-Unterbezirks der Städteregion Aachen, der hofft, dass sich nach der sachlichen Diskussion einige Schüler des Berufskollegs informieren, wo sie sich politisch betätigen können. „Dies wäre ein optimales Ergebnis.”

Karin Schmitt-Promny und Helmut Brandt stießen in die gleiche Kerbe. „Wir sind auf Sie angewiesen”, betonte der Christdemokrat. Und die Politikerin der Grünen ergänzte: „Nicht wir gestalten die Zukunft, sondern Sie, wenn Sie sich engagieren und uns Anstöße geben.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert