Kein Stein, kein Name: Friedhofsfeld als letzte Ruhestätte

Von: Annika Kasties
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Kein Grabstein und kein Kreuz: Auf dem Friedhof Stich verweisen allgemeine Gedenksteine auf anonyme Grabstätten. Foto: Annika Kasties

Eschweiler. Wenn sich Wolfgang Cohnen in seinem Büro im Rathaus an die Arbeit macht, dann steht immer wieder Detektivarbeit auf dem Programm. Der Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes sucht Angehörige von Verstorbenen.

Wenn in der Indestadt jemand stirbt und keine Verwandten hinterlässt, die sich um die Bestattung kümmern, muss die Stadt einspringen. Zehn Tage Zeit bleiben, um die Beisetzung zu organisieren – und nach Möglichkeit noch direkte Verwandte aufzuspüren, die dafür die Kosten übernehmen.

Die Suche von Cohnen und seinen Kollegen beginnt mit dem Standesamtsregister. War der Verstorbene verheiratet? Wo wurde er geboren? Gibt es Geschwister, noch lebende Eltern oder Kinder? „Um das herauszufinden, telefonieren wir quer durch Deutschland und mitunter sogar ins Ausland“, sagt Cohnen und räumt ein: „Das ist schon sehr zeitintensiv.“

In welcher Reihenfolge Angehörige ihrer Bestattungspflicht nachkommen müssen, ist nach dem Bestattungsgesetz streng vorgegeben. Zunächst suchen die Mitarbeiter des Ordnungsamtes nach Ehegatten oder eingetragenen Lebenspartnern, anschließend versuchen sie volljährige Kinder, Eltern, volljährige Geschwister und Großeltern aufzuspüren. Sobald sie einen direkten Angehörigen innerhalb der Zehn-Tages-Frist ermittelt haben, muss sich dieser um die Bestattung kümmern. Kommt der Verwandte dem nicht nach, leitet das Ordnungsamt das Begräbnis ein und schickt dem verpflichteten Familienmitglied anschließend eine Rechnung.

Finanzielle Härtefälle, in denen der ermittelte Verwandte eine Bestattung organisieren will, diese aber nicht finanzieren kann, fallen in der Regel jedoch nicht in das Aufgabenfeld des Ordnungsamtes. Für eine mögliche Übernahme dieser Beerdigungskosten ist das Sozialamt zuständig.

Auch wenn die von der Stadt organisierten Bestattungen im Volksmund „Armenbegräbnisse“ genannt werden, verbergen sich für Wolfgang Cohnen dahinter vor allem schwierige Familienverhältnisse. Der Sohn, der seinen Vater nie kennenlernte, Familienzwist, Vereinsamung. Die Reaktionen der ermittelten Verwandten – sowohl auf die Nachricht des Todesfalls als auch auf die Aufforderung, für die Bestattung aufzukommen – seien dementsprechend sehr unterschiedlich, berichtet Cohnen. „Von ‚totaler Ablehnung‘ bis ‚am Boden zerstört‘ habe ich schon alles miterlebt.“ Das sei auch für die Beamten des Ordnungsamtes nicht immer einfach.

All der persönlichen Schicksale zum Trotz werden Angehörige jedoch nur in Ausnahmefällen von ihrer Pflicht, die Beisetzungskosten zu übernehmen, befreit, berichtet Cohnen. So zum Beispiel bei Missbrauchsfällen. „Dass Betroffene dann die Kosten für die Bestattung übernehmen müssen, wäre einfach nicht zumutbar“, betont der Mitarbeiter des Ordnungsamtes.

Die Tendenz der Armenbegräbnisse ist in Eschweiler steigend. 2013 verzeichnete die Indestadt noch 19 Fälle, im darauffolgenden Jahr stieg die Anzahl um fünf Fälle. 2015 waren es bereits 30. Cohnen erklärt sich diese Entwicklung damit, dass in Eschweiler mit dem St.-Antonius-Hospital und zahlreichen Seniorenheimen immer häufiger Menschen sterben, die keine ortsnahen Angehörigen haben.

Den Steuerzahler kostet ein Armenbegräbnis rund 2800 Euro, schätzt Cohnen. Darin enthalten sind die Kosten für den Bestatter, die Friedhofsgebühren, die Einäscherung sowie die Urne. Prunk ist für diese Summe nicht zu erwarten. Die Verstorbenen werden anonym auf einem der Eschweiler Friedhöfe beigesetzt. Kein Grabstein, kein Kreuz. Auf dem Friedhof Stich verweisen lediglich allgemeine Gedenksteine auf die ansonsten schmucklosen Wiesen, die für anonyme Urnenbestattungen vorgesehen sind.

Die Bestattung selbst gestalte sich je nach Einzelfall unterschiedlich, betont der Beamte. In einigen Fällen wohnen Freunde und Bekannte, beispielsweise aus dem Seniorenheim, dem Begräbnis bei. Manchmal erweisen jedoch auch lediglich ein Friedhofsmitarbeiter sowie ein Bestatter dem Verstorbenen die letzte Ehre.

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