Kaum noch Wohnungen für Hilfsbedürftige

Von: Patrick Nowicki
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Bezahlbare Wohnungen für Geringverdiener und Sozialschwache sind in Eschweiler dünn gesät. Die Stadt will deswegen in den Sozialwohnungsbau investieren. Foto: Patrick Nowicki
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Erfährt, dass sich arme Menschen immer mehr in die Ecke gestellt fühlen: Sozialarbeiterin Carmen Rosendahl-Küpper vom SkF. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Carmen Rosendahl-Küpper ist keine, die ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn etwas in Schieflage gerät. Die Sozialarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) weiß aus ihrer täglichen Erfahrung in der Schuldner- und Insolvenzberatung, was die Ärmsten in der Gesellschaft bewegt. Derzeit schlägt sie Alarm.

Immer mehr ihrer Klienten fühlen sich allein gelassen, in die Ecke gedrängt. Vor allem die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung wird immer schwieriger. Warum? Weil immer mehr Flüchtlinge auf dem freien Wohnungsmarkt Unterkünfte zugewiesen bekommen. „Wenn die betroffenen Menschen dann noch sehen, dass im Moment Flüchtlinge die große Aufmerksamkeit und Hilfe bekommen, dann verstört sie das – dafür habe ich auch Verständnis“, sagt sie.

Mit großer Sorge betrachtet sie die aktuelle Entwicklung und nimmt vor allem die Politik ins Gebet: „Was derzeit passiert, ist ein Hauen und Stechen auf den Rücken der Ärmsten. Es werden Minderheiten gegeneinander ausgespielt.“ Dabei seien die Flüchtlinge nicht plötzlich da, sondern man habe das Problem kommen sehen, meint sie und ergänzt: „Da hätte man sich vorbereiten und handeln müssen, statt jetzt erst zu reagieren.“ Die Hilfe für die Flüchtlinge selbst sei wichtig und dürfe niemand in Frage stellen.

Während die Arbeit mit den Flüchtlingen Kräfte bündelt, wächst auch der Bedarf an sozialer Beratung. „Wir könnten jeden Tag Sprechstunden anbieten, aber uns fehlt das Geld und das Personal“, berichtet sie. Die Altersarmut nehme zu, nicht nur bei Frauen. Viele Männer, die einmal selbstständig waren, müssen im Alter auf staatliche Hilfe zurückgreifen. Ablesbar sei diese Entwicklung auch an der steigenden Zahl der Tafelkunden. Dort sind aktuell etwa 600 Kundenkarten ausgegeben. Dahinter verbergen sich Einzelpersonen, aber auch Familien.

Die Tafel geht von 1800 bis 2000 Menschen aus, die mit Lebensmitteln aus dem Laden an der Röthgener Straße versorgt werden. „In den letzten Wochen erleben wir schon einen bedeutenden Anstieg“, sagt der 2. Vorsitzende der Eschweiler Tafel, Horst Berretz. Allerdings führt er die Steigerung auch auf die wachsende Zahl der Flüchtlinge zurück, die nun Kunden der Tafel werden.

Im Eschweiler Rathaus hat man die Entwicklung genau im Auge. „Ich habe immer betont, dass wir bei der aktuellen Krise das Tagesgeschäft nicht vernachlässigen dürfen“, sagt Bürgermeister Rudi Bertram. Dazu ist die Verwaltungsspitze überzeugt, die aktuellen Aufgaben nicht mehr mit dem vorhandenen Personal bewerkstelligen zu können. Am Dienstag fasste man den Beschluss, zwei bis vier Stellen zusätzlich auszuschreiben. Unter anderem will man in der Sozialarbeit das Team verstärken. Dies geschieht trotz eines Personalkonzeptes, das sich die Stadt im Zuge des Haushaltssicherungskonzeptes auflegen musste. „Wir haben nun eine Sondersituation, auf die wir reagieren müssen“, betont Bertram und geht von einer Genehmigung der zusätzlichen Stellen aus.

Nicht nur personell will die Kommune nachlegen. Die Stadt will wieder in den sozialen Wohnungsbau einsteigen. „Wir sind auf der Suche nach passenden Liegenschaften“, teilt Bertram mit. Allerdings will man nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Die Häuser sollen im gesamten Stadtgebiet verteilt und nicht an einer Stelle gebündelt gebaut werden. Dieser Schritt sei nicht nur wegen der aktuellen Flüchtlingslage erforderlich. „Wir haben uns in der Vergangenheit von vielen Einrichtungen getrennt, als der Bedarf nicht vorhanden war“, sagt Bertram. Er zielt auf die inzwischen abgerissenen Sozialbauten in Bergrath und Röhe. Von der Art der Finanzierung will es der Verwaltungschef abhängig machen, ob die Strukturfördergesellschaft für die klamme Stadt den Bau übernimmt.

Die Probleme bei der Wohnungssuche für Arme sind in den Augen von Carmen Rosendahl-Küpper auch systembedingt: Das Jobcenter und das Sozialamt sind an bestimmte Sätze gebunden. So steht einer Einzelperson im ALG-II-Bezug (Hartz IV) ein Mietzuschuss in Höhe von 329 Euro inklusive Nebenkosten zur Verfügung. Darin sind die Heizkosten nicht enthalten. „Wenn die Miete höher ausfällt, dann muss der Betroffene entweder in eine günstigere Wohnung umziehen oder die Mehrkosten von seiner sonstigen Unterstützung bezahlen“, sagt sie. Die Grundsicherung eines Haushaltsvorstands liegt aktuell bei 399 Euro monatlich – für Essen, Kleidung und mehr. Bei der Unterbringung der Flüchtlinge sind die Miethöchstsätze deutlich flexibler zu gestalten. Im Gesetz ist von „marktüblichen Preisen“ für die Unterbringung die Rede.

Dass die Hilfsbereitschaft bei Flüchtlingen sehr hoch ist, spürt der Sozialdienst katholischer Frauen in der Kleiderkammer. Sie wird inzwischen so stark unterstützt, dass man dort keine Kleidung mehr annehmen kann. Die Kartons stapeln sich im ehemaligen Pfarrzentrum St. Michael an der Steinstraße, wo die Kleiderkammer übergangsweise Ausweichräume gefunden hat. Die Nähe zu den beiden Erstunterkünften in den Sporthallen an der Jahn- und an der August-Thyssen-Straße ist natürlich von Vorteil. Allerdings stoßen die Ehrenamtler nach Ansicht von Carmen Rosendahl-Küpper immer mehr an ihre Grenzen: „Ich bewundere die Menschen, die sich dort für uns einsetzen“, sagt sie. Zugleich beobachtet sie aber auch, dass viele „am Ende ihrer Kräfte“ sind.

Das Engagement der Helfer in der Eschweiler Tafel ist ungebrochen. „Immer wieder melden sich Menschen, die ehrenamtlich mitmachen wollen“, sagt Horst Berretz. Beim SkF hingegen ist man ständig auf der Suche nach weiteren Helfern (siehe Box). „Die Aufgaben der Sozialverbände wachsen“, nennt Rosendahl-Küpper eine Ursache. Und ständig öffnen sich neue Problemfelder. Waren es im vorigen Jahr die enorm gestiegenen Energiekosten, die die sozial Schwachen belasteten, gestaltet sich nun die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung als schwierig.

Im Jobcenter der Städteregion sieht man die Entwicklung hingegen äußerst entspannt. In einem Schreiben von Juni dieses Jahres teilte es Betroffenen mit, die Probleme mit der Zahlung der Miete haben, in „eine preiswertere Wohnung umzuziehen“. Weiter heißt es: „Im Wohnungsmarkt der Region steht genügend viel angemessenerer Wohnraum zur Verfügung.“ Dem widerspricht Rosendahl-Küpper. Der Eschweiler Sozialdienst katholischer Frauen habe ganz andere Erfahrungen gemacht.

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