Eschweiler - Kaum irgendwo wird so wenig gelesen wie hier

Kaum irgendwo wird so wenig gelesen wie hier

Von: Stefan Herrmann
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Angenehme Atmosphäre, freundliches Personal - dennoch steht die Stadtbücherei Eschweiler mit ihren Ausleihzahlen deutschlandweit ganz unten in der Rangfolge. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Sind die Indestädter besonders lesefaul? Diese Vermutung kommt auf, wenn man der aktuellen Ausgabe des Zeit-Magazins glauben schenkt. Mit 1,88 Entleihungen pro Einwohner und Jahr belegt die Eschweiler Stadtbücherei in einem deutschlandweiten Vergleich unter Städten mit mehr als 40.000 Einwohnern den achtletzten Platz.

Eine Botschaft, die ausgerechnet im Jubiläumsjahr so gar nicht ins Bild passt.

Denn im Jahr des 100-jährigen Bestehens der Stadtbücherei wollte die stellvertretende Leiterin Michaele Schmülling-Kosel auf Anfrage unserer Zeitung nur so viel sagen, dass die Bücherei im vergangenen Jahr so erfolgreich war wie noch nie seit ihrer Gründung am 8. November 1909.

Damals wurde die Volksbibliothek und öffentliche Lesehalle an der Kaiserstraße eröffnet. Mit gerade einmal 800 Bänden gestartet, verfügt sie mittlerweile über 43.807 (Stand 2007) Bücher und Medien.

Gemessen an der Einwohnerzahl von etwa 56.000 ist der Bestand der kommunalen Einrichtung allerdings nicht sehr hoch. Empfehlungen, nach denen pro Einwohner mindestens ein Buch in den Regalen einer Stadtbücherei stehen sollte, können an der Inde nicht umgesetzt werden.

Doch befindet sich Eschweiler in „guter” Gesellschaft. Denn laut Zeit-Magazin liegt der Großteil der 25 Stadtbibliotheken mit den wenigsten Entleihungen im Rheinland.

In direkter Nachbarschaft sind es Herzogenrath (1,84 Entleihungen pro Einwohner und Jahr), Alsdorf (2,19) und Heinsberg (1,94). Die Laterne als Schlusslicht hält abgeschlagen der Nachbar aus Stolberg mit 0,95 Büchern, die statistisch gesehen jeder Kupferstädter in 365 Tagen entleiht.

Ist die Region damit im einstigen Land der Dichter und Denker besonders träge, wenn es um das Wälzen von Schmökern geht? Oder aber kaufen in Eschweiler, Stolberg und anderen Städten der Umgebung die Leute ihre Lieblingstitel gleich beim Buchhändler ihres Vertrauens für die heimische Bücherwand?

Dem Schwabenland verleiht das Zeit-Magazin zumindest vorerst den Titel „Büchereien-Musterland”. Ob Stuttgart (9,74), Ludwigsburg (12,81), Böblingen (10,8) oder Tübingen (9,84) - baden-württembergische Kommunen sind auf der Stadtbibliothekskarte besonders häufig vertreten.

Der absolute Spitzenreiter kommt allerdings aus der bayrischen Oberpfalz: In Weiden leiht jeder Einwohner stolze 16,15 Bücher pro Kalenderjahr aus. Das würde bedeuten, dass jeder Weidener gut alle drei Wochen ein neues Buch zur Hand nimmt.

Vorausgesetzt, es handelt sich wirklich nur um gedruckte Titel. Schließlich gehen Stadtbüchereien mit dem Zeitgeist und verfügen daher oftmals auch über ein großes multi-mediales Angebot: DVDs, CDs und CD-Roms - all das findet sich seit Jahren auch in Eschweilers Bücherei direkt am Rathaus.

Doch wie so vieles ist auch eine Stadtbücherei abhängig vom Geldfluss, den eine Kommune ihr zukommen lässt, um den Bestand mit Neuheiten aufzufrischen.

An den indestädtischen Ausleihgebühren kann die magere Zahl von lediglich 1,88 Entleihungen pro Einwohner und Jahr kaum liegen. Für bis zu fünf Medien (außer Spielfilmen auf Video und DVD) bezahlen Eschweiler Bürger über 18 Jahre 0,30 Euro. Minderjährige können sogar umsonst ausleihen.

„Bei der Gebührenstruktur liegen wir im unteren Segment”, sagt Stefan Kaever und scheut nicht den Vergleich mit anderen Stadtbibliotheken.

Der Stadtsprecher bestätigt zwar die Zahlen des Zeit-Magazins, sieht Eschweilers Einrichtung aber trotzdem auf einem guten Weg. So habe man allein im vergangenen Jahr mit einem Etat von 40.000 Euro insgesamt 2335 neue Medien angeschafft. Das seien, so Kaever, immerhin rund fünf Prozent des Gesamtbestandes.

Mit süddeutschen Stadtbücherein können hiesige Kommunen allerdings nicht mithalten, die traditionell viel Wert auf die Ausstattung ihrer Bibliotheken legen. Zahlreiche ostdeutsche Städte, die ebenfalls gut bei der Bücherei-Rangfolge abschneiden, haben zusätzlich nach der Wiedervereinigung von Solidarmaßnahmen profitiert, sagt Stadtsprecher Kaever.

Es gebe daher ein ganzes Bündel an Gründen für das schlechte Abschneiden von Eschweiler und vielen weiteren Stadtbüchereien im Rheinland. „Die andere haben eine bessere Personalausstattung, einen größeren Etat, mehr Bibliotheksfläche”, erklärt Stefan Kaever. „Es hat absolut nichts mit unserer Einrichtung an sich und schon gar nicht mit dem Einsatz unseres Personals zu tun.”

Das beweisen konkrete Zahlen: Während im schwäbischen Waibingen (52.000 Einwohner) 116.000 Medien die Bücherei füllen, sind es in Eschweiler 43.000.

Dafür stehen dort dann knapp 14 Vollzeitstellen zur Verfügung, in der Indestadt sind es viereinhalb Stellen.

Es gelte daher vielmehr, durch öffentlichkeitswirksame Aktionen die Lust am Lesen zu wecken. „Gerade im Jubiläumsjahr unserer Stadtbücherei wird hier noch einiges folgen”, verspricht der Stadtsprecher, dass das Buch auch in Zukunft in der Indestadt nicht zu kurz kommen soll.

Auch nicht in Folge der finanziell angespannten Haushaltslage. Die Stadtbücherei ist nämlich eine freiwillige Leistung der Kommune. Und soll es auch bleiben. „Das wird sich nicht ändern”, verspricht Kaever.
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