Katholiken verabschieden sich mit Tränen von ihrem Zentrum

Von: Andreas Röchter
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Bewegender Abschied: Zahlreiche Gläubige füllten ein letztes Mal während eines Gottesdienstes die Stuhlreihen der Pfarrkirche St. Michael. Foto: Andreas Röchter
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Starkes Symbol: Die Gottesdienstbesucher erhielten die Gelegenheit, einen gesegneten Stein an sich zu nehmen, der nicht nur an das Gebäude, sondern vor allem an die Menschen der Gemeinde erinnern soll. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. 75 bewegende Minuten! Feierlich und würdevoll, doch auch voller Wehmut und Traurigkeit! Denn die Eucharistiefeier am Samstagabend in der Pfarrkirche St. Michael war der letzte Gottesdienst in dem Gebäude, das im Jahr 1972 errichtet und zur Kirche geweiht worden war.

Um kurz nach 20 Uhr verlas Domkapitular Rolf-Peter Cremer das von Bischof Heinrich Mussinghoff unterzeichnete Profanierungsdekret. Wenig später erlosch das „Ewige Licht“, bevor das Allerheiligste aus dem katholischen Gotteshaus getragen wurde.

Damit war die Entwidmung der Kirche vollendet. Am kommenden Samstag wird in der Pfarrkirche Herz-Jesu ein weiterer Profanierungsgottesdienst stattfinden. Danach wird die Katholische Pfarrgemeinde St. Peter und Paul als Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Stadtmitte auf die Seelsorgebezirke und Gemeindezentren St. Peter und Paul sowie St. Antonius Röhe geschrumpft sein.

Pfarrer Christoph Graaf, der die Heilige Messe am Samstagabend mit Rolf-Peter Cremer und unterstützt von Diakon Bernhard Habermeyer zelebrierte, begrüßte die Gläubigen in der vollbesetzten Kirche „zum wohl schwierigsten Moment“ in der mehr als 40-jährigen Geschichte des nun ehemaligen Gemeindezentrums. Denn „ein Zentrum“ sei das Gotteshaus für die Mitglieder der Gemeinde St. Michael immer gewesen, wie Hans Coenen als jahrzehntelanges engagiertes Gemeindemitglied in einer emotionalen Ansprache unterstrich. „Hier haben wir uns seit 1972 zu Gottesdiensten in modernen und traditionellen Formen, darunter neben Eucharistiefeiern auch zum Ewigen Gebet, Mai-, Rosenkranz-, Kreuzweg- und Wallfahrtsandachten, Friedensgebeten, Behindertengottesdiensten, Nachtwachen und viele Jahre lang zu ungewöhnlich gut besuchten Kinder- und Familiengottesdiensten versammelt. Aber nicht nur das: Das Gemeindezentrum diente außer als Kirche auch als Versammlungsort und Treffpunkt der Gemeinde!“

Um den ersten und einzigen „eigenen“ Pfarrer Hubert Beyer, der die Gemeinde nahezu 27 Jahre lang leitete und nach wie vor in besonders guter Erinnerung sei, habe sich schon bald nach der Einweihung ein außergewöhnlich reges Gemeindeleben mit geradezu legendären Pfarrfesten entwickelt. Wöchentliche Seniorennachmittage hätten den Raum jedes Mal gefüllt. Darüber hinaus seien Kinderferienspiele und -freizeiten, die Flüchtlings- und Ausländerarbeit der Bunten Gruppe sowie die Kirchenmusik mit Chor, Kinderchor, der Orff-Gruppe und dem Gospel-Chor feste und wichtige Bestandteile der Gemeindearbeit gewesen. „Zeitweilig agierten und existierten bis zu 30 Gruppen, Vereine, Arbeitskreise und Initiativen in dieser Pfarre. Die Gemeinde verstand sich als offen und einladend im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils mit einem engagierten Pastor und selbstbewussten Laien – eben als Volk Gottes“, so Hans Coenen.

All dies mache die Schließung dieser Kirche, dieses Zentrums, besonders schmerzlich. Der Fusion der vier Gemeinden St. Peter und Paul, St. Antonius Röhe, Herz-Jesu und St. Michael im Jahre 2009 sei die mit Kopfschütteln entgegengenommene Streichung der Wortgottesdienste in St. Michael vorangegangen. Im Jahr 2011 sei dann die „fatale neue Gottesdienstordnung“, die in den Gemeindezentren St. Michael und Herz-Jesu keine Gottesdienste am Wochenende mehr vorgesehen und vehemente Proteste ausgelöst habe, in Kraft getreten. „Nun empfinden wir Trauer und Wehmut, manche auch Enttäuschung und Bitterkeit! Der Friede Gottes geleite uns als wanderndes Volk Gottes auf dem weiteren Weg zu neuen Ufern und neuem Land - gleichsam auf Neulandsuche“, schloss Hans Coenen seine Ausführungen, die die Zuhörer spürbar emotional berührten.

Auch Rolf-Peter Cremer bemühte in seiner Predigt das Bild des wandernden Gottesvolkes. „Wir müssen erkennen, das eine Zeit angebrochen ist, in der unser Wandern im Vordergrund steht. Ich wünsche ihnen nun die Kraft, nach vorne blicken zu können. St. Michael verliert sein Zentrum, aber nicht die Menschen“, sprach der Domkapitular die Gläubigen direkt an. Gott baue ein Haus, das lebe, denn die Lebendigkeit der Menschen, die die Gemeinde St. Michael prägten und prägen, bliebe bestehen. „Was nun bleibt, ist nicht der Rest, sondern die Qualität einer Gemeinde, die von ihren Menschen weiterhin mitgestaltet werden kann.“

Die Menschen, die das Gemeindezentrum St. Michael mit Leben erfüllt hätten, könnten auf Gott vertrauen, der ihnen mehr als vier Jahrzehnte lang die Kraft geschenkt habe und den Weg mitgegangen sei. „Gott geht mit ihnen in die Zukunft“, versicherte Rolf-Peter Cremer, der wenig später kleine Steine als „lebendige Steine“ segnete, nicht als Symbol für das kurz darauf entwidmete Gebäude, sondern für die Menschen, die es zum Leben erweckt hätten und nun diese Steine mit nach Hause nahmen.

Dem Schlussgebet folgte die Verlesung des Profanierungsdekrets, das Löschen des Ewigen Lichts, der Segen und die Sendung. Lautstark sang die Gemeinde das Schlusslied „Bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand“. Dann war das Gotteshaus St. Michael Geschichte. Einige Gläubige blieben auch nach dem Auszug der Zelebranten noch einige Zeit auf ihren Plätzen. Und so manche Träne floss...

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