Katastrophenschutz: 45.000 Jodtabletten für den Atomunfall

Von: Patrick Nowicki
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Das Atomkraftwerk Tihange des Betreibers Electrabel in Belgien ist nach einigen Vorfällen in die Kritik geraten. Auch in der Stadt Eschweiler bereitet man sich für den Fall vor, dass radioaktive Strahlung aus dem Kraftwerk austritt. Foto: Oliver Berg/Patrick Nowicki
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Edmund Müller zeigt das Organigramm für den Katastrophenfall. Foto: Oliver Berg/Patrick Nowicki
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45000 Exemplare dieser Kaliumiodidtabletten lagern derzeit bei der Stadtverwaltung Eschweiler. Foto: Oliver Berg/Patrick Nowicki

Eschweiler. Es bestehen viele Pläne im Rathaus, wie Feuerwehr, Rettungsorganisationen und Ordnungsamt vorzugehen haben, wenn es zu größeren Ereignissen kommt. Katastrophenschutz zählt schließlich zum Aufgabengebiet einer Kommune.

Die Abläufe, was zu tun ist, wenn die Inde über die Ufer tritt oder es zu einem schweren Autounfall auf der Autobahn kommt, sind klar festgelegt. Mit der Diskussion über das Kernkraftwerk Tihange kommt aktuell eine neue Situation auf die Mitarbeiter in der Stadtverwaltung zu: Wie ist zu handeln, wenn es dort zu einem GAU (Größter Anzunehmender Unfall) kommt, wenn also eine radioaktiv verseuchte Wolke auf Eschweiler zukommt?

Wunsch nach einheitlicher Lösung

Die Verwaltung arbeitet unter Federführung des Ordnungsamtsleiters Edmund Müller derzeit einen Ablaufplan aus. Er wünscht sich eine einheitliche Lösung für die betroffenen Kreise Euskirchen, Heinsberg und Düren sowie die Städteregion Aachen. Derzeit lagern 45.000 Kaliumiodidtabletten bei der Stadt Eschweiler, die an die Menschen verteilt werden können. Sie sollen im Nuklearfall verhindern, dass radioaktives Jod in der Schilddrüse angereichert wird. Allerdings gilt dies nur für Menschen, die das 45. Lebensjahr noch nicht überschritten haben.

Bei Älteren überwiegt das Risiko einer Schilddrüsenüberfunktion. In Eschweiler würden demnach 30.000 Menschen Jod erhalten. Die Tabletten wurden im vergangenen Jahr von Simmerath nach Eschweiler gebracht. Allerdings nicht vor dem Hintergrund der Tihange-Debatte, sondern wegen der Nähe zum Forschungszentrum Jülich. „Viele vergessen in der aktuellen Diskussion völlig, dass wenige Kilometer von Eschweiler entfernt auch ein Reaktor steht“, sagt Edmund Müller.

Nach einer möglichen Katastrophe bleiben in Eschweiler, so schätzt Müller, etwa 24 Stunden Zeit, um eine Jodtablette zu nehmen. Tihange ist knapp über 75 Kilometer entfernt, Eschweiler liegt damit in der sogenannten Außenzone. Darin sind die Behörden verpflichtet, die Menschen zu informieren, wenn es zu einem Reaktorunfall gekommen ist. Der erste Alarm erfolgt nach einem System, das vor Jahren abgebaut und nun wieder errichtet wird: über Sirenen.

20 Standorte hat man im gesamten Stadtgebiet ausgemacht. Die Ausschreibungen laufen, im kommenden Jahr sollen alle Signalgeber installiert sein. Weitere Informationen sollen per App, Internet und Radio erfolgen. Da die Behörden damit rechnen, dass Handynetze und Internetleitungen im Katastrophenfall überlastet sind, raten sie dazu, sich dann vorrangig über Radio auf den neusten Stand der Dinge bringen zu lassen. Zusätzlich sollen die Kommunen Warndurchsagen organisieren.

Logistisch kämen große Herausforderungen auf die Retter zu. So ist die Frage zu klären, wie und wo die Tabletten an die Menschen verteilt werden. Die Städteregion hat empfohlen, sich an den Wahllokalen zu orientieren. In Eschweiler müsste man demnach 30 solcher Vergabestellen einrichten, die jede mit drei Personen besetzt sind. Müller hält diese Vorgehensweise für schwierig: „90 Personen zu finden, die diese Stellen besetzen, ist nahezu unmöglich, weil natürlich auch andere Aufgaben dann zu erledigen sind.“ Im vorläufigen Plan geht die Stadtverwaltung Eschweiler von zehn Vergabestellen aus. Sie würden im Ernstfall mit Mitarbeitern des Ordnungsamts und der Feuerwehr besetzt. In Kraft ist dieser Plan jedoch noch nicht.

Ohnehin will man dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen schon Kaliumiodidtabletten bei sich zu Hause haben. Sie werden kostenlos ausgegeben, wenn man einen Berechtigungsschein vorzeigen kann. Dieser soll auf verschiedenen Wegen erworben werden können – auch online. Noch in diesem Jahr sollen die Wege freigeschaltet und bekanntgemacht werden. Diese Aufgabe übernehmen die Kreise und die Städteregion Aachen.

Stefan Siehoff vom Amt für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz in der Städteregion Aachen, sprach vor wenigen Wochen im Eschweiler Stadtrat über die Konzepte der Tablettenverteilung. Wichtig war ihm jedoch auch, vor Panik zu warnen: „Ich muss betonen, dass das Eintreten eines Unfalls äußerst unwahrscheinlich ist.“ Dass dennoch ein hoher Informationsbedarf bei den Menschen besteht, wurde anhand der zahlreichen Fragen im Ratssaal deutlich. Das Thema soll darum noch mal auf die Tagesordnung genommen werden.

Im Rathaus kann noch niemand genau einschätzen, was passiert, wenn es wirklich zu einer Katastrophe kommt. Die aktuelle Diskussion über Tihange hat in den Augen von Edmund Müller den positiven Effekt, dass der Katastrophenschutz beleuchtet und auf neue Füße gestellt wird: „Dieser ist jahrelang vernachlässigt worden“, meint Müller. Eine Organigramm unter dem Titel „außergewöhnliche Ereignisse“, das die Zuständigkeiten und Ansprechpartner regelt, besteht bereits in Eschweiler.

Verschiedene Ereignisse

Dahinter muss sich nicht nur ein Atom-GAU verbergen, auch beim Hochwasser vor zwei Jahren, bei Orkan Kyrill vor zehn Jahren und der Suche nach dem entlaufenen Wolf griff das Programm der Stadt. Der Ordnungsamtsleiter fürchtet, dass es immer häufiger zu besonderen Ereignissen kommen kann: „Die Welt ist zunehmend technisiert und dadurch auch anfälliger geworden. Was passiert zum Beispiel, wenn es zu einem längeren Stromausfall kommt?“ Bei Feuerwehr und Verwaltung will man für möglichst viele Fälle vorbereitet sein.

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