Katastrophen darf niemand verschlafen

Von: Rudolf Müller
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Die ganze Stadt im Blick: Notfallplaner Martin Wettig (links) erläutert auf dem Dach des Rathauses Ordnungsamtsleiter Edmund Müller die künftigen Standorte der neuen Sirenen. Bis Ende des Jahres soll die Lieferung der Sirenen für die insgesamt 163 Standorte in der Städteregion ausgeschrieben und vergeben sein. Ab Januar werden die ersten in Eschweiler installiert. Funktionsfähig sind sie sofort – nicht erst, wenn nach insgesamt vier Jahren alle 163 Sirenen installiert sind. Foto: Rudolf Müller, Ralf Vennenbernd/dpa
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Kartonweise Jodtabletten: Martin Wettig mit einem kleinen Teil des Vorrats, der für den Notfall im Rathaus lagert.

Eschweiler. Bis zum Fall der Mauer gehörte es noch zum Alltag: das durch Mark und Bein gehende Jaulen der Sirenen, die im Ernstfall vor Atomangriffen, Giftgas oder Großbränden warnen sollten. Mit dem Ende des Kalten Krieges kam auch das Ende der Sirenen: Ende der 90er Jahre wurden die pilzförmigen Warnanlagen auch auf Eschweilers Dächern demontiert.

Jetzt kommen sie wieder. 21 Sirenenanlagen werden im kommenden Jahr über Eschweiler verteilt montiert. Auf Initiative des Landes. Der Hintergrund ist ebenso einfach wie einleuchtend: Die Bürger sollen drohende und eingetretene Katastrophen nicht verschlafen. Denn tritt ein Ernstfall zu nachtschlafender Zeit ein, wo Radios schweigen, Fernseher abgeschaltet sind und Nachrichten auf Handys den Schlaf ihrer Besitzer nicht stören, können nur Sirenen als „Wecker“ dienen.

Eschweilers Ordnungsamtsleiter Edmund Müller: „Der Heulton der Sirenen soll die Leute aufmerksam machen und veranlassen, sofort Radio oder Fernseher einzuschalten. Die Sirene geht nur im Katastrophenfall – nicht etwa bei einem Scheunenbrand.“

Für die Neuanschaffung der Sirenen in NRW stellte das Land einen 10-Millionen-Euro-Fördertopf bereit. 170.000 Euro davon bekam die Städteregion – macht 27.000 Euro für Eschweiler. Wie die übrigen Kommunen der Region auch überwies die Indestadt das Geld gleich zurück an die Städteregion: damit die damit ein Ingenieurbüro beauftragt, die geeigneten Standorte für die unter Umständen überlebenswichtigen „Heuler“ zu ermitteln.

„Heuler“, die mit den starkstrombetriebenen, tellerförmigen Motorsirenen früherer Jahre nicht mehr zu vergleichen sind. Moderne Anlagen arbeiten mit Druckkammerlautsprechern. Je nach geforderter Reichweite werden pro Anlage vier bis 16 solcher „Hörner“ verbaut. In Eschweiler werden es in der Regel acht sein.

Eine von der Städteregion erstellte Gefahrenanalyse, die anhand eines Punktesystems Gefahrenquellen abglich, stufte Eschweiler mit seinen drei Autobahnanschlüssen, dem Kraftwerk, den Bahnlinien, der Hochwassergefährdung etc. als die am meisten gefährdete Stadt in der Städteregion ein. Was der Indestadt Platz 1 in der Abfolge der Versorgung mit Sirenen eintrug.

Bereits vor einigen Wochen sahen sich Ingenieure des auf Sicherheitstechnik spezialisierten Büros Bergmann Engineering aus Senden gemeinsam mit Vertretern der Stadt und der Städteregion in Eschweiler um, nahmen mögliche Standorte unter die Lupe. Die weitaus meisten davon auf städtischen Gebäuden wie Schulen und Feuerwehrgerätehäusern. Problematisch wurde es in St. Jöris: Dort war die frühere Sirene am Kloster angebracht gewesen. Dort sollte auch die neue hin. Doch mit dem Abbau der alten war auch der Bestandsschutz entfallen – und der Denkmalschutz ließ eine Neuinstallation nicht zu. Das alternativ angeschaute (städtische) Sportheim liegt zu weit außerhalb. Jetzt wird über eine Anbringung am Kindergarten in der alten Schule nachgedacht.

Bis zu 5000 Euro kosten Lieferung und Installation jeder Anlage im Schnitt, statistische Anpassungen am Gebäude eingeschlossen. Geld, das die Städteregion zahlt. Für die Betriebskosten kommt dann die Stadt auf. In Hastenrath allerdings dürfte das Ganze um einiges teurer werden: Dort ließ sich an der Wendelinusstraße kein geeignetes Gebäude finden. Jetzt soll eine Mastlösung her. Ein solcher Mast aber braucht ein Fundament. Und eine Umzäunung gegen Vandalismus. Und das treibt die Kosten in den fünfstelligen Bereich.

Die eigentlich naheliegende Lösung – nämlich die Sirenen dort anzubringen, wo bereits Mobilfunk-Sendemasten optimale Standorte nutzen – ist keine: Die Sirenen werden nämlich über Funk gesteuert. „Und da kommen sich die Signale in die Quere“, erklärt Martin Wettig.

Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes ist in der Verwaltung zuständig für Notfallplanung. Ein breites Feld, das es in sich hat. Wettig hat dazu eigens mehrere Lehrgänge beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bad Neuenahr besucht. Und arbeitet mit Städteregion und Ingenieurbüro eng zusammen. Da geht es nicht nur um die Standorte der neuen Sirenen, sondern auch um deren Einsatzmöglichkeiten im Ernstfall. Fest steht: Während früher mit einem Knopfdruck alle Sirenen in der Stadt zum Losheulen gebracht wurden, sind die neuen Anlagen einzeln steuerbar. Jeder einzelne Standort kann für sich aktiviert werden. So lassen sich zum Beispiel bei einem drohenden Hochwasser gezielt die Sirenen entlang der Inde einschalten. Und: Während der Sireneneinsatz generell über die Leitstelle der Städteregion in Simmerath erfolgt, besteht nun auch die Möglichkeit, in solchen räumlich begrenzten Fällen eine Aktivierung durch einen zusätzlichen Leitstand in der Eschweiler Feuerwache vorzunehmen.

Wettig ist auch der zuständige Mann, wenn es um die Verteilung von Jodtabletten geht. Ein Thema, das vor dem Hintergrund immer wieder auftretender Störfälle im maroden belgischen Kernkraftwerk Tihange eine bedeutende Rolle spielt. Sollte bei einem Störfall eine radioaktive Jodwolke austreten, die krebsauslösende Wirkung haben kann, soll die Einnahme der mit der 1000-fachen Menge Jod versehenen Tabletten durch eine rechtzeitige Sättigung der Schilddrüse die Aufnahme des radioaktiven Jods blockieren. Das gilt für Menschen von 0 bis 45 Jahren. Wer älter ist, für den, so heißt es, sei das Risiko einer durch die Tabletten ausgelösten schweren Schilddrüsenerkrankung höher als das Krebsrisiko durch das Einatmen radioaktiven Jods.

Schon seit etlichen Jahren hortet die Stadt einen erheblichen Vorrat an Jodtabletten für den Akutfall. „Die Versorgungsquote, bezogen auf Menschen bis 45 Jahre, liegt bei 150 Prozent“, sagt Edmund Müller. Obschon die Tabletten kein Verfallsdatum haben und der Wirkstoff über Jahrzehnte unverändert bleibt, steht zurzeit eine Neubeschaffung an. „Die Tabletten verändern mit den Jahren ihre Konsistenz. Eine Zerteilung, wie für Babys und Kleinkinder nötig, ist dann nicht mehr möglich“, sagt Martin Wettig. Im Klartext: Das Zeug zerbröselt.

Im Ernstfall, so Müller, werde die Stadt etwa zehn Verteilstellen im Stadtgebiet einrichten, bei denen die Tabletten erhältlich sind. Wenn man denn keine eigenen zur Hand hat: Im Herbst soll eine einmalige Vorabausgabe erfolgen. Aus dem Internet kann man dann Bezugsscheine ausdrucken, mit denen man in Eschweilers Apotheken kostenlos Jodtabletten erhalten kann.

Allerdings: Wenn es in Tihange zum Supergau kommt, nützt wohl auch jede noch so hoch dosierte Jodtablette nichts.

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