„Karneval und Trauer“: Humor macht vieles erst erträglich

Von: Andreas Röchter
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Zahlreiche Interessenten waren der Einladung des Ambulanten Hospizdienstes nachgekommen.

Eschweiler/Stolberg. Er ist eine für jeden Menschen unausweichliche Tatsache, wird aus dem täglichen Leben aber so weit als möglich verbannt: der Tod! Die Verantwortlichen des Ambulanten Hospizdienstes Stolberg/Eschweiler stellen sich diesem Tabuthema seit nunmehr 15 Jahren in der Kupfer- und seit zehn Jahren in der Indestadt.

Unter anderem begleiten derzeit 30 aktive Ehrenamtler Menschen in deren letzter Lebensphase. Am frühen Dienstagabend hatten die Hospizdienstler nun zu einer außergewöhnlichen, der Jahreszeit aber perfekt angepassten Vortragsveranstaltung in den Ratssaal eingeladen. „Karneval und Trauer“ lautete die Überschrift, unter der Wolfgang Oelsner, Leiter der Schule in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln, die nicht selten engen Verknüpfungen zwischen ausgelassener Narretei und Tod beleuchtete und damit den Nerv der zahlreichen Zuhörer, darunter Prinz Christian III. samt Gefolge, auf den Punkt traf.

„Das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten repräsentativen Umfrage lautete, das 87 Prozent der Befragten ihre letzte Lebensphase in der vertrauten Umgebung Zuhause verbringen möchten. Doch für nur 32 Prozent geht dieser Wunsch derzeit in Erfüllung. Unser Ziel ist es, dieses Verhältnis zu verändern“, erklärte Edgar Beckmann, Vorsitzender des Ambulanten Hospizdienstes Stolberg/Eschweiler, zur Begrüßung der Gäste, um kurz darauf die Frage in den Raum zu stellen, ob Humor innerhalb der Sterbebegleitung überhaupt möglich sei.

„Es heißt nicht umsonst: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Humor ist hilfreich und entlastend, um äußerst belastende Situationen überhaupt ertragen zu können. Menschen, die ihren Humor teilen, sind innig miteinander verbunden. Und Tränen, die man lacht, muss man nicht weinen“, gab Edgar Beckmann selbst die Antwort.

Bürgermeister Rudi Bertram hob die Leistungen der ehrenamtlichen Hospizdienstler besonders hervor: „Vor Menschen, die Mitmenschen begleiten, die auf ihr Lebensende zugehen, und zwar so, dass alle Beteiligten davon profitieren, kann man nur den Hut ziehen“, so der Verwaltungschef. In die gleiche Kerbe schlug Norbert Weiland, Präsident des Eschweiler Karnevalskomitees. „Wir Fastelovendsjecke sind durchaus in der Lage, auch die ernsthaften Seiten des Lebens anzuerkennen.

Karneval und Tod gehören seit jeher unumstößlich zusammen“, betonte er. Die Kraft und die Energie, die die Sterbebegleiter des Hospizdienstes aufbrächten, sei kaum vorstellbar. „Deshalb nutze ich die Gelegenheit, meine dankbare Anerkennung kundzutun. Denn ihre Arbeit kann mit keiner Auszeichnung genügend gewürdigt werden“, sagte Norbert Weiland, bevor er Edgar Beckmann 750 Euro zu Gunsten des Hospizdienstes, die während der Proklamation von Prinz Christian III. gesammelt worden waren, überreichte.

Nach dem standesgemäßen Einmarsch seiner Tollität trat Gastredner Wolfgang Oelsner an das Mikrofon. Der 1949 in Opladen geborene Kinderanalytiker, der zahlreiche Bücher zum Thema „Karneval“ verfasste und unter anderem mit der Millowitsch-Medaille sowie dem „Kulturpreis der deutschen Fastnacht“ ausgezeichnet wurde, führte zahlreiche Beispiele der Verbindung zwischen den Themen „Karneval“ und der „Trauer“ nach dem Verlust eines Menschen an. Angefangen beim „Bläck Fööss“-Lied „Es gibt ein Leben nach dem Tod“ bis zum Ostermann-Klassiker „Nä, wat wor dat fröher schön doch in Colonia“, der häufig bei Beerdigungen auf dem Friedhof Melaten erklinge. „Das Formulieren des Tabuwortes mitten im Fastelovend? Das zeigt, dass der Tod zum Leben dazugehört“, so Wolfgang Oelsner.

Der Karneval sei ein Wendefest. „Ohne die Akzeptanz des Aschermittwochs kein Abend vor dem Fasten (Fastelovend).“ Der im Karneval allgegenwärtige Narr habe durchaus auch eine theologische Aussagekraft: „In der Bildersprache des Mittelalters hatten der Narr und der Tod die gleiche Bedeutung, der Narr stellte die Fratze des Todes dar“, erklärte der Referent. Der Angst vor dem Tod, der einen Menschen unvorbereitet trifft, schlage der Narr jedoch ein Schnippchen. Dieser ignoriere nämlich einfach seine letzte Stunde. „Noch heute werden während der Fastnacht im Odenwald alle öffentlichen Uhren zugehangen. Dem Narr schlägt nämlich keine Stunde!“

Ähnliches sei bei Kindern im Kindergartenalter zu beobachten, die ebenfalls den Tod ignorierten. „Eine wunderbare Selbstschutzfunktion der Seele, die dem Kind ermöglicht, die Welt auszuhalten“, erläuterte Wolfgang Oelsner, der anschließend eine Definition von Angst präsentierte. „Diese entsteht, wenn Reize stärker auf uns einwirken, als unser Entwicklungsstand fähig ist, diese einzuordnen.“

Kurz vor der Einschulung werde dann die Unumkehrbarkeit des Todes von Kindern anerkannt. Doch bei großer existenzieller Not, wenn es „Hart auf Hart“ komme, gingen Menschen häufig auch in ihren Entwicklungsstufen zurück. „Die Fähigkeit zur Verdrängung ist nämlich eine wichtige Eigenschaft des Menschen. Sonst könnten wir nicht hier sitzen, während gleichzeitig Menschen in anderen Teilen der Welt verhungern.“

Sich im Karneval als „Tod“ zu verkleiden, sei ebenfalls ein Schutzmechanismus der Seele. „So wird der Verkleidete zum Handelnden. Er führt die Umkehrung der Verhältnisse herbei. Auch das Nachspielen von Begräbnissen ist ja ein weit verbreiteter Karnevalsbrauch, der nichts mit Blasphemie zu tun hat“, machte der Autor deutlich. Doch das Zusammenspiel von Karneval und Trauer beziehe sich nicht immer auf den konkreten Tod und das wirkliche Sterben.

„Wir müssen im Laufe unseres Lebens vieles sterben lassen, um uns weiterentwickeln zu können. Also Abschied von etwas nehmen, damit es weitergehen kann. Denn ohne Abschied fängt niemals etwas neues an“, stellte Wolfgang Oelsner klar. So zeichne sich eine gute Karnevalssitzung auch durch ein Wechselbad der Gefühle aus. Deshalb müsse die Devise lauten: „Macht euch Freude, denn das Leben dauert keine Ewigkeit. Und darauf kann sowohl ein Amen, als auch ein Alaaf folgen“, beendete Wolfgang Oelsner seinen Vortrag.

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