Kampagne „Crash Kurs NRW“: Damit Träume nicht zerplatzen

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Ein grausamer Anblick: Mit solchen Bildern soll Jugendlichen vor Augen geführt werden, was im Straßenverkehr alles passieren kann. Foto: Polizei
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Berichteten über das Erlebte: Reiner Mundt, Rainer Heinig, Rolf Overs-Frerker, Christian Beek und Norbert Janssen. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

Eschweiler. Sie will ihren 16. Geburtstag groß feiern, mit Familie und Freunden. Aber Linda wird diesen Tag nicht mehr erleben. Fünf Tage vorher kommt das junge Mädchen, das noch ein ganzes Leben vor sich hat, innerhalb weniger Sekunden ums Leben – bei einem Verkehrsunfall. Es war Alkohol im Spiel.

Totenstille in der Aula des Städtischen Gymnasiums: Als Lindas Mutter Nadina Melchior per Videobotschaft vom grausamen Verlust ihres Kindes berichtet, gibt es keinen mehr in den mit Schülern vollbesetzten Reihen, der versucht, die Veranstaltung durch Gekicher oder Dazwischenreden auf die leichte Schulter zu nehmen. Vier Jahre ist der tragische Unfall her, Selbstmordgedanken, Antidpressiva, Schlafmittel und ständige Zusammenbrüche machten die Mutter fast unfähig, am Leben teilzunehmen. „Der Schleier der Traurigkeit ist immer da“, sagt sie.

Mit einem lauten Knall endet die Veranstaltung. Der zerplatzte Lebenstraum in Form eines mit vielen Wünschen bespickten Luftballons holt die jungen Zuschauer zurück in die Realität. „Crash Kurs NRW“ – so heißt die 2010 nach englischem Vorbild ins Leben gerufene Kampagne der Polizei, die Jugendliche vor Autounfällen sensibilisieren soll. Die Polizei geht gemeinsam mit ihren Partnern neue Wege. Bei der Doppelstunde im Städtischen Gymnasium, bei der auch Mädchen und Jungen der Liebfrauenschule sowie der Realschule Patternhof teilnehmen, stehen die Emotionen im Vordergrund. Ziel ist es, bei den jungen Teilnehmern ein realitätsnahes Gefahrenbewusstsein zu schaffen und dauerhafte Verhaltensänderungen zu bewirken.

Polizist Rainer Heinig, die Feuerwehrleute Norbert Janssen und Christian Beek, der Opferschutzbeauftragte Reiner Mundt und Notarzt Rolf Overs-Frerker berichten von ihren Erfahrungen. Sie sagen, was sie erlebt haben, wie sie sich gefühlt haben und welche Belastungen durch einen Unfall entstehen können. „Vor mir saß der junge Mann, eingeklemmt in seinem Wagen. Er ist vor meinen Augen verbrannt. Er schaute mich noch an und wurde von den Flammen verschlungen“, sagt Norbert Janssen. Der junge Mann, über den er spricht, war Schreiner-Azubi und Anfang 20, als er mit seinem Leben bezahlen musste – weil er auf dem Weg zur Arbeit noch einmal umdrehen musste und schnell, zu schnell, nach Hause wollte.

„Tut es Euch und uns nicht an!“

Die Akteure verdeutlichen aber an diesem Morgen auch schonungslos ihre eigenen Grenzen. „Das Bild, wie Dimitri rausgeschnitten wurde, habe ich immer vor Augen – nackte Füße“, sagt Rainer Heinig. Bilder vom Erlebten sind es auch, die sich bei Rolf Overs-Frerker „ins Gehirn eingefressen haben. Die Augen des jungen Mannes werde ich nie vergessen.“ Die zentrale Aussage der Helfer und auch von Mutter Nadina Melchior: Tut es Euch und Euren Familien nicht an und tut es auch uns nicht an!

Allein in Nordrhein-Westfalen ereignen sich jährlich 550.000 Verkehrsunfälle. Für 600 Verkehrsteilnehmer enden diese tödlich. Der Anteil von Jugendlichen bei den Verursachern von schweren Unfällen ist überproportional hoch. Um diesen traurigen Zahlen entgegenzuwirken, versucht die Polizei mit „Crash Kurs NRW“ Jugendliche mit drastischen Geschichten und Bildern auf emotionaler Ebene zu erreichen. Die Kampagne zeigt mit Unfallbildern und subjektiven Berichten, wie gefährlich Unachtsamkeit im Straßenverkehr ist.

Bei 532 Verkehrsunfällen, die sich im Jahr 2010 ereignet hatten, waren die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen an 71 Unfällen beteiligt (13,3 Prozent). Dabei verunglückten 44 als aktive und 15 als passive Verkehrsteilnehmer. Die traurige Bilanz: ein Toter, acht Schwer- und 50 Leichtverletzte.

Im vergangenen Jahr waren es 604 Unfälle, an 85 waren junge Erwachsene beteiligt (14,1 Prozent). Hier verunglückten 44 als aktive und zehn als passive Verkehrsteilnehmer mit zwölf Schwer- und 42 Leichtverletzten.

Direkte Unfallschwerpunkte in Eschweiler sind laut Polizei nicht zu erkennen. Die 18- bis 24-Jährigen verunglückten auf den Ausfallstraßen wie der L238 mit Verlängerung der L240, der K33 Ortsdurchfahrt Dürwiß, der K15 sowie im inneren Stadtgebiet. Auch Schwerpunktzeiten konnte die Polizei nicht verzeichnen.

Die Untersuchung ergab, dass 50 Prozent der festgestellten Ursachen sich auf fünf Faktoren aufteilen und zwar: 10,7 Prozent auf Alkohol, 10,2 auf eine überhöhte Geschwindigkeit, 10,7 auf zu dichtes Auffahren, 9,2 auf Vorfahrtmissachtung sowie 10,7 Prozent auf Fehler beim Wenden oder Rückwärtsfahren. Die anderen 50 Prozent verteilen sich auf „Andere Fehler der Fahrzeugführer“. 21 der jungen Erwachsenen verursachten einen Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss, 17 davon an Wochenenden.

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