Kalle Pohl im Talbahnhof: „Können Sie mal ein Selfie von mir machen?“

Von: zsa
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Obwohl er laut seiner Handpuppe ein schlechter Bauredner ist, begeisterte Kalle Pohl mit dem Zwiegespräch zwischen ihm und dem kleinen schwarzen Schaf. Foto: Sandra Ziemons

Eschweiler. Wird das nächste iPhone eine Selfie-Automatik haben? Was will man in Delphi, wenn das Orakel außer Betrieb ist? Und was tut man, wenn bei einem Musical plötzlich der Hauptdarsteller abspringt? Um diese Fragen – und vieles mehr – ging es am Samstagabend im Talbahnhof.

Dort präsentierte der Kabarettist, Schauspieler und Musiker Kalle Pohl sein neues Bühnenprogramm „Selfi in Delfi“. Für die rund 200 Gäste hatte der gebürtige Dürener seine Alter Egos Vetter Hein Spack und Tante Mimi sowie ein schwarzes Schaf und selbstgeschriebene Lieder mitgebracht.

Er wäre „happy, wie ein Rudel Welpen“, in Eschweiler auftreten zu können, meinte Kalle Pohl zur Begrüßung des Publikums im ausverkauften Talbahnhof. In diesem Jahr feiert der Kabarettist sein 55-jähriges Bühnenjubiläum, wie er erklärte. Schließlich habe er bereits mit neun Jahren in der heimischen Garage eine Show für die Nachbarskinder aufgeführt.

Der Titel „Selfi in Delfi“, wenn auch bewusst falsch geschrieben, weist auf zwei wesentliche Programmpunkte hin. Dem ersten widmete sich Pohl zugleich: „Selfies“ erfreuen sich heutzutage großer Beliebtheit. Auch Kalle Pohl war der Auffassung, dass heute eigentlich jeder wissen müsse, was ein „Selfie“ ist. Aber vor kurzem sei er vor dem Kölner Dom von einem jungen Mann angesprochen worden mit den Worten: „Können Sie mal ein Selfie von mir machen?“

Das Smartphone als Ersatzarzt

Der Vergleich zwischen einem „Selfie“ und Selbstbefriedigung liegt laut Pohl auch nicht fern. Denn schließlich macht man mit einem „Selfie“ ein Foto von dem Menschen, dem man am liebsten mag. Wie sich der Trend weiter abzeichnen könnte, malte Kalle Pohl dem Publikum gleich auch aus: ein iPhone ohne Telefonie, „das automatisch ‚Selfies’ macht wenn es dich sieht, sie sich dann ansieht und direkt wieder löscht“.

Auch kann sich Pohl das Smartphone in Zukunft als Ersatzarzt vorstellen: „Es misst den Blutdruck, den Augendruck, es kann Fieber messen – bei entsprechend kleinen Handys dann auch rektal“. So könnte das Smartphone dann Darmspiegelungen vornehmen und diese direkt auf YouTube hochladen. Das Publikum konnte nur noch Tränen lachen.

Während sie sich im Wartezimmer beim Arzt durch sämtliche Klatschblätter liest, meldete sich dann erstmals an diesem Abend Pohls Alter Ego Tante Mimi zu Wort. Mit einer Leichtigkeit wechselte der Kabarettist seine Gestik und Mimik, um die alte Dame darzustellen. Sie leide gerade an Magen-Darm, aber bedauerte Prinz Charles, der bei der Geburt an den Ohren aus seiner Mutter herausgezogen wurde, erzählte Tante Mimi.

Kalle Pohl selbst macht der demographische Wandel Sorgen. Wenn die Prognosen stimmten, dann „muss jeder junge Migrant bald 26 Rentner ernähren“. Das könne vielleicht auch daran liegen, dass immer weniger junge Paare Kinder kriegten. Denn während es heutzutage für alle Elektrogeräte Anleitungen gäbe, wäre dies bei Babys noch nicht der Fall. Am besten wäre eine App, mit der Eltern das Baby scannen könnten um dann eine Handlungsempfehlung zu bekommen, scherzte er. Weil es diese aber noch nicht gäbe, hat Pohl ein „Babyhandbuch“ in „gewohntem Handbuch-Deutsch“ geschrieben, in dem unter anderem Tipps wie „Öffnen Sie niemals den Baby“ stehen.

Johann Wolfgang von Pilcher

Die einen können nicht mit Babys umgehen, bei dem anderen hapert es an Technik-Kenntnissen. Daher suchte Pohls ebenfalls bekannte Bühnenfigur Hein Spack im Elektrofachhandel nach einem Scartkabel für seinen HD-Fernseher. Prompt geriet dieser eher einfach gestrickte Zeitgenosse – ebenfalls brillant dargestellt – mit dem Verkäufer aneinander.

Aufschlussreich verliefen auch Gespräche zwischen Pohl und seiner Tante Mimi oder seiner Nichte Jennifer. So fand Tante Mimi, Kalle solle etwas Anständiges als Beruf ausüben. Von Künstlern hält sie eigentlich nicht viel, besonders nicht, nachdem sie die Frau sah, „die Eier legte“. Gemeint war die Schweizerin Milo Moiré. „Aber immerhin war es doch an Ostern“, warf Kalle ein. Er selbst sei kein großer Kunstkenner, habe sich aber mal im Schreiben probiert – als „Johann Wolfgang von Pilcher“. Nichte Jennifer dagegen hält Kalle für einen „Patri-Arsch“. Das schwarze Schaf in der Familie ist aber tatsächlich ein schwarzes Schaf, das Pohl für einen schlechten Bauchredner hält: „Ein richtiger Bauchredner bewegt nicht die Lippen“.

Vielseitig wie er ist, schaffte Kalle Pohl nicht nur den Wechsel zwischen seinen verschiedenen Bühnenfiguren, sondern spickte sein Programm auch mit amüsanten Gesangseinlagen. Dabei begleitete er sich selbst auf dem Akkordeon. In seinen selbstgeschriebenen Liedern ging es unter anderem um Urlaub an der Côte d’Azur, Heimatlosigkeit und auch einfach mal „Titten“. Besonders letzteres Lied sorgte nicht nur bei den Herren, sondern auch bei den Damen für schallendes Lachen.

Ernste Themen

Der Kabarettist widmete sich auch ernsten politischen Themen. So sprach er die Edathy-Affäre, die damalige Spenden-Affäre der CDU und die Praxis vieler Minister, nach der Politikkarriere in gut bezahlten Wirtschaftsjobs zu landen, an. In einer Art „Polittalk“ spielte Pohl zunächst auf witzige Weise auch auf die Angst vor der Islamisierung Deutschlands an. „Scheiß auf Männerehre und Tochtertugenden. Es lebe das Grundgesetz“. Im Kabarett könne man schließlich auch Dinge mal anprangern, so Pohl.

Dem Bericht seines fiktiven Vetters Hein Spack über Musical- und Ballettbesuche inspirierte Kalle Pohl gegen Ende seines zweistündigen Programms noch dazu, selbst ein Musical aufzuführen. Dabei ließ er nicht nur Hein Spack, Tante Mimi und Nichte Jennifer, sondern auch ihren Freund Kevin auftreten und vertextete bekannte Musicalhits wie „Don’t cry for me Argentina“ neu. Nach tosendem Applaus gab das Multitalent immerhin einige der angekündigten „zehn Zugaben“ und verabschiedete sich mit den Worten „Möge der Humor mit euch sein“.

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