Kalkwerk-Schließung: In Hastenrath bleibt nur ein großes Loch

Von: Anja Klingbeil
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Was wird aus den beiden Steinbrüchen in Hastenrath? Auch diese Frage bleibt vorerst noch unbeantwortet. Foto: Anja Klingbeil

Eschweiler. Seit 20 Jahren arbeitet Hermann-Josef Schmitz in den Hastenrather Kalkwerken. Nun sitzt er mit seinen Kollegen im Aufenthaltsraum. Einziges Gesprächsthema in der Pause: das Damoklesschwert der Schließung.

Wie berichtet, sollen die Kalkwerke an der Albertstraße bald den Betrieb einstellen. Zum 30. Juni ist bei der Bezirksregierung Köln eine entsprechende Stilllegungsanzeige von Rheinkalk eingegangen. Die Firma, ein Tochterunternehmen der belgischen Lhoist-Gruppe, hatte die Hastenrather Werke erst im Januar dieses Jahres gekauft.

Zu diesem Zeitpunkt rechnete keiner der knapp 20 Mitarbeiter damit, dass sie nach gut sechs Monaten um ihre Jobs, um ganze Existenzen fürchten müssen. „Rheinkalk hat ja sogar noch eine Firma für Bruch- und Abbauplanung beauftragt. Da dachten wir: Wenn sie in Hastenrath Geld investieren, dann werden sie das Werk auch nicht schließen”, sagt Hermann-Josef Schmitz.

Umso überraschender traf die Nachricht die Eschweiler Belegschaft. Begründung der Firmenleitung: fehlende Wirtschaftlichkeit und Mängel beim Arbeitsschutz. Die Stimmung der Mitarbeiter ist gedrückt. Doch hinzu kommt das Unverständnis darüber, wie die Geschäftsführung aus dem knapp 120 Kilometer entfernten Wülfarth mit den Menschen umgeht. „Wir wissen ja gar nicht so recht, was los ist”, sagt ein Kollege, der seit nunmehr vier Jahrzehnten in den Kalkwerken arbeitet.

Für ihn ist die derzeitig quälende Ungewissheit besonders schlimm: Er muss sich um seine behinderte Tochter kümmern, ein Umzug in ein entferntes Werk oder tägliches Pendeln kommt für den 58-Jährigen daher nicht in Frage. Dies sind allerdings die einzigen Möglichkeiten, die die Geschäftsführung bisher präsentiert hat - von einem Sozialplan keine Spur. „Da fühlt man sich schon ein wenig erpresst”, sagt Hermann-Josef Schmitz.

Auch der Betriebsrat ist von der Idee, dass die Mitarbeiter künftig in anderen Werken des Unternehmens untergebracht werden sollen, nur wenig begeistert. „Viele Kollegen sind ortsgebunden”, macht Betriebsratsvorsitzender Marco Maus deutlich. Deshalb hatte der Betriebsrat vier Konzepte entwickelt, um den Mitarbeitern - viele von ihnen sind älter - den Übergang so gut es geht zu erleichtern. Die wurden aber allesamt abgelehnt.

Stattdessen erklärte Rheinkalk kurzerhand die Verhandlungen für gescheitert. „Damit hat sich der Konflikt weiter verschärft”, betont Reinhard Steffen, Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt. Auch er ist voller Unverständnis über das Gebahren von Rheinkalk. Dabei, so appelliert Marco Maus, „wir können das nicht nachvollziehen, wir wollen doch verhandeln.” Für das weitere Verfahren wird nun die Einigungsstelle angerufen. Bis dort eine Entscheidung fällt, läuft der Betrieb erstmal weiter.

Die Einigungsstelle funktioniert ähnlich einer Schlichtungsstelle. Dort wird ein Vorsitzender gewählt. Ein Außenstehender, der von beiden Seiten akzeptiert werden muss. Er wird die Verfahren leiten. Marco Maus hofft, dass dieses Vorgehen Rheinkalk zur Aufstellung eines Sozialplans verpflichten wird. Denn bisher lautet die Wahlmöglichkeit für die Mitarbeiter: entweder eine Stelle in einem anderen Werk oder aber Kündigung. „Die Firma Rheinkalk versucht sich über juristische Winkelzüge aus der sozialen Verantwortung herauszustehlen.”

Die Geschäftsführung von Rheinkalk will weiterhin keine Stellungnahme zu den Hastenrather Kalkwerken abgeben. Auch die erneute Bitte um Beantwortung eines Fragenkatalogs, den wir bereits vor einigen Wochen schriftlich nach Wülfarth geschickt haben, wurde am Dienstag erneut abgelehnt. Es gibt also weiterhin viele offene Fragen - was geschieht etwa mit den beiden Steinbrüchen, in denen das Unternehmen Kalk abbaut? Einer gehört dem Eschweiler Bergwerksverein (EBV), der andere Privatpersonen.

Oder welche Strategie dahinter steckt, ein Werk zu kaufen und ein halbes Jahr später still zu legen? Für Marco Maus, Hermann-Josef Schmitz und den anderen Mitarbeitern geht das Bangen um ihre Zukunft weiter. Wie es ihnen dabei geht? „Nächste Frage, bitte”, sagt Schmitz betreten. Und auch die Mienen der anderen Arbeiter sind mehr als traurig.
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