Kälte, Wellen, Strömung: David Körfer und das Abenteuer Ärmelkanal

Von: Valerie Barsig
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Eschweiler. Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit der Fähre von Dover nach Calais und mitten im Ärmelkanal wirft Sie jemand über Bord. Kälte, hohe Wellen und die Strömung würden jeden guten Schwimmer in Lebensgefahr bringen, mal abgesehen von der Panik, die aufkommen würde. Es gibt aber Menschen, die schwimmen die Strecke zwischen England und Frankreich freiwillig.

Und zwar die ganze Strecke. Der erste von ihnen war Matthew Webb, ein Seemann, 1875, der in etwa 22 Stunden die Strecke schaffte. Auch 2016 gibt es wieder rund 100 Schwimmer, die den Ärmelkanal durchqueren wollen; Einer von ihnen ist David Körfer (27) aus Eschweiler. Er ist Schichtarbeiter im Kraftwerk in Weisweiler, hat gerade sein Fachabi nachgeholt und will Elektrotechnik studieren.

Die Geschichte des Entschlusses zur Querung der 34 Kilometer breiten Meerenge, ist eine voller Zufälle. Er sei schon immer gern Rad gefahren und viel gelaufen. Seit er 20 war, sei er immer mittwochs zum Schwimmen gegangen, erzählt David. „Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich mit dem Rad an einem Tag von Eschweiler bis an die Nordsee komme.“ Das war 2011.

Eines morgens um vier Uhr fuhr er gemeinsam mit einem Freund einfach los. 297 Kilometer und etwa 17 Stunden später kam das Meer in Sicht. „Wir waren vollkommen erledigt, aber das Ziel war erreicht“, erinnert sich David an den Tag. Damals stellte er fest: „Langstrecke ist genau mein Ding.“ Also übertrug er das auch aufs Schwimmen. 2012 machte er ein Experiment im Blausteinsee, gemeinsam mit einem Freund. Die zwei äußersten Bojen im Schwimmbereich des Sees liegen etwa 130 Meter auseinander. David wollte die Strecke hundert Mal abschwimmen.

Also tauchte er in den Blausteinsee, sein Freund baute ein Zelt am Ufer auf. Alle 25 Bahnen zwischen den Bojen ging David kurz an Land und aß oder trank etwas. Nach 75 Bahnen kam zufällig Thomas Marquardt, Moderator des Indeland-Triathlons, mit seiner Frau beim Spaziergang vorbei. In dem kurzen Small Talk vor den letzten 25 Bahnen sei das erste mal das Wort Ärmelkanal gefallen, erinnert sich David.

Bis dahin trainierte er ohne Anleitung oder Leistungsdiagnostik. Im Freibad traf er – ebenfalls per Zufall – auf Jürgen Kozel, selbst aktiver Schwimmer und viele Jahre Funktionär des Deutschen Schwimm-Verbandes im Bereich Leistungsschwimmen.

Hilfe aus Köln

„Ich kannte das Gesicht nicht aus dem Verein und das machte mich neugierig“, erzählt Kozel. Für ihn sei klargewesen: David brauche einen Trainer. Kozel ließ Kontakte spielen und verschaffte David Unterstützung von der Sporthochschule in Köln. Einmal pro Monat wird er dort beraten und durchgecheckt. Er trainiert vier- bis sechsmal mal die Woche zwischen einer und vier Stunden.

2016 kommt der große Tag: Die Durchquerung des Ärmelkanals – und zwar ohne Neoprenanzug. Matthew Webb habe auch keinen Neopren gehabt. Deshalb bekomme man die Urkunde auch nur, wenn man ohne schwimme, erzählt David. Das größte Problem an der Durchquerung werde die Kälte sein. Um sich vor ihr zu schützen, schmiert er sich mit Vaseline ein.

Dass der Körper auskühlt, sei nicht zu verhindern, allerdings könne man ihn daran gewöhnen. Viele Sportler müssten laut David das Schwimmen abbrechen, weil die Blase durch die Kälte so verhärte, dass Wasserlassen nicht mehr möglich sei. „Der Ärmelkanal ist der Mount Everest der Langstreckenschwimmer.“ Angst vor dem großen Tag habe er nicht, sagt er. Neben Wellengang und Kälte kommen den Ärmelkanalschwimmern auch große Containerschiffe in die Quere. Etwa 500 von ihnen passieren täglich die Meerenge. Da müsse er dann eben warten, sagt David.

Nicht ganz allein durchs Meer

Ganz allein ist er auf der Querung aber nicht. Jeder Schwimmer hat ein Begleitboot mit Kapitän, Skipper und dem eigenen Team. Und die haben laut David viel Arbeit vor sich. „Ich muss ja nur schwimmen, die müssen mich navigieren“, sagt er. Der Kapitän ist beispielsweise dafür verantwortlich, die genaue Route festzulegen oder David aus dem Wasser zu ziehen, wenn es nötig sein sollte. Ein Vorteil des Bootes sei, dass er es auch als Wellenblocker verwenden könne, erklärt David. Außerdem will er seinen besten Freund Stefan mitnehmen.

Jemanden auf dem Boot zu haben, dem man vertraue, sei wichtig. „Denn irgendwann wird das Schwimmen zur Kopfsache.“ Ebenfalls mit auf das Boot soll Kumpel Sascha. Er schwimmt im Verein und ist Davids Zieh-Schwimmer. Nach zwei Stunden im Ärmelkanal kann er mit ins Wasser und eine Stunde lang vor oder neben David herschwimmen, um ihn zu motivieren. Berühren darf er ihn dabei nicht. Danach muss er eine Stunde wieder an Deck des Begleitboots.

Zwölf Stunden im Wasser

David rechnet bei seinem Trainingsstand 2016 mit einer Schwimmgeschwindigkeit von etwa drei bis 3,2 Kilometer pro Stunde. Hochgerechnet bedeute das etwa zwölf Stunden Schwimmen, davon eine Stunde Verpflegungszeit, bevor er in Calais Sand und Boden berührt. Profis schwimmen mit bis zu fünf Kilometer pro Stunde. Etwa drei Meter Abstand zum Schiff seien optimal.

Wer sich für das Ärmelkanalschwimmen anmeldet, bekommt ein Zeitfenster. Das von David liegt in der zweiten Septemberwoche 2016. Sein Kapitän entscheidet, welcher Tag der idealste ist. Hat er Pech und es ist eine Woche lang stürmisch, kann er womöglich nicht starten und muss ein Jahr warten. Die Überquerung ist nicht billig. 800 Pfund musste David bereits als Anzahlung für Kapitän und Boot leisten, 1400 Pfund kommen am Starttag noch hinzu. Außerdem muss Übernachtung und Verpflegung für sein Team bezahlt werden.

Nur 20 Prozent schaffen es

Nur etwa 20 Prozent der angemeldeten Schwimmer können den Ärmelkanal bezwingen. „Man hat schon eine Menge Respekt“, gibt David zu.

Ende August steht erstmal die nächste Etappe vor 2016 an: David will durch den Fehmarnbelt schwimmen – auf der Vogelfluglinie zwischen Puttgarden auf Fehmarn und RØdby in Dänemark. Der Fehmarnbelt wird sein erstes wirkliches Marathonschwimmen sein. Es sei sozusagen ein Test für den Ärmelkanal. Insgesamt blickt er zuversichtlich auf beide Strecken, die nun vor ihm liegen. Für den Ärmelkanal hat das Schicksal auf jeden Fall schon mal gute Zeichen gesetzt: Das Begleitboot, das er bereits gebucht hat, trägt den Namen „Optimist“.

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