Eschweiler - Kabarettist Volker Weininger liest der Schule die Leviten

Kabarettist Volker Weininger liest der Schule die Leviten

Von: ran
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Führte durch die Abgründe des deutschen Bildungs- und Schulwesens: Kabarettist Volker Weininger ließ im Talbahnhof seinen Gedanken über den „Akademisierungswahn“ sowie den seit der Pisa-Studie 2001 herrschenden blinden Aktionismus freien Lauf. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Ist das Abitur inzwischen zum Geschenk des Kultusministeriums degeneriert? Wie steht es in Zeiten, in denen ein gewisser Günther Hermann Oettinger als EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft agiert, um den (digitalen) Analphabetismus innerhalb eben dieser Gesellschaft?

In welchem Bereich der nach oben offenen „Eierschaukeln-Skala“ bewegen sich eigentlich Personen, die es geschafft haben, ausschließlich das Fach Sport zu unterrichten? Was können Eltern von „Tiger-Mom“ Amy Chua nicht alles lernen? Und vor allem: Ist „Textiles Gestalten“ als Schulfach oder eher als „Water-Boarding der Pädagogik“ zu betrachten?

Fragen, die der ehemalige Lehramtsstudent und Universitäts-Dozent Volker Weininger am Mittwochabend auf der Bühne des gut besuchten Talbahnhofs im Rahmen seines Programms „Bildung.Macht.Schule“ während einer unterhaltsamen Doppelstunde mal einfach so in den Raum warf. Wobei er seinen Schützlingen im Publikum unmissverständlich deutlich machte, dass nicht die Schulglocke, sondern er den Unterricht beende!

Und was hat Volker Weininger während seines Studiums gelernt? Jede Schulstunde beginnt natürlich mit der obligatorischen Hausaufgabenkontrolle. Also, den roten Lehrerkalender geschnappt und los: „Ich will den Angstschweiß riechen!“, freute sich der Kabarettist diebisch beim Gang durch die Reihen sich vollkommen unauffällig duckender und zum Boden blickender Talbahnhofgäste, um kurz darauf Entwarnung zu geben. „Niemand muss heute nach vorne an die Tafel. Ich möchte vielmehr eine Atmosphäre wie am ersten Schultag schaffen, in dem die Schüler erwartungsfroh zur Tafel blicken“, versicherte Volker Weininger. Neugier sei ja schließlich einer der größten Schätze unserer Kinder. „Eine Fähigkeit, die sich einige bei mir in der Nachbarschaft lebenden älteren Damen übrigens erhalten haben“, wich der Wahl-Bonner kurz vom Thema ab.

Doch wie ist es insgesamt um die Bildung im Land der Dichter, Denker und Sitzenbleiber im digitalen Zeitalter bestellt? „Informatik ist lediglich in Bayern und Sachsen Pflichtfach! Warum? Ich denke, die Lehrer haben Angst, da ihnen die Schüler überlegen sind. Das sehe ich an meinem vierjährigen Sohn. Dem habe ich vor kurzem mein Handy weggenommen. Am folgenden Tag war die Geheimzahl verändert!“ Wobei für die Lehrer nicht nur der Umgang mit den Schülern, sondern vor allem mit deren Erziehungsberechtigten immer häufiger nicht ganz unkompliziert sei.

Eltern mischten sich ein und spielten sehr gerne das Spiel „Ich drohe mit dem Anwalt“, das in gutbürgerlichen Milieus auch gerne in abgewandelter Form unter dem Titel „Ich bin Anwalt“ zu verzeichnen sei. Der Grund sei allerdings einleuchtend: Das Abschlusszeugnis der Grundschule. „Mit zehn Jahren werden die Kinder bei uns an der Bildungsrampe selektiert. Die Guten ins Töpfchen...“, schüttelte der 45-Jährige den Kopf.

Statt Chancenunterschiede auszugleichen, verstärke Schule diese und leiste damit der „sozialen Auslese“ Vorschub. Darüber hinaus herrsche ein schwer nachvollziehbarer „Akademisierungswahn“: „In 15 Jahren werden in Deutschland drei von vier Schulabgänger studieren. Ich möchte mir aber auch weiterhin nur sehr ungerne meine Heizungsanlage von einem Kunsthistoriker reparieren lassen!“

Geradezu atemberaubend sei jedoch der Intelligenzschub in NRW, seitdem Rot-Grün regiere. „In den zurückliegenden fünf Jahren ist der Anteil der Abiturienten mit der Note 1,0 um sagenhafte 120 Prozent gestiegen“, tauchte Volker Weininger in die Statistik ab. Statt dem Humboldtschen Bildungsideal „Selbstständiges Denken ist wichtig“ zu folgen, seien im heutigen Schul- und Bildungssystem die Schlagworte Zahlen, Fakten, messen und vergleichen heilig. „Der Chinese schläft schließlich nicht und spult bereits mit zwölf Jahren seine 90-Stunden-Woche ab. Fragen sie mal bei Amy Chua nach.“

In Folge des „Pisa-Schocks“ des Jahres 2001 herrsche seitdem im deutschen Schulsystem blinder Aktionismus. Erschalle aus Brüssel das Wort „ändern“, antworte der Franzose zunächst „Warum?“, während der Deutsche pflichtschuldigst „bis wann?“ frage.

„Erst seit etwa 100 Jahren dürfen Kinder bei uns Kinder sein. Und wir sind dabei, diesen Zustand durch Druck und Optimierungswahn wieder abzuschaffen!“, kritisierte Volker Weininger unter dem Applaus seiner Zuhörer.

Allerdings seien einige fantasiereiche Schülerantworten durchaus dazu angetan, Bildungswege grundsätzlich anzuzweifeln: „Die Forschung müsste nochmals aktiv werden, um sicherzustellen, ob die bahnbrechendste Tat von Gottfried Wilhelm Leibnitz tatsächlich die Entdeckung´ des Kekses und Ludwig van Beethoven wirklich dermaßen taub war, dass er glaubte, zu malen“, blieb Volker Weininger keinesfalls Beispiele schuldig.

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