Kabarett: Aus Thomas Freitag wird „der kaltwütige Herr Schüttlöffel“

Von: ran
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Kaltwütig, aber mit heißem Herzen: Herr Schüttlöffel (Thomas Freitag) kämpfte auch auf der Bühne des Talbahnhofs unerschrocken um die Existenz seiner geliebten Bibliothek und damit nicht zuletzt auch für das Fortbestehen einer eben nicht alternativlosen Gesellschaft. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Die Lage ist eskaliert: Sebastian Schüttlöffel hat sich bereits vor drei Tagen in seiner geliebten Bibliothek verschanzt und hält seitdem 5800 Bücher in Geiselhaft. Er will den Fakten und Tatsachen einfach nicht in die Augen schauen.

Seine Bibliothek ist unwirtschaftlich und der Stadtrat hat folgerichtig beschlossen, den Laden dicht zu machen! Dabei haben die Stadtoberen dem Bibliothekar sogar versprochen, er werde keinesfalls arbeitslos, sondern könne in Projekten mitarbeiten. Doch Herr Schüttlöffel möchte keine Projekte, sondern einen Beruf! Und auch sonst hat Herr Schüttlöffel so manches zu sagen. Kein geringerer als Kabarettist Thomas Freitag schlüpfte auf der Bühne des vollbesetzten Talbahnhofs in die Haut des „Kaltwütigen Herrn Schüttlöffel“, der mit heißem Herzen nicht nur seine Bibliothek verteidigt, sondern einer Gesellschaft das Wort redet, die keinesfalls alternativlos sein sollte.

Vor nunmehr 30 Jahren verschlug es Herrn Schüttlöffel in die städtische Bibliothek. Dabei hatte er zunächst gezögert, als ihn das Angebot erreichte. „Es hieß, es handle sich um eine Bibliothek in einem sozialen Brennpunkt. Und ich wollte auf keinen Fall ins Bankenviertel“, blickt er zurück. Und nun soll alles vorbei sein? „Es gab nur eine andere Zeit, in der noch mehr Bibliotheken in Deutschland geschlossen wurden als heutzutage...“, erinnert der Literaturliebhaber an wahrhaft unselige zwölf Jahre.

Das aktuelle Gesellschaftsprinzip laute: „Wenige machen sich die Taschen voll und viele sorgen dafür, dass genügend Taschen vorhanden sind!“ Da könnte man fast so depressiv werden wie Karl Marx, der überraschend in der Bibliothek vorbeischaute: „Wenn ich meinen eigenen Mist schon lese. Perverser als heute kann der Kapitalismus doch gar nicht sein! Und? Ist er gestorben?“, fragte der (einstige) Philosoph, Autor, Ökonom und Gesellschaftskritiker sich selbst und seine Zuhörer.

„Doch wer sorgt eigentlich dafür, dass der Kapitalismus noch existiert? Die gierigen Manager oder die gierigen Konsumenten? Niedrigstpreise sind nur durch die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen möglich“, sprach Thomas Freitag/Sebastian Schüttlöffel/Karl Marx eine unbequeme Wahrheit aus. Wobei zu bedenken sei, dass nicht die Verhältnisse schlecht seien, sondern sich der Mensch einfach nicht ausreichend anpasse. Eine Lanze für das unperfekte Leben brach kurz darauf „Siggi aus der Frittenbude“, der unsere und seine Kultur von „Salatisten“ bedroht sieht und diesen seinen Schlachtruf „Liberté, égalité, pommes frité“ entgegenschleuderte.

Als sich nach der Pause dann auch noch der Polizeipsychologe Dr. Weingarten einschaltete und der in die Gegenwart versetzte Friedrich Schiller sein Werk „Die Räuber“ einem Verlagsmitarbeiter anbot, der allerdings darauf drängt, nicht Karl Moor dem Tod entgegengehen, sondern stattdessen eine im Intimbereich gepiercte Karla Moor im schwedischen Teil von Cornwall in welcher Form auch immer agieren zu lassen, platzte dem kaltwütigen Herrn Schüttlöffel der Kragen: „Wir haben heutzutage alles, nur kein Geld für Bildung und unsere Zukunft“, hält er gemeinsam mit dem Affen aus Franz Kafkas Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ der Gesellschaft den Spiegel vor.

Das Interesse an der Demokratie sinke kontinuierlich. „Könnte dies daran liegen, dass ein Drittel der Bevölkerung immer reicher und ein Drittel immer ärmer wird?“, lautete die beinahe rhetorische Frage. „Wir leben in einem Land, in dem das Wort ‚Weltverbesserer‘ ein Schimpfwort ist!“

Dabei seien immer schon die Utopisten und Querdenker diejenigen gewesen, die die Welt nach vorne gebracht hätten. „Wir sitzen dem Irrtum auf, dass wir uns eine Verbesserung nicht leisten können.“ Doch was wäre der Preis beispielsweise für einen Schuldenerlass? „Ein paar Menschen verlören Geld, dass sie eh nicht benötigen, denn sonst hätten sie es ja nicht verliehen“, so Herr Schüttlöffel.

„Unser Land ist mehr als ein Standort, Europa mehr als eine Währung und der Mensch mehr als Humankapital“, verabschiedete sich der Bibliothekar letztlich mit leisen Worten und lautem Knall von seinem Publikum, das lange applaudierte.

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