Jury hat es nicht leicht im Wettbewerb der Nachwuchskabarettisten

Von: ran
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Starkes Trio: Das Duo „Fußpflege Deluxe“ mit Carolin Seeger und Christoph Schlewinski (rechts) grüßt als Sieger des Kabarettwettbewerbs „Eschweiler Lok 2014“ gemeinsam mit Lars Redlich, dem ersten Gewinner des Publikumspreises „Lökchen“. Foto: Andreas Röchter
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Ausschließlich Gewinner: Tunc Denizer, Ozan Akhan, Lars Redlich, Carolin Seeger, Christoph Schlewinski und Michael Feindler begeisterten das Publikum, darunter Jurymitglied Klaus Wohnaut und der Fördervereinsvorsitzende Peter Adrian (v. l.).
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Boten „Hybrid Comedy“ vom Feinsten: Ozan (Akhan, links) & Tunc (Denizer) brachen beim Wettbewerb um die „Eschweiler Lok 2014“ schnell das Eis.

Eschweiler. Zunächst Platon und Shakespeare, dann Redlich und Feindler! Die fünfte Ausgabe des Kabarettwettbewerbs „Eschweiler Lok“ bot den zahlreichen Zuhörern und -sehern im proppenvollen Talbahnhof von Hochkultur und Action in Zeitlupe über medizinische Notversorgung bis hin zu scharfzüngigster Wortakrobatik und satirischer, humorvoller und nachdenklich stimmender Lyrik wirklich alles, was das Satireherz begehrt.

Nach einem kurzweiligen, abwechslungsreichen und mitreißenden Abend galt es für die Fachjury und das Publikum aber dennoch, aus vier Gewinnern zwei Sieger auszuwählen: Die Jury, die von Klaus Wohnaut, Gebietsdirektor der Sparkasse Aachen, die den Wettbewerb erneut unterstützte, Stéfan Horn, Mitgründer des Kulturzentrums Talbahnhof, Heinz-Peter Keutmann, Vorstandsmitglied des Kleinkunstfördervereins Talbahnhof, Frajo Ligmann, Teil des Comedy-Duos „Naseweiss“, und Patrick Nowicki, Redakteur dieser Zeitung, gebildet wurde, entschied sich dafür, die erneut von Künstler Ricardo de Oliveira als Unikat entworfene „Eschweiler Lok 2014“ dem Duo „Fußpflege de luxe“ mit Carolin Seeger und Christoph Schlewinski zuzusprechen. Die Gunst der Zuhörer und -seher und damit das erstmals als Zuschauerpreis ausgelobte „Eschweiler Lökchen“ erhielt Lars Redlich.

Doch auch Ozan (Akhan) & Tunc (Denizer) sowie Michael Feindler gingen nicht mit leeren Händen (Herzen) von der Talbahnhofbühne. Sie nahmen, genau wie die frischgebackenen Preisträger, den verdienten und ehrlich gemeinten Applaus des Publikums mit, das sich am Freitagabend glänzend und auf hohem Niveau unterhalten gefühlt haben dürfte.

In Bestform präsentierten sich aber auch Peter Adrian und Klaus Wohnaut. Erstgenannter begrüßte als Vorsitzender des Kleinkunstfördervereins zunächst die große Zahl der Kabarettfans in der „brodelnden Danz-Arena“, unterstrich, dass sich „eine nicht unbeträchtliche Zahl von Künstlern“ für die „Eschweiler Lok 2014“ beworben habe und bat anschließend Letztgenannten auf die Bühne. Dieser schlug vor, als Einstimmung das „Sparkassen-S“ zu tanzen und verwechselte kurz darauf Peter Adrian mit Kulturwirt Walter Danz.

Es war also angerichtet: Und zwar für „Ozan & Tunc“, der Kombination aus Kölner „Stunk-Sitzung“ (Ozan) und Bonner „Pink Punk Pantheon“ (Tunc). Während Tunc das Niveau mit Platon-Zitaten und kurzen Tanzeinlagen à la Nurejew sogleich in höchste Höhen schraubte, konzentrierte sich Ozan zunächst mehr auf seinen Verteidigungs-, Behauptungs- und Deeskalationskurs, den der eher gleichgeschlechtlich orientierte „Andi“, der für seinen atemberaubenden „Editoriallauf“ lautstarken Szenenapplaus erhielt, in Anspruch nahm. Kurz darauf wurde das Publikum dann Zeuge der Entstehung des Films „Der Angriff“, bei dessen Dreh sich Ozan eher der „Schauspielkunst“ und Tunc der „Geräusch-Synchronisation“ widmete. Nach rund 20 Minuten wusste wohl jeder im Publikum mit dem Begriff „Hybrid Comedy“ etwas anzufangen.

„Superdrauf“ zeigte sich wenig später Carolin Seeger vom Duo „Fußpflege Deluxe“ als vermeintliche „Stand-Up-Künstlerin“ Petra, die aber trotzdem in Christoph Schlewinski den Notfallarzt im Schlepptau hatte. Aus gutem Grund: „Ein Publikum liegt bei uns auf der Station seit zwei Jahren als vor sich hin vegetierende und sabbernde Masse im Koma!“, so der Mann im weißen Kittel. Ein ähnlicher Vor(Un-)fall musste im Talbahnhof natürlich unbedingt verhindert werden. „Haben Sie denn nichts richtiges gelernt?“, lautete die feinfühlige Frage in Richtung Petra. „Doch! Fleischfachverkäuferin!“ Na also.

Schade nur, dass die eigentlich als Höhepunkt vorgesehene Abschlussnummer, die eine Jonglage mit brennenden Kettensägen bei zeitgleichem Vortrag von Schulaufsätzen Erich Kästners vorsah, entfallen musste, da Carolin Seeger die Kettensägen vergessen hatte. Stattdessen wurde der Finger in die Wunde gelegt. „Entgegen landläufiger Meinung stehen auf der Bühne ja sehr oft sehr gut ausgebildete Menschen“, machte der weibliche Teil von „Fußpflege Deluxe“ deutlich. Und dieser hatte sich vorgenommen, die Schlussszene aus „Hamlet“ in englischer Originalsprache zum Besten zu geben. Doch wie (fast) jeder weiß, überleben nicht viele Figuren das Shakespeare-Werk. „Der Rest ist (war) Schweigen!“ Bis auf ein kurzes, aber heftiges Statement des Kollegen!

Der Berliner Lars Redlich begrüßte das Publikum zunächst am Klavier mit dem Wowereit-Lied „Time to say goodbye“ und zeigte sich („Wikipedia sei Dank“) an Hand der Beispiele der Pfarrkirche St. Peter und Paul sowie Rudi Bertram auch mit „Eschweiler Sehenswürdigkeiten“ absolut vertraut. Seinen ursprünglichen Wunsch, den Beruf des Lehrers zu ergreifen, begründete der Lehrersohn gleich zweifach: „Juli und August!“ Nach seiner musikalischen Liebeserklärung an „Mandy, der schokobraunen Granate aus Sachsen“, der allerdings Ronny, ebenfalls Liebhaber der Farbe Braun, entgegenstand, widmete sich Lars Redlich einer seiner Achillesfersen. „Beziehung? Ich probier´s und probier´s. Aber nach acht bis zehn Stunden...“ Und auch der Abschluss seines Programmausschnitts verlief eher melancholisch und stand im Zeichen des Endes einer Freundschaft: „Schorsch, die einsame Socke, verlor seinen besten Freund bei 60 Grad“.

„Spät wird´s“, stellte der gebürtige Münsteraner Michael Feindler, den es über Wuppertal an die Freie Universität Berlin zog, dann zutreffend fest, als er gegen 22 Uhr als Letzter der „Lok-Bewerber“ die Talbahnhof-Bühne betrat. Die Uhrzeit hinderte den jungen Kabarettisten jedoch keinesfalls, seine Worte und Lyrik als gesellschaftskritische Waffe derart einzusetzen, dass so manchem Zuhörer Hören und Sehen vergangen sein dürfte. Wobei, oft komme es natürlich auf den Blickwinkel des Betrachters an. Denn: „Wenn jemand verliert, gewinnt auch irgendwer!“

Aber überhaupt sein Alter. „Wenn ich behaupte, früher sei alles besser gewesen, dann meine ich maximal vergangene Woche.“ In Sachen Bildung liege aber heutzutage tatsächlich so manches im Argen. „Wie bringe ich jungen Menschen heute Schillers Bürgschaft´ nahe. Zwei Voraussetzungen: kürzen und den Inhalt verändern!“ Einige seiner Lieder und Gedichte wollte Michael Feindler allerdings formaljuristisch nicht als Handlungsempfehlung verstanden wissen. Etwa den Song „Kinder, wir haben heute den Opa verspeist, das passiert, wenn man auf den Verbraucherschutz sch...“ Ein Thema, das einem Publikum, das sich nicht so direkt angesprochen fühlen müsse, manchmal leichter zu vermitteln sei, ließ Michael Feindler augenzwinkernd wissen.

Dann schlug die Stunde des Publikums sowie der Jury. Und diese beurteilten die Leistungen unterschiedlich. „Es war ein wunderbarer Abend mit vier großartigen Bewerbern. Dabei darf nicht vergessen werden, wie schwierig es ist, aus einem harmonischen Gesamtprogramm 20 Minuten herauszupicken“, zog Peter Adrian Bilanz, bevor er Lars Redlich zum Gewinn des Publikumspreises „Lökchen“ gratulierte.

Klaus Wohnaut, der dem Duo „Fußpflege Deluxe“ die „Lok“ überreichte, betonte, dass die Entscheidung der Jury sehr eng gewesen sei. „Wir haben Punkte verteilt. Und am Ende hatten Carolin Seeger und Christoph Schlewinski die Nase vorne!“ Bevor die neuen Preisträger jeweils eine Zugabe auf die Bühne zauberten, sprach Peter Adrian wohl allen Gästen aus der Seele: „Wir freuen uns darauf, alle Bewerber mit ihren vollständigen Programmen hier auf der Bühne des Talbahnhofs geniessen zu dürfen!“

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