Eschweiler - Jupp Hammerschmidt liest aus Erinnerungen an die Eifler vor 50 Jahren

Jupp Hammerschmidt liest aus Erinnerungen an die Eifler vor 50 Jahren

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
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Er wirft einen humorvollen Blick auf das Leben der kleinen Leute in der Eifel: Auto und Kabarettist Jupp Hammerschmidt las aus seinem neuen Buch „Der Korbwagen“.

Eschweiler. Jupp Hammerschmidt, so stellte Buchhändler Jörg Drescher den Autor vor, sei ja in Eschweiler vor allem von seinem Kabarettauftritten im Talbahnhof bekannt. „Heute Abend bekommen wir aber kein Kabarettprogramm zu hören, sondern nette Geschichten aus seinem neuen Buch Der Korbwagen.“ Nun ja, ganz ohne Kabarettszenen ging es dann doch nicht ab beim unterhaltsamen Abend „Leseprofi live“ am Mittwoch in der Buchhandlung Oelrich & Drescher. Gelegentlich mussten die Zuhörer sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischen.

Hammerschmidt blickt in seinen Geschichten liebevoll und mit verschmitztem Humor, aber auch sehr genau auf den Alltag in einem kleinen Eifeldorf vor 40 oder 50 Jahren. Die Besucher der Lesung – es waren fast nur Besucherinnen – mussten immer wieder bestätigend nicken: Ja, so war es damals, und nicht nur in der Eifel.

Die Singer-Nähmaschine, auf der alles von den Puppenkleidchen bis zum Kommunionkleid genäht wurde, daran erinnert man sich. Ebenso an die Kinderwagen aus Korbgeflecht. Und nicht minder an den Stolz der Familienväter auf ihr erstes Auto: „Fotos vom Korbwagen mit meinem Bruder gibt es nicht, aber später vom Papa und seinem Opel, meist stand er lässig eine Hand in der Tasche neben dem chromblitzenden Rekord...“

In diesen Geschichten aus seinem Heimatdorf Höfen schweift der Autor immer wieder auf wunderbar unterhaltsame Weise ab. Vom Kinderfoto („Ich sah als frühes Kleinkind aus wie der späte Nikita Chruschtschow“) kommt er auf die große Weltpolitik: „Das war der mit Kennedy und der Kubakrise 1962.

Die Kubakrise wäre damals ums Haar in einen Atomkrieg gemündet, was wir in der Eifel allerdings erst 20 Jahre später mitgekriegt haben.“ So ein Leben in der Eifel habe also durchaus Vorteile.

Zwei Sätze später ist Hammerschmidt dann bei den langen Wollstrümpfen, die mit Strumpfhaltern oben gehalten wurden, schwenkt von den Kinderstrümpfen mühelos zum Bürgermeister („Mercedes-Diesel-Besitzer auf Heizölbasis“) und von diesem auf die pappsüßen Weine, die man damals bevorzugte („Piesporter Goldtröpfchen Spätlese, Hauptsache die Plörre war zuckersüß, das galt damals als die Spitze des feinen Geschmacks“) und kriegt von dort aus wieder elegant die Kurve zurück zu der Lederriemenfederung und den verchromten Schutzblechen seines Korb-Kinderwagens sowie den verschiedenen Methoden, ein schreiendes Baby in diesem Kinderwagen zu „schuckeln“.

In seinen Histörchen schöpft Jupp Hammerschmidt natürlich aus eigener Erinnerung, und er hat da einen scharfen Blick für Situationskomik. Wie die Gemeinde zu Ostern, vor Kälte bibbernd, in der Kirche sitzt, weil ab Ostern Frühlingskleider getragen werden, auch wenn der Schnee am Straßenrand noch meterhoch liegt und der eisige Westwind von Kalterherberg her durch die Dorfstraßen pfeift – das ist umwerfend komisch beschrieben.

Und so etwas malt er dann in allen Details aus: Wie die Dorfjugend die alljährliche Wallfahrt nach Heimbach zur Schmerzhaften Mutter Gottes als sportliche Herausforderung versteht, sozusagen als Triathlon, und nicht etwa wie die Weicheier mit einer Übernachtung in dem Wallfahrtsort, nein: „Das ist doch lächerlich für einen 16-Jährigen.

Die taffen Wallfahrts-Triathleten starteten erst am Samstagabend und marschierten die Nacht stramm durch, in Heimbach ohne Halt gleich rein in die Kirche und nach dem Schlusssegen gemeinsam mit den Weicheiern sofort wieder zurück nach Höfen. Also zwei Marathons hintereinander.“

Nach jeder Geschichte lockert Hammerschmidt seinen Vortrag, seine eigenen Gliedmaßen und die Lachmuskeln der Zuhörerinnen mit Gedichten auf, kleinen Nonsense-Kunstwerken, angesiedelt zwischen Heinz Erhard und Ringelnatz. Da ist er ganz Kabarettist.

Er geht in die Hocke, faltet sich fast zusammen, rudert mit den Armen, imitiert den Singsang der Eifeler Mundart, kostet jedes Wort aus, steuert die Pointen zielsicher an. Und vergisst auch nicht, am Ende der Lesung darauf hinzuweisen, dass er im Januar – es ist ja noch etwas hin – wieder in Eschweiler sein wird, mit seinem neuen Kabarettprogramm, im Talbahnhof. Freuen darf man sich aber jetzt schon darauf.

Passendes Abendessen

Wie immer bei „Leseprofi live“ gab es in der Pause ein zum Thema der Lesung passendes Abendessen. Buchhändlerin Margret Oelrich hatte es selbst zubereitet und die Gerichte (unter anderem Gulasch, Kartoffelgratin und Rodonkuchen) aus einem Eifel-Kochbuch ausgesucht. Auch für das Essen gab es, wie für die Lesung, viel Lob und Beifall.

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