Eschweiler - Jugendliche Flüchtlinge: Mit hohen Erwartungen und schwerer Last

Jugendliche Flüchtlinge: Mit hohen Erwartungen und schwerer Last

Von: Patrick Nowicki
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Handwerkliche Arbeit für einen geregelten Alltag: Caritas und VABW wollen mit unterschiedlichen Angeboten, Flüchtlingen das Leben in Deutschland erleichter. Foto: Johannes Schaffeldt/Patrick Nowicki
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Stehen Pflegefamilien mit Rat und Tat zur Seite: Vanessa Thomas (links) und Anna Gerhards vom Haus St. Josef. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Aufregung war groß, als mit dem Umzug der Bundespolizei vor etwas mehr als einem Jahr auch davon ausgegangen wurde, dass zahlreiche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Eschweiler kommen. Inzwischen hat sich die Lage entspannt: Aktuell leben in der Indestadt 78 jugendliche Flüchtlinge. Sie sind in stationären Einrichtungen, in Wohngruppen und in Pflegefamilien untergebracht.

Dass dann doch nicht die Herkulesaufgabe für das Eschweiler Jugendamt und deren Kooperationspartner zu bewältigen ist, hat zwei Hintergründe: Zum einen wurde die Gesetzesgrundlage dermaßen verändert, dass die jungen Menschen auf alle Kommunen verteilt werden können, und zum anderen wurden nach und nach viele Schleuserrouten geschlossen, über die die Minderjährigen nach Deutschland einreisten.

„Es kommen nur noch vereinzelt neue Jugendliche zu uns“, berichtet Wolfgang Gerhards, Leiter des Hauses St. Josef. In der Einrichtung, die sich um die sozialpädagogische Betreuung der jungen Flüchtlinge kümmert, ist man auch auf einen größeren Ansturm vorbereitet. 25 Personen sind im pädagogischen Bereich dort beschäftigt, um den jungen Menschen den Einstieg in das neue Umfeld zu ebnen.

Viele Monate verharrten die Mitarbeiter in Lauerstellung, weil sich der Umzug der Bundespolizei hinzog. „Wir sind als Einrichtung auch in Vorleistung getreten“, sagt Gerhards. Dies hat auch zu Verärgerung geführt: Nicht nur im Haus St. Josef, auch in der Stadt Eschweiler wurden schließlich Leute eingestellt, die zunächst ausharren mussten. Lob gibt es hingegen für die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Eschweiler. „Wir haben gemeinsam Neuland betreten und Strukturen geschaffen, die sich als richtig und belastbar erweisen“, meint er.

Die Erfahrung des ersten Jahres hat gelehrt: Die jungen Menschen kommen auch mit falschen Erwartungen nach Deutschland. „Der beliebteste Berufswunsch ist Fußballprofi“, berichtet Anna Gerhards, die im Haus St. Josef die Fachberatung für Pflegefamilien verantwortet. Damit unterscheiden sich die jungen Flüchtlinge nicht von ihren Altersgenossen.

Zwar zwangen sie die Erfahrungen ihrer Flucht, des Krieges und der Bedrohung in ihrer alten Heimat, schnell Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, aber die Sehnsüchte und Wünsche ähneln sehr denen der in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen.

Die unbegleiteten Minderjährigen haben nicht nur ein schweres seelisches Paket zu tragen, sie müssen auch eine hohe Hürde nehmen: Es gilt, entkoppelt von ihrer Familie und ihren Freunden, schnell in einer fremden Kultur Fuß zu fassen. „Bindungen spielen eine wichtige Rolle für die Jugendlichen“, sagt Vanessa Thomas, die als Familientherapeutin im Haus St. Josef tätig ist.

Per Handy wird oft der Kontakt zur Heimat gehalten. Das Gefühl, in einer Familie zu leben, kann jedoch das Haus St. Josef nicht jedem ausreichend bieten. Die Einrichtung sucht deswegen immer wieder Pflegefamilien, die einen jugendlichen Flüchtling bei sich unterbringen.

Am morgigen Mittwoch findet aus diesem Grund eine Informationsveranstaltung statt: Von 18.30 bis 21 Uhr wollen Anna Gerhards und Vanessa Thomas erzählen im Haus St. Josef, welche Aufgaben auf Pflegefamilien warten, die für die Aufnahme eines minderjährigen Flüchtlings zwar Geld erhalten, allerdings auch einige Dinge beachten müssen.

„Romantische Gedanken wie ‚man erhält ein weiteres Familienmitglied‛, sind fehl am Platz“, sagt Anna Gerhards. Beide Seite müssen sich schließlich aneinander gewöhnen, die Jugendlichen müssen zunächst ankommen in ihrem neuen Umfeld. Dies erfordere von beiden Seiten Geduld.

Seit eineinhalb Jahren besteht die Möglichkeit für jugendliche Flüchtlinge, in der Städteregion in Pflegefamilien zu leben. Über 40 Familien wurden inzwischen geschult, 25 Familien blieben dabei. „Manche Familie wünscht sich, ein Mädchen oder ein Kind aufzunehmen“, berichtet Anna Gerhards. Meistens sind es jedoch die Jungs, die es bis Deutschland schaffen. Aktuell befinden sich nur drei Mädchen in der Begleitung durch das Haus St. Josef.

Der Alltag stellt für die Jugendlichen schon die größte Herausforderung dar. Bei Gängen zum Amt und zur Schule können Pflegeeltern wertvolle Hilfe leisten. Ebenso beim Erlernen der neuen Sprache und Gewohnheiten. Es gibt auch juristische Grenzen, die es zu beachten gilt, denn in den ersten drei Monaten dürfen die Jugendlichen zum Beispiel Deutschland nicht verlassen.

„Das müssen Pflegeeltern natürlich wissen“, sagt Vanessa Thomas. Auch aus diesem Grund stehen zunächst Schulungen an. Ohnehin wird der Kontakt sowohl zu den Jugendlichen als auch zu den Pflegefamilien stets aufrecht erhalten. Zudem stehen Treffen und gemeinsame Aktivitäten der Pflegefamilien an, denn der gemeinsame Austausch sei wichtig.

In den Augen der Sozialarbeiterinnen im Haus St. Josef profitieren beide Seiten davon: „Die Pflegefamilie lernt eine neue Kultur kennen – auch das ist eine Bereicherung sein.“

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