Eschweiler - Jugendkultur: Norbert Schmitz lässt die 50er und 60er Jahre aufleben

Jugendkultur: Norbert Schmitz lässt die 50er und 60er Jahre aufleben

Von: Rudolf Müller
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In Vor-Facebook-Zeiten im Mittelpunkt beziehungsstiftenden Freitzeitvergnügens: Lentzens Raupenbahn auf der Eschweiler Kirmes. Zur rasanten Fahrt heizte die „internationale Musikbox mit den neuesten Schlagern aus aller Welt“ den Jungs und Mädels ein, erinnert sich Autor Norbert Schmitz. (Foto Schmitz: Michael Strauch).
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Damals Galan am Steuer, heute – und das seit vielen Jahren – Norbert Schmitz‘ ständiger Begleiter am Saxofon: Helmut Güldenberg.
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„Härter als hart“ – Schmitz‘ erste Band: The Protects. Neben ihm am Mikro waren dies Jupp Leipertz, Hugo Mocha und Peter Schmitz, dessen Vater Organist an Herz Jesu war.

Eschweiler. Es ist ein Thema, über das man eigentlich nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Norbert Schmitz schreibt‘s gleich in ein Buch: Wie es dazu kam, dass die Rolling Stones ihm seine erste körperliche, aber dennoch „unschuldige“ Begegnung mit dem anderen Geschlecht ermöglichten. Und wie er heute, 47 Jahre später, noch in tiefer Dankbarkeit davon zehrt.

Als Sänger in etlichen Band – in den zurückliegenden Jahren vor allem als „Black & White“ mit Helmut Güldenberg – ist Norbert Schmitz, Jahrgang 1951, weithin bekannt. Jetzt ist er unter die Autoren gegangen. Weil er es viel zu schade fände, wenn all das, was die Indestadt und deren Jugendkultur in den 50er und 60er Jahren geprägt hat, verloren ginge.

„Der Geschichtsverein hat eine Menge an Historischen und Anekdotischem aus den einzelnen Stadtteilen aufgearbeitet und bewahrt, aber die irre Zeit unserer Jugend, der Beatbälle und der Beatbands hat bisher in keiner Veröffentlichung ihren Niederschlag gefunden“, sagt Schmitz.

Das hat er nun geändert. „Das Projekt hat mich seit Jahren beschäftigt. Immer, wenn ich am Eiscafé Capri vorging oder auf der Kirmes war, fielen mir wieder die Storys von früher ein. Ich habe über zwei-drei Jahre hinweg eine ganze Schublade voller Notizzettel gesammelt, Fotos gesucht, rechechiert und monatelang sortiert und geschrieben.“

Was dabei herausgekommen ist, ist stark autobiografisch. Und seinem Bruder gewidmet: Harald Schmitz, lange Jahre Wirt des „Kleinen Marktcafés“, starb am 1. Oktober 2004 im Alter von nur 56 Jahren. Auch Harald war Musiker.

Ein Foto seiner Band ziert das Cover des 150 Seiten starken Buches, das mit rund 50 Bildern aus jenen Jahren ausgestattet ist. Die Band hieß „Mick & his Children“. Neben Harald waren das Laurenz Gottschalk und Ivo Bedekovic. Und Hans Stuchlik. Der ist heute weit über Europa hinaus renommierter Kunstprofessor.

Es ist ein anekdotenreiches Buch, das Schmitz da vorlegt. Eines, das trotz seines biografischen Charakters all das beleuchtet, was damals die breite Masse der Jugendlichen bewegte und Eschweiler im Licht der Zeit zeigt, in der Gehorchen und Anpassen nicht mehr das oberste Gebot für die aufbegehrende Jugend waren. „Die Musik wurde unsere Religion“, erinnert sich Norbert Schmitz. „Wir waren nur zu gerne bereit, ihren Hohenpriestern Elvis, Bill Haley, den Beatles, den Stones usw. zu folgen, die in ihren Liedern dazu aufriefen, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

Schmitz nimmt seine Leser mit auf eine Zeitreise voller „Aha“- und „Weißt-du-noch“-Effekte, eine Reise zurück in die Jugend, auf der viele sich selbst begegnen werden. Eine Reise, die in der Kindheit beginnt: als in Wettbewerben um jeden Knicker gekämpft wurde, als ganze Stadtviertel zur Rollschuhbahn mutierten, als Gummitwist der Renner war und Hulahoop-Reifen als letzter Schrei galten. Das war die Zeit, in der Kinder auf der „Kippe“ Eidechsen und Salamander fingen, in den umliegenden Gärten Kirsch- und Apfelbäume plünderten, im Sommer ins Weisweiler Freibad radelten, im Herbst Drachen steigen ließen und im Winter mit ihren Schlitten wagemutig die „Todesbahn“ der „Kippe“ hinunterschossen.

Es war die Zeit von Tarzan und Fuzzy, Zorro und Prinz Eisenherz im Kino. Die Zeit der Comics und Bonbons aus „Kratze Büdche“, der ersten Fernsehtruhe im Hause Schmitz, die Zeit von Bonanza und Augsburger Puppenkiste, von Raumpatrouille Orion und Chris Howlands „Musik aus Studio B“.Und der gar nicht so einfachen Kussversuche bei rasanten Raupenbahnfahrten im Stehen.

Es war die Zeit, in der Tanzlokale in Eschweiler Hochkonjunkturv hatten: das Hotel St. Peter (später Glory‘s), Esser-Daun, Wantzen. Hier spielte die Musik – live. Bis die ersten Discos Ende der 60er Jahre das Ende der Beatbälle in muffigen Sälen bedeuteten.

Es war die Zeit der Käse-Igel in Partykellern, und die Zeit, in denen Väter alle halbe Stunde die Party störten – aus Furcht vor Ärger mit dem Kuppelparagraphen.

Es war die Zeit der Eiscafés Capri und Venezia – das eine Treffpunkt der Lehrlinge, das andere Domizil der Gymnasiasten. Reibereien programmiert. „Fortgeschrittene“ besuchten den „Pferdestall“ in der Josef- oder die „Hölle“ in der Hompeschsstraße. Schmitz: „Der Name war Programm!“

Es war die Zeit, als Harald und Norbert erste Bands gründeten und zu Hause um jeden Zentimeter Haarlänge kämpfen mussten, als die „Lords“ als erste Langhaarige viel begafft durch Eschweiler spazierten, als Norbert einen Talentwettbewerb gewann – und Harald den Kampf gegen seinen gestrengen Vater („langhaariges Gesocks!“) verlor, der ihn zu nachtschlafender Zeit im Bett mit einer Küchenschere seiner Haarpracht beraubte, während Norbert im Schlafanzug hinaus auf die Straßen lief, um dem gleichen Schicksal zu entgehen...

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