Eschweiler - Josef Stiel diskutiert mit jungen und älteren Bürgern

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Josef Stiel diskutiert mit jungen und älteren Bürgern

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Den Gebrauch von Waschschüsse
Den Gebrauch von Waschschüssel und Kanne für die Körperpflege vor 50 Jahren demonstriert Josef Stiel gern. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Ob „früher alles viel besser war”, fragt der Eschweiler Buchautor Josef Stiel in der Bürgerbegegnungsstätte an der Moselstraße.

Es ist eine rhetorische Frage, denn vor 50 Jahren war vieles viel schlechter als heute: die Prügelerziehung, der Widerstand gegen die Emanzipation der Frauen, die Verteufelung der Sexualität durch die katholische Kirche. So beschreibt es Stiel, Jahrgang 1944, in seinen inzwischen drei Büchern über das Leben in Eschweiler.

Am Ende des Gesprächsabends unter dem Motto „Generationen diskutieren” sind sich Stiel und Publikum aber weitgehend einig, dass zwar vieles schlecht, manches aber doch gut war in der schlechten alten Zeit.

„Als Kinder haben wir in ausgebrannten Panzern gespielt und in gesprengten Bunkern. Es gab keinen Supermarkt, es gab keine Boutiquen. Keine Döner, keinen Hamburger. Keine Ausländer, außer belgischen Besatzungssoldaten. Und fast keine Autos.” Wenn Josef Stiel aus seiner Jugend- und Kinderzeit erzählt, hören alle gespannt zu.

An die 30 Besucher, darunter viele junge, sind zu dem Gesprächsabend gekommen. Eingeladen hat der Verein „Beo” (Bürgerbegegnungsstätte Eschweiler Ost) und die IG Juleo (Junge Leute aus Eschweiler-Ost). Der Erlös des Abends ist für das Projekt Mädchencafé vorgesehen, sagt Vanessa Biermann von der IG Juleo.

Die Plackerei der Frauen

Einen alten Schulranzen hat Stiel mitgebracht, er packt die Schiefertafel aus und die dünnen Schulbücher. Und, ja das war damals schon gut, sagt der pensionierte Lehrer, dass die Kinder wirklich erst einmal richtig schreiben gelernt haben. Während heute schon die erste Fremdsprache gelehrt wird, wenn die Muttersprache noch nicht einmal gut beherrscht wird.

Aber die Plackerei der Frauen im Haushalt, die als selbstverständlich angesehen wurde, die war nun gar nicht gut. Im Detail beschreibt Stiel den allwöchentlichen Waschtag, vom Einweichen der Wäsche im letzten Badewasser vom Samstag übers Kochen bis zum Mangeln. Einen Wäschestampfer hat er als Anschauungsobjekt gleich mitgebracht.

Und auch andere damals unentbehrliche Haushaltsgegenstände, die heute Raritäten sind: Rasiermesser und Ondulierschere, Nachttopf und Waschschüssel. Mit der Hygiene sei es damals nicht so weit her gewesen, versichert er - kein Wunder, wenn das Wasser vom Brunnen geholt und auf dem Herd heiß gemacht werden musste. Ach, entgegnet ihm eine Zuhörerin, das könne man in Polen auf dem Lande heute noch sehen.

Respekt und Zusammenhalt

Und Familienfeste - die hatten damals bei aller Anstrengung für die Hausfrau doch auch etwas, das heute verloren zu gehen droht: der familiäre Zusammenhalt war viel enger, und das habe auch etwas Positives. Und noch etwas sei gut gewesen, meldet sich ein Mädchen zu Wort: „Der Respekt gegenüber den Eltern, das war gut!” „Aber die Alten müssen auch die Jungen respektieren” betont eine andere Besucherin.

Die Unterdrückung der Frauen und der verlogene Umgang mit Sexualität in der Adenauerzeit sind wichtige Themen für Stiel. Vielleicht, so fügt er an, schlage das Pendel jetzt zu weit zur anderen Seite aus: die Übersexualisierung in der Gesellschaft sei auch nicht gut.

Eine Teilnehmerin der Diskussion gibt zu bedenken, dass die Rolle der Frau heute doch genau so überfordernd sei wie damals. Zwar nicht mehr die Knochenarbeit im Haushalt, aber man möge doch nur einmal in normale Frauenzeitschriften schauen: Frauen sollen den Haushalt managen, im Beruf erfolgreich sein und bitte auch noch schön und begehrenswert für den Mann - am Rollenverständnis und der Überforderung habe sich doch nichts geändert.

Damit wendet sich die Diskussion weg vom Damals, hin zu dem, was noch geschehen sollte in einer sich wandelnden Gesellschaft. Und da sind sich Josef Stiel und die engagierten Bürgerinnen aus Ost weitgehend einig: in der Familienpolitik, in der Jugendförderung und der Schulpolitik gibt es noch viel zu tun.

„Heute wird doch die Mutter bestraft dafür, dass sie Kinder kriegt und trotzdem arbeiten muss”, ist eine der Wortmeldungen aus dem Publikum. Da nickt der Sozialdemokrat Stiel: „Wenn ich sage, die Kinder sind unsere Zukunft, dann muss der Staat auch etwas dafür tun. Unser Land ist eines der reichsten der Welt. Es soll sich schämen dafür wie es mit seinen Kindern umgeht.
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