Eschweiler - Jedes vierte Kind in Eschweiler lebt von Sozialleistungen

Jedes vierte Kind in Eschweiler lebt von Sozialleistungen

Von: Patrick Nowicki
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Verkündeten die Zahlen des Jobcenters: Jürgen Schoenen (Leiter Eschweiler) und Geschäftsführer Stefan Graaf (rechts). Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Arbeitsmarktlage ist gut – auch in Eschweiler. Aber die Zahl der Menschen, die von staatlicher Unterstützung leben müssen, ist nach wie vor hoch. Wie passt das zusammen? „Es gibt zu wenig Stellen auf Helferniveau“, sagt der Leiter des Eschweiler Jobcenters, Jürgen Schoenen.

Seine Kritik richtet sich auch an die Betriebe, die in seinen Augen verstärkt eigenes Personal qualifizieren sollen, statt externe Fachkräfte anzuwerben. Schoenens Rechnung: Rücken Mitarbeiter intern auf, werden Stellen frei, die eine weniger hohe Qualifikation erfordern. Nach wie vor schauen die Menschen auf dem Arbeitsmarkt in die Röhre, die geringe oder keine Bildungsabschlüsse vorweisen können. „Wir können es uns als reiches Land nicht leisten, dass fünf Prozent eines Jahrgangs ohne Schulabschluss bleibt“, richtet er einen Appell an die Politiker.

Historischer Tiefstand

Dass der Eschweiler Geschäftsstellenleiter Schoenen und der Geschäftsführer des Jobcenters in der Städteregion, Stefan Graaf, ein positives Fazit des vergangenen Jahres ziehen, hängt vor allem mit der Tatsache zusammen, dass 1016 Menschen von November 2015 bis Dezember 2016 in Arbeit gebracht wurden. Auch die Tatsache, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen mit 947 Personen im Oktober des vergangenen Jahres laut Graaf einen historischen Tiefstand erreichte, lässt die Verantwortlichen im Jobcenter positiv nach vorne schauen.

Die Herausforderungen an die 60 Mitarbeiter sind in den vergangenen Monaten nicht geringer geworden. Inzwischen sind viele Flüchtlinge aus dem Asylbewerberleistungsgesetz gefallen und werden nach dem Sozialgesetzbuch II behandelt, was viele als „Hartz IV“ kennen. Im Dezember des vergangenen Jahres waren 1922 Menschen ohne deutschen Pass im Eschweiler Jobcenter gemeldet, ein Jahr zuvor waren es noch 1626. Die Syrer stellen mit 490 Personen inzwischen die stärkste Betroffenen­gruppe und haben damit die Gruppe der Türken (223) überholt. Überraschend zugenommen hat die Zahl der Rumänen, die Leistungen vom Staat erhalten: 92 Personen im Dezember 2016, 42 mehr als im Jahr zuvor.

Die Fallmanager im Jobcenter machen die Erfahrung, dass viele Flüchtlinge darunter leiden, wenn ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt, der Aufenthalt befristet und ein Nachzug der Familie nicht möglich ist. „Wir behandeln sie so, als würden sie für immer hier bleiben“, berichtet Schoenen. In der täglichen Arbeit können die Mitarbeiter des Jobcenters inzwischen auch eine Dolmetscher-Hotline anrufen. Bis zum 2. Mai musste immer ein Übersetzer angefordert werden, inzwischen reicht der Griff zum Hörer. Man habe bisher gute erste Erfahrungen mit der Hotline gemacht. Dass sich der Aufwand für die Menschen lohnt, daran lässt Schoenen keinen Zweifel: „Viele Flüchtlinge lassen sich nicht entmutigen und sind Leute, die sich anstrengen.“

Jeder Zwölfte betroffen

Sorgen bereitet die nach wie vor hohe Zahl von Kindern, die von „Hartz IV“ leben: Im Oktober 2016 waren 1825 der 6886 Leistungsbezieher in Eschweiler unter 15 Jahre alt. Dies entspricht einem Anteil von 24 Prozent der Kinder in diesem Alter in der Stadt – jedes vierte Kind lebt also statistisch betrachten von Leistungen aus dem SGB II. Setzt man die Leistungsbezieher in Relation zur Einwohnerzahl, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass etwa zwölf Prozent der Indestädter nur mit staatlicher Unterstützung genügend zum Leben bekommen, denn nach wie vor gibt es auch eine große Zahl von Menschen, die trotz Berufs zu wenig verdienen. Im Oktober des vergangenen Jahres zählte das Jobcenter 1024 sogenannte „Aufstocker“.

Als hätten die Mitarbeiter im Jobcenter nicht ohnehin alle Hände voll zu tun, klagt Stefan Graaf auch noch über die steigende Bürokratie. „Jeder Versuch, das System der Hilfeleistungen im SGB-II-Bezug zu erleichtern, hat dazu geführt, dass es komplizierter wurde“, sagt er. Als Beispiel nennt er das geplante Unterhaltsvorschussgesetz, dass den Anspruch für Alleinerziehende erweitert. Allerdings muss zunächst jeder Fall wieder einzeln geprüft werden – meistens im Jobcenter, denn laut Graaf beziehen 80 Prozent der Betroffenen „Hartz IV“. Die Einnahmen aus dem Unterhaltsvorschuss sind bei der Bedarfsermittlung anzurechnen, führen also oft zu einem Nullsummenspiel. Am Ende bleibt bürokratischer Aufwand ohne positiven Effekt für die bedürftigen Menschen.

Dass viele Menschen in Eschweiler von Leistungen aus dem SGB II leben, spürt auch die Stadtkasse deutlich. Seit Jahren steigen die Kosten für die Unterkunft der Menschen, in die auch die Heizungskosten eingerechnet werden, die zunächst von der Städteregion übernommen werden. Über die Umlage ist dann die Stadtkasse beteiligt. In der Summe wurden im vergangenen Jahr 31,76 Millionen Euro in Eschweiler gezahlt. „Dieses Geld dient vor allem zur Sicherung des sozialen Friedens“, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Stefan Graaf. Zum Vergleich: In Stolberg wurden 33,8 Millionen Euro Leistungen im Rahmen des SGB II überwiesen.

Qualifizierung gefordert

In Eschweiler betrugen die Ausgaben im Jahr 2013 noch 28,38 Millionen Euro, ein Jahr später bereits 29,93 Millionen Euro. Für Jürgen Schoenen ein Grund, nochmal darauf hinzuweisen, junge Menschen besser zu qualifizieren und Anreize in Unternehmen zu schaffen: „Die Politiker müssen sich fragen, ob es günstiger ist, Arbeitslosigkeit zu finanzieren oder Arbeitsplätze.“ Sonst bleiben die Zahlen im Jobcenter hoch.

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