Interview: Spannende Vergangenheit der Grünen

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
10062537.jpg
35 Jahre „Die Grünen“ und kein bisschen müde: Dietmar Widell beim Studium einer Ratsvorlage. Foto: Andreas Röchter
10062525.jpg
Vor 35 Jahren gründeten sich „Die Grünen“. Natürlich war damals auch Dietmar Widell (3. von links) mit von der Partie. Er war eines von 16 Gründungsmitgliedern, deren Durchschnittsalter 22 Jahre betrug. Die Gründungsversammlung fand damals im kleinen Saal der Gaststätte „Burghof“ statt. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Der 22. Februar 1980 stellte eine Zäsur in der Eschweiler Parteienlandschaft dar. Denn an diesem Freitagabend gründeten 16 junge Menschen, deren Durchschnittsalter 22 Jahre betrug, im kleinen Saal der Gaststätte „Burghof“ den Ortsverband der „Grünen“. Ein Mann dieser ersten Stunde war Dietmar Widell.

35 Jahre, zahlreiche Wahlkämpfe und nahezu unzählige Rats- und Ausschusssitzungen später ist der 56-Jährige nach wie vor mit von der Partie, wenn es darum geht, für die Durchsetzung grüner Überzeugungen zu kämpfen. Bundes-, landes- und kommunalpolitisch ist die Partei, deren Name seit der Wiedervereinigung Bündnis90/Die Grünen lautet, längst etabliert und auch regierungserfahren.

Kein Grund für Dietmar Widell, in Ratssitzungen weniger kämpferisch aufzutreten als vor drei Jahrzehnten. Im Gespräch blickte das Gründungsmitglied des indestädtischen Ortsvereins auf spannende Zeiten zurück, äußerte sich aber auch durchaus besorgt um die Zukunft der Eschweiler Grünen.

 

Sie gehören zu den Gründern der Eschweiler Grünen. Wie kam es zu Ihrem kommunalpolitischen Engagement, das bis heute andauert?

Widell: Ich war bereits vor dem 22. Februar 1980 politisch sehr interessiert, aber nicht aktiv. Im Vorfeld hatte ich mich einige Male bei den Aachener Grünen umgesehen und rege Diskussionen geführt. Als ich dann aber in der Zeitung den Aufruf zur Gründung der Grünen in Eschweiler las, sah ich die Chance, in Eschweiler etwas zu bewegen.

Und die Ziele lauteten?

Widell: Schlicht und einfach, Eschweiler umzukrempeln. Wie das halt so ist, wenn junge Menschen etwas neues gründen, das einen politischen Hintergrund hat. Es war sehr viel Elan vorhanden und es gab Vorstellungen, was verändert werden müsste. Einiges davon konnte umgesetzt werden, vieles aber auch nicht. Wobei ich bei einigen Dingen rückblickend auch froh bin, dass sie nicht umgesetzt wurden.

Die Gründungsphase war also ziemlich wild?

Widell: Das kann man so sagen. Wir bestanden eigentlich nur aus Flügeln mit unterschiedlichsten Vorstellungen. Die Sprengkraft war so groß, dass es 1982 sogar zur Auflösung des Ortsverbands kam. Die Verbliebenen sind zwischenzeitlich nach Alsdorf und Aachen gegangen, bevor 1983 dann die Wiedergründung gelang. Dann auch mit dem Ziel, in den Stadtrat einzuziehen.

Was zuvor nicht der Fall war?

Widell: Ursprünglich waren wir in erster Linie außerparlamentarisch aktiv. Doch bei der Wiedergründung war uns klar, dass die Gesellschaft von außen kaum zu verändern ist. Also haben wir uns für den Stadtrat 1984 beworben. Ich sogar als Bürgermeisterkandidat. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. 5,6 Prozent der Wählerstimmen brachten uns drei Sitze.

Wie war der Empfang durch die Ratsmitglieder der etablierten Parteien?

Widell: Ich kann nicht behaupten, dass wir mit Samthandschuhen angefasst wurden. Unter anderem sind wir als „Ökofaschisten“ beschimpft worden. Die Gegenpole und Gräben zwischen den Parteien waren damals viel stärker und tiefer. So gab es nicht selten Krawall im Stadtrat, was aber auch zu durchaus spannenden Sitzungen führte. Teilweise schlug uns Grünen aber sehr starke Ablehnung entgegen. Dies hat erst Mitte der 90er Jahre spürbar nachgelassen.

Worauf führen Sie diese Ablehnung zurück? Schließlich war der Einzug der Grünen durch demokratische Wahlen legitimiert!

Widell: Das schon. Aber für eine Provinzstadt wie Eschweiler war das Erscheinen einer neuen Partei quasi ein Erdbeben. Wir wurden als Linksaußen angesehen. Und das gesellschaftliche Klima war damals insgesamt engstirniger. Die Lage entspannte sich, als bei den politischen Mitbewerbern Personen wie Franz-Josef Dittrich und Leo Gehlen auf der Bildfläche erschienen. Von ihnen wurden wir Grünen als politische Mitstreiter ernst genommen. Ging es während unserer ersten beiden Legislaturperioden oft auch ins Persönliche, ist es heutztage kein Problem mehr, nach einer Sitzung auch mit Mitgliedern anderer Fraktionen noch gemeinsam wohin zu gehen.

Wo sehen Sie Ihren größten politischen Erfolg, wo Niederlagen?

Widell: Ein großer Erfolg war es, die Inde-Überbauung verhindert zu haben, obwohl sie quasi bereits beschlossene Sache war. Eine Niederlage war die Ansiedlung von Peek & Cloppenburg in der Stadtmitte, da durch diese der Stadtgarten extrem beschnitten wurde. Wobei es hier nicht um das Geschäft als solches geht, sondern um den Standort.

Und wie haben sich die Grünen im Vergleich zu den Gründerjahren verändert?

Widell: Die Grünen sind ruhiger und sachlicher geworden. In Sachfragen sind wir inzwischen besser fundiert. Klar ist, dass wohl kaum jemand mit allem, was in seiner Partei geschieht, grundsätzlich einverstanden ist. Dies gilt auch für mich. Doch mein Leitsatz lautete und lautet: Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt. Doch wer hätte vor 35 Jahren an erneuerbare Energien gedacht. Heute wissen wir außerdem, dass Atomkraft ein Verbrechen an den kommenden Generationen darstellt. Wir Grünen bemühen uns, weiterzudenken und über den Tellerrand hinauszuschauen.

Was bedeutet es, Kommunalpolitik in einer „kleinen“ Partei zu betreiben?

Widell: Kommunalpolitik ist ein Nebenjob! Und in einer kleinen Partei fällt für jeden Beteiligten noch mehr Arbeit an. Bei der SPD-Dominanz in Eschweiler benötigt man des weiteren bei der Eingabe von Anträgen ein dickes Fell, da man sich bewusst sein muss, in der Regel keine Mehrheit zu erhalten. Mein Gegenmittel ist, mit Wortmeldungen in Ratssitzungen deutlich zu machen, dass ich weiß, wovon ich rede. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich es. Das verhindert Magengeschwüre. Alles in sich hineinzufressen, geht bei so vielen Jahren Opposition schief!

Trotz dieses Engagements ist das Ansehen von Politikern, auch von Kommunalpolitikern, nicht gerade hoch. Worauf ist dies zurückzuführen?

Widell: Demokratie ist eine Staatsform, an der sich möglichst viele Menschen beteiligen sollten. In dieser Hinsicht funktioniert unser System nicht mehr. Die meisten Menschen gehen in Sachen Kommunalpolitik, wenn überhaupt, alle fünf oder nun sechs Jahre wählen. Das war es dann aber auch. Kommunalpolitisches Engagement benötigt Zeit, Einsatz und guten Willen. Und an diesem Willen mangelt es. In der Gründungszeit der Grünen herrschte unter anderem durch die Anti-Atom- und Friedensbewegung nach den 68ern noch einmal eine Aufbruchstimmung. Es wäre schön, eine solche noch einmal zu erleben. Doch im Moment spüre ich nur wenig davon.

Welche Folgen befürchten Sie?

Widell: In Sachen Klima, Wirtschaft, Finanzmärkte sind wir an Punkten angelangt, von denen es steil bergab gehen könnte. Werden die Klimaschutzziele nicht erreicht, bekommen die nachfolgenden Generationen echte Probleme. Meiner Meinung nach hängt es von der jetzigen Generation ab, ob die Erde Zukunft hat oder nicht! Wir brauchen Umwälzungen, um die Herausforderungen zu meistern, die uns definitiv erwarten.

Nach 35 „grünen“ Jahren in Eschweiler sieht die Zukunft Ihrer Partei in der Indestadt wie aus?

Widell: Nach Ablauf dieser Legislaturperiode sind alle unsere Stadtrats- und Ausschussmitglieder über 60 Jahre alt. Unbestreitbar haben wir also ein riesiges Nachwuchsproblem. Klar ist für mich aber auch, dass ich mit 80 Jahren nicht mehr Politik machen möchte.

Was liegt stattdessen an?

Widell: Ich möchte mehr reisen. Vor allem gemeinsam mit meinem Sohn. Ich war mit dem Motorrad bereits acht Mal in Norwegen, zwei Mal in Island und bin quer durch Australien gefahren. Mein Sohn ist der Meinung, das sollten wir auch mal zu zweit in Angriff nehmen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert