Interview mit Wirtschaftsförderer Dietmar Röhrig

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
Roehrig.jpg
Wirtschaftsförderer Röhrig im Interview.

Eschweiler. Man schrieb das Jahr 1991, als der damalige Eschweiler Stadtdirektor Claus-Dieter Härchen an den damaligen Personalratsvorsitzenden Rudi Bertram herantrat und ihm mitteilte: „Wir brauchen einen jungen Mann, der zur Stadtförderung geht! Wen würden sie vorschlagen?“

Die Wahl des heutigen Bürgermeisters fiel auf seinen Schul-, Sport- und Kulturamtsmitarbeiter Dietmar Röhrig. Und damit war das freundschaftliche Verhältnis zwischen Dietmar Röhrig und Rudi Bertram (kurzzeitig) auf Eis gelegt. Es dauerte nämlich einige Wochen, bis sich der nun ehemalige Schul-, Sport- und Kulturamtsmitarbeiter mit seiner neuen Aufgabe als Verantwortlicher für Wirtschaftsförderung und Liegenschaften anfreunden konnte. Aber dann gab es kein Halten mehr.

Ein knappes Vierteljahrhundert und die Ansiedlung zahlreicher Unternehmen auf dem Boden der Indestadt später trennen sich nun die Wege Dietmar Röhrigs und der Stadt Eschweiler. Ab dem 1. April übernimmt der gebürtige Inde-städter mit Wohnsitz Aachen neue Aufgaben innerhalb der Geschäftsführung der S-Immo GmbH Aachen. Am gestrigen Freitag, dem letzten Arbeitstag für Dietmar Röhrig als Mitarbeiter der Stadt Eschweiler, hieß es also, den Schreibtisch in Raum 410 des Rathauses zu räumen.

„Ein schwerwiegender Verlust. Es geht ein Kollege, der als Amtsleiter die Geschicke der Stadt Eschweiler in den zurückliegenden Jahrzehnten maßgeblich mitgeprägt hat“, betonte Rudi Bertram während der internen Verabschiedung am Donnerstag. „Gegenüber der Stadt und mir war Dietmar Röhrig immer loyal. Deshalb war meine Reaktion, als er im vergangenen Oktober in meinem Büro auftauchte und mir mitteilte, dass er sich beruflich anders orientieren wolle, nicht druckreif“, blickte der Verwaltungschef zurück.

Die Nachfolge Dietmar Röhrigs als Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung, Liegenschaften und Tourismus wird der bisherige Leiter des Rechtsamts, Dieter Kamp, übernehmen. Im Gespräch blickt Dietmar Röhrig auf insgesamt drei Jahrzehnte als Mitarbeiter der Stadt Eschweiler, davon fast 23 Jahre als Wirtschafsförderer, zurück, wagt aber auch einen Ausblick in die Zukunft seiner Geburtsstadt.

Der Bürgermeister berichtete, dass die Vereinbarung zwischen Claus-Dieter Härchen und ihm, sie im Jahr 1991 zum Wirtschaftsförderer zu machen, für sie einen ziemlichen Schock bedeutete. War das Entsetzen tatsächlich so groß?

Röhrig: Wenn Rudi Bertram behauptet, dass meine direkte Reaktion auf seine Mitteilung eisig war, dann widerspreche ich ihm nicht!

Was hat schließlich zum Stimmungswechsel geführt?

Röhrig: Auf Vermittlung von Claus-Dieter Härchen bekam ich die Gelegenheit, sechs Wochen lang bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Rhein/Erft zu hospitieren. Die dortigen Kollegen haben alles offen gelegt und so bekam ich langsam aber sicher einen Einblick in die, wie ich dann feststellte, sehr interessante Materie. Diese sechs Wochen habe ich aber auch benötigt, um eine erste Orientierung zu erlangen. Wirtschaftsförderung umfasst eine Vielzahl an Themen. Vertragsrecht zum Beispiel. Darüber hinaus musste ich mich mit Begriffen wie Gemarkung oder Flurkarte erst einmal anfreunden.

Und was ist für sie letztlich das Faszinierende an Wirtschaftsförderung?

Röhrig: Es ist eine sehr herausfordernde Arbeit. Aber das schöne ist, dass ich vom ersten Gespräch mit einem Unternehmer über die Verhandlungen, die schließlich hoffentlich zu einem Vertragsabschluss führen, und die Erteilung der Baugenehmigung bis zur Aufstellung des Baukrans und der Firmeneröffnung dabei bin. Ein solcher Prozess kann, wie etwa bei der Ansiedlung des Aldi-Zentrallagers, etliche Jahre dauern.

Wie sah denn ihr Werdegang aus, bevor sie in das Amt für Wirtschaftsförderung und Liegenschaften wechselten?

Röhrig: Ich habe im Jahr 1983 mein Abitur am Städtischen Gymnasium gebaut und dann eine Ausbildung zum gehobenen nichttechnischen Dienst als Stadtinspektoranwärter begonnen. Diese umfasst ein duales Studium. Das heißt, ich bin zwischen dem Rathaus der Stadt Eschweiler und der „Fachhochschule für öffenliche Verwaltung“, die damals noch über eine Niederlassung in Aachen verfügte, gependelt. Mit dem Abschluss „Diplomverwaltungswirt“ bin ich dann im Jahr 1986 zum Amt für Schule, Sport und Kultur gekommen. Mein Abteilungsleiter war damals Rudi Bertram, der Amtsleiter Dieter Beginn. Dort bin ich bis 1991 geblieben, bis mich der Ruf der Wirtschaftsförderung ereilte.

Ein vollkommen neues Feld?

Röhrig: Absolut! Die Bereiche Wirtschaftsförderung und Liegenschaften gehören nicht zur klassischen Ausbildung eines Verwaltungsmitarbeiters, da sie im Privatrecht anzusiedeln sind.

Welche größere Aufgabe stand dann als erste auf der Agenda?

Röhrig: Die Erschließung und Vermarktung des Industrie- und Gewerbeparkes, die bis heute sehr erfolgreich verlaufen ist.

Wie beurteilen sie denn die Situation und wirtschaftliche Entwicklung Eschweilers?

Röhrig: Ich wäre ein schlechter Wirtschaftsförderer, wenn ich die Entwicklung nicht als positiv bezeichnen würde. Diese Entwicklung hat viele Facetten: Dazu gehören unter anderem die Erschließung des Industrie- und Gewerbeparks, des Gewerbe Technologie Centers, der Bereiche „In der Krause“ und „Königsbenden“, die Aldi-Ansiedlung oder auch der Auerbachcenter. Wir profitieren übrigens auch von der Renaturierung der Inde. Die gute Infrastruktur hilft insgesamt natürlich erheblich. Und damit meine ich nicht nur die A4, sondern auch die L238n und die Euregiobahn. Eines bleibt dabei festzuhalten: Die Erfolge wären ohne die gute Arbeit meiner Vorgänger nicht möglich gewesen. Als Wirtschaftsförderer habe ich immer eine Lotsenfunktion inne und bin klassischer Lobbyist für die Eschweiler Unternehmen.

Und stehen damit in harter Konkurrenz zu den Nachbarkommunen?

Röhrig: In der Tat! Aber innerhalb der Städteregion besteht ein gutes Netzwerk der Wirtschaftsförderer. So erfolgt in „Quartalsgesprächen“ ein regelmäßiger Austausch. Was jedoch nicht bedeutet, dass nicht knallhart miteinender gerungen wird. Es existiert natürlich ein Wettbewerb. Unsere Aufgabe dabei ist es, dem Unternehmen bestmögliche Rahmenbedingungen anzubieten. Die Entscheidung, ob sich eine Firma in Alsdorf, Stolberg oder Eschweiler ansiedelt, fällt schließlich der Unternehmer.

Bei allen sonstigen Meinungsverschiedenheiten sind sich die indestädtischen Kommunalpolitiker aller Coleur einig, dass die Wirtschaftsförderung in Eschweiler einen guten Job erledigt!

Röhrig: In dieser Hinsicht zieht die Politik in Eschweiler tatsächlich an einem Strang. Alles andere wäre für Eschweiler aber auch tödlich. Generell herrscht hier eine sehr gute Gesprächskultur mit den Unternehmern. Wir sitzen regelmäßig zusammen und tauschen uns aus. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, jeden Unternehmer, der mit dem Gedanken spielt, sich in Eschweiler anzusiedeln, mit ruhigem Gewissen zum Industrie- und Gewerbepark schicken zu können, um dort Informationen einzuholen. Die bereits angesiedelten Unternehmen sind nämlich die besten Wirtschaftsförderer Eschweilers.

Sie werden ihrem Nachfolger sicherlich nicht in dessen Arbeit hineinreden wollen. Dennoch: Worauf sollte in der nahen und ferneren Zukunft das Hauptaugenmerk der Wirtschaftsförderung in Eschweiler liegen?

Röhrig: In naher Zukunft stehen Entscheidungen in Sachen Hertie und Prysmian an. Bei beiden Projekten sieht es durchaus gut aus. Klar ist, dass Eschweiler zusätzliche Gewerbeflächen benötigt, damit die Stadt keinen Interessenten wegschicken muss. In etwas fernerer Zukunft steht der mindestens dritte Strukturwandel für Eschweiler an. Doch es gilt, sich bereits jetzt darauf einzustellen und Pflöcke einzuhauen, damit der Übergang möglichst nahtlos vonstatten gehen kann.

Zu ihrer eigenen Zukunft. Wie sehen ihre Aufgaben bei ihrem neuen Arbeitgeber aus?

Röhrig: Zunächst einmal ist mir wichtig, dass ich als gebürtiger Eschweiler in der Region bleibe. Meine neue Tätigkeit wird sich auch gar nicht so sehr von meinen alten Aufgaben unterscheiden. Immobilien, Gründstücke und Wirtschaftsförderung bleiben mein Bereich. Die S-Immo GmbH Aachen ist in diesem Segment Marktführer in der Region. Diese Position auszubauen ist eine Herausforderung, auf die ich mich freue. Zuständig sein werde ich für die gesamte Städteregion, also auch für Eschweiler.

Sie waren drei Jahrzehnte Mitarbeiter der Stadt Eschweiler. Wie schwer fällt ihnen der Abschied?

Röhrig: Auch wenn es etwas abgedroschen klingt: Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Zwei problematische Momente gab es. Zum einen im vergangenen Oktober der Weg von meinem Büro auf der vierten Etage des Rathauses in das Büro des Bürgermeisters auf der ersten Etage, um ihm meinen Entschluss mitzuteilen. Der zweite Moment war die Abschiedsfeier mit den engsten Mitarbeitern.

Und ihre Gefühlslage in den vergangenen Tagen?

Röhrig: Am Donnerstag der vergangenen Woche, an dem ich begonnen habe, in meinem Büro aufzuräumen und private Bilder einzupacken, wurde mir bewusst, dass der Abschied naht. Bis dahin war ich so stark im Geschäft, dass man mich auf die Tatsache, dass ein Wechsel ansteht, ansprechen musste.

Als Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung und Liegenschaften werden sie nicht regelmäßig um halb Fünf am Nachmittag Feierabend gehabt haben. Ihre Tätigkeit bei ihrem neuen Arbeitgeber treten sie am 1. April an. Was steht bis dahin auf dem Programm?

Röhrig: Unter anderem ein Besuch bei Verwandten in Australien. Generell reise ich gerne und verbinde dies auch schon einmal mit dem Besuch von Sportgroßereignissen. Vor zwei Jahren bot sich mir die Gelegenheit, während der Olympischen Spiele in London vor Ort zu sein. Ein gigantisches Erlebnis.

Bei einer anderen sportlichen Herzensangelegenheit läuft es derzeit nicht so gut...

Röhrig: Ich bin leidenschaftlicher Anhänger von Alemannia Aachen und erlebe in dieser Hinsicht keine ganz leichte Zeit. Der 1:0-Sieg beim 1. FC Köln (Anmerkung der Redaktion: der 2. Mannschaft) gibt aber Grund zur Hoffnung. Eine Tatsache, die auch Rudi Bertram zur Kenntnis nehmen musste. Die Fußball-Fachsimpeleien am Montag werden mir übrigens fehlen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert