Interview: „Kirche darf kein separates Clübchen sein“

Von: Marie-Luise Otten
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„Ich möchte den Menschen mit Empathie, Respekt und Wertschätzung. begegnen.“ – Das sagt Christiane Hartung aus Eschweiler, die nun als Gemeindeassistentin in Stolberg tätig ist.

Eschweiler/Stolberg-Breinig. Der Beruf des Gemeindereferenten hat nach dem II. Vatikanischen Konzil die zuvor fast ausschließlich von Frauen ausgeübte Tätigkeit als Seelsorgehelferin abgelöst. Christiane Hartung aus Eschweiler ist die neue Gemeindeassistentin in St. Barbara Breinig und auch St. Maria Empfängnis Dorff.

Um diesen Beruf ausüben zu können, sind ein religionspädagogisches Studium an einer Fachhochschule mit Abschluss Bachelor in Religionspädagogik und eine dreijährige Assistenzzeit in Gemeindearbeit Voraussetzung.

Nach der ersten Ausbildungsphase mit theologischen, humanwissenschaftlichen und spirituellen Inhalten hat Christiane Hartung aus Eschweiler am 21.August vergangenen Jahres ihre dreijährige praktische Tätigkeit als Gemeindeassistentin in St. Barbara Breinig und St. Maria Empfängnis Dorff aufgenommen. Auf dem Wege zur Gemeindereferentin wird sie von Frau Sabine Jansen begleitet.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Gemeindereferentin zu werden? Was war der Anlass?

Hartung: Gemeindereferentin war schon immer mein Traumberuf. Aber irgendwie hatte es bisher nicht geklappt. So habe ich zuerst eine Ausbildung als pharmazeutisch technische Assistentin gemacht und abgeschlossen. Später gefiel mir der Beruf des Heilpraktikers recht gut und ich ließ mich als Heilpraktikerin mit Schwerpunkt klassischer Homöopathie ausbilden. Während der Familienphase habe ich eine eigene Praxis zu hause gehabt. Jetzt, wo meine Töchter studieren, wollte ich mich in meinem Traumberuf verwirklichen. Mit 42 Jahren habe ich mich also beim Bistum beworben „zur Aufnahme unter die Studierenden des Bistums Aachen“ mit dem Berufsziel, Gemeindereferentin zu werden.

Wo haben Sie studiert? Mit wie viel Kosten ist das Studium verbunden und wie lange dauert es?

Hartung: Ich habe Religionspädagogik bei „Theologie im Fernkurs“ in Würzbug drei Jahre studiert. Neben den jährlichen Materialkosten von circa 400 Euro kaufte ich weitere Fachbücher und musste an Präsenzveranstaltungen (Seminaren) z.B. in Osnabrück, Ulm, Münster oder Würzburg teilnehmen. Parallel zum Fernkurs bietet das Bistum Pflichtveranstaltungen – meist in Aachen – an.

Was wird in den Pflichtveranstaltungen gelernt?

Hartung: Gemeindekatechese, Kommunikation, seelsorgerische Gesprächsführung.

Welches sind die religiösen und kirchlichen Voraussetzungen?

Hartung: Ein mittlerer Bildungsabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung können genauso von Vorteil sein wie das Fachabitur. Ich selbst habe Abitur gemacht. Man versteht sich als aktives Mitglied der Gemeinde. Wichtig sind auch Erfahrungen in der ehrenamtlichen kirchlichen Arbeit. Jeder sollte getauft und gefirmt sein. Teamfähigkeit und Sensibilität für Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen sind unumgänglich.

Was verstehen Sie unter Seelsorge?

Hartung: Ich möchte den Menschen mit Empathie, Respekt und Wertschätzung begegnen, ein offenes Ohr und ein offenes Auge für sie haben, zuhören können und mich auf sie einlassen. Seelsorge ist immer Beziehungsarbeit. Es gilt, für ein gutes Klima zu sorgen, Menschen zu motivieren, zu ermutigen und zu befähigen, ihr Leben aus dem Glauben zu gestalten, miteinander zu teilen und immer wieder gemeinsam zu feiern.

Was ist der Unterschied zur Pastoralreferentin?

Hartung: Der Unterschied wird immer geringer. Während Gemeindereferenten auf Gemeindeebene arbeiten, sind Pastoralreferenten in größeren Strukturen tätig. Sie koordinieren zum Beispiel Tätigkeiten im Generalvikariat oder üben Dozententätigkeiten aus. Der Beruf der Pastoralreferentin setzt allerdings ein volles Theologiestudium mit Abschluss Magister voraus.

Ist dieser Beruf Berufung oder Neugier?

Hartung: In jedem Fall Berufung. Ich habe schon als junge Frau in St. Marien/Eschweiler erlebt, wie Gemeinde funktionieren kann und wollte auch irgendwann dazu beitragen, damit Leben gelingen kann.

Wer/Was hat Sie in Ihrer Entscheidung beeinflusst?

Hartung: Ich komme aus keiner praktizierenden katholischen Familie, habe aber schon früh eigene positive Erfahrungen mit dem Glauben gemacht. Die Gemeinde in Eschweiler war für mich prägend. Heute ist es der Gedanke des Selbermitgestaltenwollens, des Mittuns trotz der Zwiespältigkeiten innerhalb der katholischen Kirche mit ihren Problemen und Skandalen.

Worin sehen Sie Ihre Herausforderung?

Hartung: Man muss lernen, Spannung aushalten zu können und nicht weglaufen, wenn es schwierig wird, sondern sich dem stellen. Wir in der Gemeinde sind Teamworker. Nur die Zusammenarbeit bringt uns weiter.

Welche Aufgaben übernehmen Sie?

Hartung: Jetzt im ersten Jahr liegt mein Schwerpunkt in der Grundschule Breinig, wo ich sechs Stunden wöchentlich Religionsunterricht unter Anleitung zweier Grundschullehrerinnen (Mentorinnen) gebe. Durch die Hospitationen bei Frau Jansen mit den unterschiedlichen Gruppen habe ich die Möglichkeit, so langsam in die eigenständige Gemeindearbeit hineinzuwachsen. Neben dieser Praxisarbeit gibt es auch noch viel Theorie, die ich zusätzlich in religionspädagogischen Seminaren am Katechetischen Institut in Aachen absolviere. Im zweiten und dritten Praxisjahr stehen dann das sorgsame Umgehen mit Menschen in besonderen Lebenslagen an wie auch die Elternarbeit in der Erstkommunionvorbereitung.

Welche Fragen stellen Grundschulkinder bezüglich Glauben heute?

Hartung: Das Sprechen und Erzählen über Glauben ist heute keine Normalität mehr. Die Kinder müssen erst angeleitet werden. Geben wir viele Impulse, dann sind sie sehr neugierig.

Wie sieht Ihr Unterricht aus?

Hartung: Frontalunterricht ist heute nicht mehr gefragt. Ich versuche, eine möglichst positive Lernatmosphäre zu schaffen und den Kindern Wissen zu vermitteln. Gleichzeitig möchte ich sie ermutigen, ihren Weg zu gehen. Ich greife gerne die Erfahrungen der Kinder auf und führe sie weiter.

Warum sind Sie nach Stolberg gekommen?

Hartung: Das Bistum bestimmt wohin es geht, und es muss eine fertige und erfahrene Gemeindereferentin bereit sein, die Anleitung zu übernehmen. Hier in Breinig und Dorff bin ich gut aufgehoben dank Frau Sabine Jansen, die mich kompetent begleitet und unterstützt.

Wie verstehen Sie Kirche?

Hartung: Die Kirche darf kein separates Clübchen sein, das mit Überheblichkeit auf die Menschen herabsieht, sondern ist Teil der Gesellschaft und muss daher auch mit den Problemen der Gesellschaft konfrontiert werden. Nur durch Mut zum Hinsehen gelingt das, und nicht durch aus Feigheit Wegschauen, Talente erkennen und einfordern, Grenzen bieten und einfordern, können Dinge angepackt und verändert werden.

Ist sie etwas Statisches oder mehr eine lebendige Gemeinde?

Hartung: Man kann den Gemeindemitgliedern nichts mehr überstülpen, sondern alle sind aufgerufen, mutig dran zu bleiben und kreative Lösungen vor Ort mit den Menschen zu finden. Glaube ist schön und keine Last!

Was ist das Faszinierende an Jesus?

Hartung: Dass Gottes Sohn Mensch geworden ist und genauso empfindet und fühlt wie wir Menschen, dass er sich so klein macht, um mit uns auf Augenhöhe zu stehen.

Warum veraltet das Wort Jesu nicht und verliert nicht an Kraft?

Hartung: Weil die Probleme von damals und heute gleich geblieben sind. Überall gibt es Ungerechtigkeit, Wut, Auseinandersetzung, Kommunikationsstörungen et cetera. Das Wort Jesu lädt ein, Verhältnisse zu schaffen, in denen die Menschen in dieser Welt in Freiheit und Gerechtigkeit, in Frieden und Menschlichkeit miteinander leben können. All das, worüber in der Bibel berichtet wird, sind urmenschliche Emotionen, die in jeder Gemeinde zu finden sind.

Welcher Grundsatz leitet Sie durch Ihre Arbeit?

Hartung: „Gott in allem suchen“. Ich habe eine besondere Beziehung zum Benediktinerkloster Kornelimünster. Das Kloster als Lebensgemeinschaft ist die Idee des heiligen Benedikt von Nursia, die seit mehr als 1400 Jahren Bestand hat. Im Unterschied zur Kirche ist sie keine Institution, sondern eine Bewegung. Hier habe ich als Benediktineroblatin (Oblate ist Lateinisch und bedeutet Hingegebener, Aufgeopferter) meine geistige Heimat gefunden, um immer wieder neu aufzutanken.

Sind Sie Expertin in Sachen Bibel?

Hartung: Natürlich lese ich viel in der Bibel. Aber als Expertin würde ich mich nur bedingt bezeichnen. Ich kenne mich gut aus in den Psalmen, einer Auswahl von Liedern aus mehreren Jahrhunderten. Sie sind eine unerschöpfliche Quelle und geben mir Kraft und Glaubensstärkung in jeder Lebenssituation.

Was möchten Sie bewirken?

Hartung: Ich möchte die Menschen für Gott begeistern, ihnen Raum geben, damit Begegnung stattfinden kann. Wichtig ist mir auch von der Hoffnung und Freude zu erzählen.

Was wünschen Sie sich für Breinig und Dorff?

Hartung: Dass die Menschen in der Lebendigkeit bleiben und sich nicht von den Bistumszwängen abschrecken lassen.

Was wird von Ihnen erwartet?

Hartung: Flexibilität, Empathie und ein hohes Maß an Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und zu lernen.

Was wünschen Sie sich für sich selbst?

Hartung: Ich möchte mich von den Menschen hier bereichern lassen. Beziehung ist keine Einbahnstraße. Nur wenn beide Seiten am gleichen Strang ziehen, kann sich etwas verändern. Glaube ist immer unverdientes Geschenk (=Gnade). Er/Es kann nicht verdient, selbst errungen oder käuflich erworben werden, das muss man sich immer wieder bewusst machen. Ich weiß, dass ich ein Werkzeug Gottes bin und durch mein Handeln helfen kann.

Was bedeutet für Sie Weihnachten?

Hartung: Gott kommt in die „unheile“ Welt. Die Familie lebt in Armut und hat eine ungewisse Zukunft vor Augen, so dass das Kind in einem Stall geboren werden muss. Es waren Leute wie du und ich, deren Herzen genauso zerbrechlich waren wie unsere heute sind. Josef und Maria haben nicht aufgegeben, sondern zueinander gehalten. Trotz aller Zweifel und Irritationen blieben sie verantwortungsvolle Eltern für ihr Kind. Die Sehnsucht nach Heil, Gemeinschaft und Geborgenheit hat immer noch Bestand. Weihnachten ist ein neuer Anfang und eine Zeit, Altes zu vergessen und von Neuem zu beginnen. Keiner muss das alleine machen.

Was heißt religiöse Erziehung für Sie?

Hartung: Glauben leben und davon erzählen. Aber den Kindern Freiheit lassen, eigene Erfahrungen zu machen und ihren eigenen Weg zu finden.

Reicht es allein, seinem Kind nur Liebe zu schenken?

Hartung: Es ist Voraussetzung für eine gute Erziehung, aber es müssen auch Grenzen aufgezeigt, Werte vermittelt und Schutz gewährt werden. Das Ziel sollte aber darin bestehen, jungen Menschen zur Selbstständigkeit zu verhelfen. Dafür ist wieder Bildung wichtig und wertschätzende Auseinandersetzung mit dem Kind. Als Mutter, Großmutter, Lehrerin hat man Vorbildfunktion. Kinder spüren, wenn die Bezugspersonen nicht authentisch sind. Die Kinder zu vernachlässigen, ist ebenso schlimm wie sie zu überfordern.

Muss man Kinder vor Enttäuschungen bewahren? Was soll ihnen erspart bleiben?

Hartung: Die Enttäuschungen kommen früh genug. Erspart bleiben soll ihnen Armut und Krieg. Als Mutter zweier Töchter bin ich froh, dass sie hier in Deutschland gleichberechtigt und keine Fußabtreter für andere sind, die schamlos ausgenutzt werden. Sich nicht von anderen rund um die Uhr einspannen lassen und dadurch schnell an ihre Grenzen kommen und dann keine Energie mehr haben.

Ist der Dialog mit anderen Religionen sinnvoll?

Hartung: Für die Gesellschaft ist er unverzichtbar und für uns als Christen nicht anders denkbar, denn für Gott sind alle Menschen gleich. Der Dialog dient der gegenseitigen Verständigung, dem Aufbau von Vertrauen, Respekt und Verstehen, dem Abbau von Unkenntnissen, Vorurteilen und Ängsten. Durch das Kennenlernen und Erfahren von Überzeugungen, Werten und Praktiken anderer Religionen kann der eigene Glaube in Bekenntnis und Praxis bereichert, vertieft und erneuert, in mancher Hinsicht vielleicht auch korrigiert werden.

Wie können wir unsere Welt verwandeln?

Hartung: Es ist wichtig, dass wir selbst christliche Werte leben und die Hoffnung nicht aufgeben. Jeder ist berufen, gemäß seinen Talenten sich für Kirche und Gesellschaft einzubringen, damit das Reich Gottes wachsen kann. Dem Kind oder erwachsenen Menschen müssen wir Raum bieten, seinen Aufgaben gerecht zu werden.

Welche Menschen haben für Ihre Seele gesorgt und Ihren Glauben geprägt?

Hartung: Das waren meine Eltern, meine Lehrer, Freunde und Seelsorger.

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