Eschweiler - Interview: Bürgermeister Bertram sagt, was er von Gabriel-Plänen hält

Interview: Bürgermeister Bertram sagt, was er von Gabriel-Plänen hält

Von: Patrick Nowicki
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Alles aus im Kraftwerk Weisweiler? Viele befürchten einen „sozialen Blackout“, wenn die Gabriel-Pläne umgesetzt werden. Auch Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram. Foto: Günther Paulsen
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Spricht am Samstag bei der Demonstration in Berlin als Vertreter der Kommunen: Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Wenn sich am Samstagmorgen der Tross aus Eschweiler Richtung Berlin aufmacht, dann ist auch Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram mit dabei. Der Sozialdemokrat wird als Vertreter der Kommunen bei der von den Gewerkschaften IGBCE und Verdi organisierten Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt sprechen.

Flankiert wird er von Bürgermeistern aus der Lausitz und aus Mitteldeutschland. Im Interview mit unserer Zeitung macht Bertram keinen Hehl daraus, was er von den Gabriel-Plänen hält, eine Sonderabgabe für ältere Kraftwerksblöcke zu erheben, und fordert auch von RWE einen deutlicheren Sinneswandel.

Herr Bertram, wie kam es dazu, dass Sie bei der Kundgebung der Gewerkschaften in Berlin sprechen?

Bertram: Ich habe gute Kontakte zur IGBCE und bin schon seit Jahren mit dem Thema Strukturwandel in Ministerien unterwegs. Man hat mich also gefragt, ob ich was zu der Veranstaltung in Berlin beitragen und für die kommunale Seite sprechen kann. Da habe ich natürlich ja gesagt. Wir sind ja unmittelbar betroffen.

Wie beurteilen Sie denn die Pläne Ihres Parteikollegen Sigmar Gabriel?

Bertram: Wir haben in der Energiepolitik ein sprunghaftes Management. Zunächst war der Atomausstieg auf 30 Jahre ausgelegt, dann wieder mit Atom, dann plötzlich ganz raus. Jetzt ist die Braunkohle dran, später die Steinkohle. Bei allem Verständnis für Umweltbelange: Wir kontrollieren jeden Tag, dass es keinen Strom-Blackout geben wird, wir müssen aber jetzt vor allem einen sozialen Blackout verhindern. Wir laufen sonst mit sehendem Auge in eine Katastrophe. Es kann nicht sein, dass die Bundeskanzlerin Frau Merkel Ende des Jahres in Paris beim Klimagipfel stolz verkündet: „Wir Deutschen bekommen das hin und erreichen unsere Ziele“, und bei uns bricht das soziale Gefüge auseinander. Man muss die Menschen mitnehmen. Das werde ich auch in meiner Rede ganz deutlich sagen.

Das Umweltbundesamt rechnet durch die geplante Klimaschutz-Abgabe für alte Kohlekraftwerke mit dem Verlust von 4700 Arbeitsplätzen bundesweit. Können Sie diese Zahl nachvollziehen?

Bertram: Ich kann da zunächst nur für Eschweiler sprechen. Wenn das Kraftwerk schließt, sind sofort 1500 Arbeitsplätze betroffen. Kann die Zahl 4700 bundesweit dann noch stimmen? Zudem habe ich noch nicht die ganzen Zuliefererfirmen eingerechnet. Dies wäre für unsere Stadt und die ganze Region fatal.

Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie denn für Eschweiler, sollte es zur Kraftwerksschließung kommen?

Bertram: Wir verlieren erheblich an Kaufkraft. Das wird jeder Metzger und jeder Bäcker spüren. Deswegen wünsche ich mir den gesellschaftlichen Schulterschluss im Revier. Der Strukturwandel ist im vollen Gange, das predige ich seit Jahren. Aber er muss mit Bedacht vorbereitet sein. Der Steinkohleausstieg hat 50 Jahre gedauert, da kann man Atom- und Braunkohle nicht binnen kurzer Zeit abwickeln. Man muss den Menschen hier berufliche Alternativen bieten. Strukturwandel braucht Zeit.

Hat man bei RWE in Essen zu lange gezögert und an alten Strategien festgehalten?

Bertram: Das habe ich auch mehrfach betont. RWE muss eine Doppelstrategie fahren und parallel eine Perspektive entwickeln. So langsam scheint man dort wach zu werden.

Wie bereitet man sich im Eschweiler Rathaus auf den Strukturwandel vor?

Bertram: Die Überlegungen laufen und beschäftigen uns tagtäglich. Ein Beispiel ist der Industrie- und Gewerbepark. Wir müssen weitere Flächen entwickeln. Was wir unbedingt benötigen, ist ein Masterplan. Da ist auch RWE in der Verantwortung. Ich beteilige mich deswegen auch in der Innovationsregion Rheinisches Revier, die Zusammenarbeit in der Indeland-GmbH ist auch sehr wichtig. Ich kann mich nur wiederholen: Vieles passiert schon, aber die aktuellen Pläne führen zu einem Strukturbruch in der Gesellschaft und in unseren Städten in den Braunkohleregionen.

Beteiligen sich auch Mitarbeiter der Eschweiler Stadtverwaltung an den Protesten in Berlin?

Bertram: Der Personalrat hat alle unsere Mitarbeiter informiert und dazu aufgerufen. Viele fahren ebenfalls nach Berlin, um den Protest zu unterstützen. Dazu zählen auch Pensionäre und Familienmitglieder.

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