„Interplast“: Eschweiler Mediziner operieren in Tansania

Von: Rudolf Müller
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Nach etlichen Einsätzen für „Ärzte ohne Grenzen“ leitete er jetzt erstmals ein Eschweiler „Interplast“-Team: Dr. Stefan Krieger. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Puma, Tansania. 6700 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Eschweiler und dem Ort mit dem tierischen Namen im Osten Afrikas. Puma – eine Ansammlung von Hütten entlang der einzig asphaltierten Straße aus Tansanias Süden in den Norden, Richtung Victoriasee. 15.000 Einwohner und ein 120-Betten-Hospital mit drei Ärzten. Zuständig für ein Einzugsgebiet mit 400.000 Menschen.

„Queen of the Universe“ heißt das Hospital der katholischen Mission „Mother of the holy Cross“, in dem deutsche Ärzteteams seit 13 Jahren dafür sorgen, dass Patienten in eine menschenwürdige Zukunft blicken können. Tagelange Anreisen, oft zu Fuß und auf Krücken, nehmen schwer kranke Patienten auf sich, wenn sich herumspricht, dass ein „Interplast“-Team vor Ort ist: Mediziner, die ihren Urlaub einsetzen, um unentgeltlich zu helfen.

„Wenn wir dazu beitragen, dass Menschen ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen können, haben wir alles erreicht, was wir wollen“, sagt Dr. Stefan Krieger. Der in Düren niedergelassene Chirurg war vier Jahre lang Oberarzt der Abteilung für Hand- und Plastische Chirurgie am St.-Antonius-Hospital unter Leitung von Dr. Hans-Elmar Nick und als Mitglied von „Ärzte ohne Grenzen“ schon bei einer Vielzahl von Einsätzen in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde unterwegs – im Tschad, im Kongo, in Ruanda, in Sri Lanka und im Gaza-Streifen, um nur einige zu nennen. Für den kurzfristig verhinderten Nick übernahm er nun die Leitung eines „Interplast“-Einsatzes der Sektion Eschweiler in Tansania.

Drei Wochen war das sechsköpfige Team in Puma, untergebracht in Gästebaracken des Missionshospitals. Was Stefan Krieger, Niclas Haberstroh, Rolf Overs, Theresa Kaminski, Svenja Kühnel und Ben Celmer dort erwartete, war alles andere als ein Stück Urlaub unter afrikanischer Sonne: „Meist haben wir von 8 bis 18 Uhr operiert. Auch am Samstagvormittag waren wir gefragt. Nur am Sonntag hatten wir frei.“ Gelegenheit, ein wenig die Gegend zu erkunden.

Beeindruckende Ergebnisse

43 Operationen führte das Team aus. Dringend nötige Hilfe nach Unfällen, aber auch plastisch rekonstruktive Hilfe. Brüche, Verbrennungen, Knocheneiterungen – die Bandbreite war groß. „Verbrennungen und Verbrühungen sind dort ein ganz großes Thema“, berichtet Krieger. Kein Wunder angesichts der offenen Feuer in den Hütten der Einheimischen.

„Wir haben einen neun Monate alten Jungen gut vier Stunden lang operiert, dem eine Verbrennung die rechte Hand zu einer Faust zusammengezogen hatte“, berichtet Stefan Krieger über das prägendste Erlebnis des Einsatzes. „Wir haben jeden einzelnen Finger aufgemacht und Haut eingesetzt. Eine Woche später konnte der Junge seine Finger wieder bewegen. Seine Mutter hat geweint, und auch wir mussten alle schlucken.“

Unvergesslich sei auch der Fall eines 25-jährigen Mannes, der über den Buschfunk vom „Interplast“-Einsatz erfahren hatte und vier Tagesreisen aus dem benachbarten Malawi angereist war. „Seit 15 Jahren litt der Mann unter einer wachsenden, knöchernen Unterschenkeleiterung. Wir haben alles Entzündete herausgeschnitten. Ein nach uns angereistes Interplast-Team hat den Defekt dann mit durchblutetem Rückenmuskelfleisch abgedeckt. Drei Wochen später ist der Patient auf zwei Beinen wieder ins Buschtaxi gestiegen und zurück nach Malawi gefahren.“

Mit der Arbeit in hiesigen OPs war der Einsatz im „Queen of the Universe“-Hospital nicht zu vergleichen. Zwei große Koffer mit medizinischer Ausrüstung hatte das Team mit nach Tansania genommen – das meiste blieb vor Ort. Zwei OP-Säle hatten die Mediziner zur Verfügung – mit einem „Basis-Hygienestandard“. So wurde zur Sterilisation der Ausrüstung ein Dampfgerät benutzt. „So etwas gibt es hierzulande seit den 70ern schon nicht mehr. Aber es funktioniert!“ Und auch Dinge wie Computertomographie und intraoperative Röntgenkontrolle sind in Puma Fremdworte.

„Medikamente, Narkosemittel und anderes mehr hatten wir mitgebracht. Anderes, wie die Bohrmaschine, die man braucht, um Platten an Knochen zu befestigen, gibt es vor Ort. Auch die Strom- und Wasserversorgung funktioniert reibungslos. Ohne die ging‘s gar nicht.“ Dennoch: „Für jemanden, der Standards wie zu Hause erwartet, ist das Arbeiten dort eine Katastrophe. Für jemanden, der gerne mal improvisiert, ist das anders.

Uns hat‘s jedenfalls viel Freude gemacht!“, sagt Krieger. „Der Schlüssel zum Erfolg ist eine engmaschige Zusammenarbeit mit Einheimischen, Teamgeist und Improvisationsfreude.“ Zum Erfolg trägt auch bei, dass ein deutscher Unfallchirurg, den „Interplast“ für ein Jahr nach Puma entsandt hat, die Nachsorge übernimmt. Dabei ist er nicht allein: „Es gibt dort drei einheimische Ärzte, die von Malaria über Tuberkulose bis zum Kaiserschnitt alles abdecken. Die werden von uns angelernt. Es geht also weiter. Unser Wissen bleibt vor Ort“, betont Krieger.

Der Chirurg, der als Vater von zwei Kindern mit den Kriegseinsätzen bei „Ärzte ohne Grenzen“ eigentlich abgeschlossen hatte, kann sich durchaus vorstellen, im nächsten Jahr erneut für „Interplast“ nach Tansania zu reisen. Oder vielleicht doch ein viertes Mal nach Gaza.

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