Integrationskonzept: Spagat zwischen Hilfe und Frust

Von: Patrick Nowicki
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Die „Soulkitchen“ oder das, was von ihr übrig blieb: Von dem gemütlichen Aufenthaltsraum in der Unterkunft Severinstraße ist nur noch eine karge Küche mit defekten Tischen geblieben. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer leisten wertvolle Arbeit. Allerdings wünschen sich manche eine größere Unterstützung der Stadtverwaltung. Albert Hahn, der seit vielen Jahren Menschen betreut, arbeitet engagiert in der Flüchtlingsunterkunft in Weisweiler und kritisiert, dass viele Vorschläge der Ehrenamtler nicht berücksichtigt werden.

Mehr noch: „Ich habe einige Mal per Mail die Stadtverwaltung angeschrieben und noch nicht einmal eine Reaktion erhalten.“ Kämmerer Stefan Kaever und auch der Sozialamtsleiter Jürgen Rombach betonen, dass sie die Mails nicht kennen. Der Sozialdezernent hebt die Bedeutung der Ehrenamtler in der Flüchtlingsbetreuung hervor: „Ohne diese Unterstützung könnten wir vieles auch heute noch nicht bewältigen.“

Über 100 Menschen, so schätzt man im Rathaus, setzen sich unentgeltlich für die Menschen ein, die in ihrer Not nach Eschweiler gekommen sind. Nicht jeder meldet sich auch bei der Stadt, viele Helfer sind in Organisationen wie dem Sozialdienst katholischer Frauen und der Arbeiterwohlfahrt tätig. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage entspannt.

Waren zum 1. Januar 2015 89 Menschen in der Severinstraße untergebracht, so sind es aktuell 63. Die Stadtverwaltung nutzt die Atempause auch, um das Integrationskonzept zu überarbeiten – in ihm sollen die Ehrenamtler eine besondere Rolle erhalten.

Dass in den Unterkünften nicht immer alles glatt läuft, zeigte sich im vergangenen Herbst, als sich Kommunalpolitiker mit Anwohnern an der Weisweiler Severinstraße trafen. Von dort wurden immer wieder Vorfälle gemeldet: Möbel flogen aus Fenstern, Menschen randalierten und lärmten in der Nacht. In den meisten Fällen waren es Einzeltäter. Seit einigen Wochen ist es ruhiger geworden.

Dennoch drücke an vielen Stellen nach wie vor der Schuh, wie Albert Hahn sagt. Er zählt zur Gruppe um Brigitte Averdung-Häfner, die sich in den vergangenen Monaten besonders in Weisweiler eingesetzt hat. Der Wahl-Dürwisser wuchs in unmittelbarer Nachbarschaft, nämlich an der Johannisstraße auf, und besuchte die ersten vier Jahre die Weisweiler Volksschule, als diese noch an der Severinstraße stand.

Das Gebäude wird seit 1991 als Unterkunft für Flüchtlinge genutzt und ist in den Augen von Hahn in einem schlechten Zustand. Die Elektrik entspreche nicht den Vorschriften, die Heizung falle auch in der Kälteperiode oft tagelang aus und die Außentüren seien nicht verschließbar, lauten nur drei seiner Punkte auf der Mängelliste. „Die Menschen, die dort untergebracht sind, zahlen allerdings einen Mietanteil in Höhe von bis zu 160 Euro pro Bewohner im Monat“, sagt Hahn.

Nach seiner Rechnung betrage die Mieteinnahme bei aktuell 63 Personen etwa 10000 Euro monatlich. Die Stadtverwaltung widerspricht dieser Kritik vehement. „Alles entspricht den Vorschriften, niemand muss länger als wenige Stunden ohne Heizung dort auskommen“, betont Jürgen Rombach.

Nächtliche Vorfälle

Während man vielem mit handwerklichem Geschick begegnen kann, dürften andere Aspekte schwieriger zu lösen sein. „Die Menschen sind größtenteils auf sich alleine gestellt“, sagt Hahn. Tagsüber sei zwar ein Hausmeister vor Ort, aber in den kritischen Abend- und Nachtstunden fehle jegliche Kontrolle. So berichteten Bewohner, dass nachts Fahrzeuge vorfahren würden, die Möbel, Geschirr und Fahrräder abholen.

Die Kleiderkammer wurde mehrfach durchwühlt, selbst Waschmaschinen verschwanden. Die von den Ehrenamtlern mit viel Engagement aufgebaute und ausgestattete „Soulkitchen“ in der Einrichtung Severinstraße ist inzwischen ausgeräumt. Die Tische wurden gestohlen, die Möbel standen nachts draußen im Regen.

Auch in der Severinstraße ist ein Hausmeister eingesetzt, der sich um alltägliche Dinge kümmern soll. Manche Ehrenamtler wünschen sich jedoch eine Rundum-Betreuung, also auch in der Nacht. „Dies hätte für mich eher den Charakter einer Überwachung“, argumentiert Rombach. Sollte es in der Nacht zu Problemen kommen, kann der Bereitschaftsdienst der Stadt Eschweiler gerufen werden. Jeder Asylbewerber erhalte eine Hausordnung in seiner Sprache.

An diese halten sich allerdings nicht alle Bewohner: Da die Menschen dort aus unterschiedlichen Kulturen stammen, wissen sie mit den Themen Energiesparen und Behördengängen wenig anzufangen. Letzteres gestaltet sich zunehmend schwierig, nicht nur wegen der Sprachbarrieren. „Ich habe erlebt, dass ein Asylbewerber morgens um 8 Uhr beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld sein sollte, um dort das für seinen Antrag zwingend erforderliche Interview zu geben“, berichtet Albert Hahn. Man habe dann erreicht, dass der Termin zu einem späteren Zeitpunkt stattfand, sagt der Flüchtlingshelfer.

Juristische Hürden

Vieles, was sich Ehrenamtler wünschen, scheitert an rechtlichen Grundlagen. Eine juristische Beratung der Verwaltungsmitarbeiter im Zuge eines Asylverfahrens darf zum Beispiel nicht stattfinden. Andere Hürden stellen sich im Arbeitsalltag: Viele Vermieter scheuen sich, alleinstehenden Männern eine Wohnung anzubieten. Dabei lag der Anteil der alleinstehenden 18- bis 30-jährigen männlichen Flüchtlinge in den vergangenen beiden Jahren bei über 30 Prozent. Dies führt dazu, dass auch Menschen mit Bleibeperspektive in den Sammelunterkünften leben.

Im Rathaus legt man Wert darauf, dass die Menschen nicht als Fallnummer betrachtet werden. „Der soziale Aspekt liegt uns in der Stadtverwaltung am Herzen“, sagt Rombach. Als Beispiele nennt er das Quartiersmanagement an der Gutenbergstraße und die Volkshochschule, die nicht nur Sprach- und Integrationskurse anbietet, sondern auch Ehrenamtler in der Flüchtlingsarbeit schult. Flüchtlingsarbeit sei eine „Querschnittsgeschichte“, bei der verschiedene Ämter miteinander verzahnt seien, sagt Rombach.

Die Arbeit am neuen Integrationskonzept läuft, parallel plant man, die Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Willkommen in Eschweiler“ fortzusetzen. In ihr sollen Ehrenamtler die Möglichkeit haben, sich auszutauschen. „Manchmal tritt man als Ehrenamtler auch mit zu großen Erwartungen an“, schildert Stefan Kaever. Eine entsprechende Vorbereitung könne die Gefahr senken, dass engagierte Helfer irgendwann frustriert die Segel streichen. Sowohl Kaever als auch Rombach laden Ehrenamtler dazu ein, sich bei konkreten Problemen auch an sie selbst zu wenden.

Bei der Vielzahl der Kritikpunkte könnte man meinen, Albert Hahn hätte resigniert. Doch dem ist nicht so: „Ich habe schon in den 70er Jahren Flüchtlinge betreut und bin als Sozialpädagoge beruflich tätig gewesen – das liegt mir im Blut“, sagt er. 40 Jahre lang arbeitete er mit Menschen mit Behinderung. Er wünscht sich eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten.

An Lösungsvorschlägen mangelt es ihm nicht: So erhofft er sich ein Projekt, in dem Eschweiler Kommunalpolitiker und Firmen Möglichkeiten zur schnelleren Integration von Asylbewerbern in das Arbeitsleben schaffen. Der wichtigste Aspekt für ihn bleibt jedoch: Die Zusammenarbeit von Verwaltung und ehrenamtlichen Helfern müsse verbessert werden.

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