„Integration Point“: Jobcenter und Flüchtlinge im Wartestand

Von: Patrick Nowicki
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Erstgespräch im Jobcenter Eschweiler: Übersetzerin Nineh Makhlouf (links) erläutert einem Kunden die Antragspapiere. Im Hintergrund Fachassistentin Sarah Szymczak. Foto: Patrick Nowicki
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Seit 18. April dieses Jahres Anlaufstelle für Flüchtlinge auf Jobsuche: das Jobcenter an der Indestraße. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. In der zweiten Etage des Jobcenters am Bushof herrscht derzeit Ruhe: Am 18. April startete dort der sogenannte „Integration Point“, der Flüchtlingen den Weg auf den Arbeitsmarkt ebnen soll. Doch der Ansturm bleibt aus.

Bisher wurden erst 60 Fälle aus Eschweiler und Stolberg dort bearbeitet und registriert, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kaum Asylverfahren abschließt. Die eigens geschulten Mitarbeiter des Jobcenters Eschweiler werden inzwischen auch in anderen Bereichen eingesetzt, die Öffnungszeiten für den „Integration Point“ wurden verkürzt.

Schwer zu vermitteln

Vor allem den Betroffenen ist diese Situation schwer zu vermitteln. Schließlich öffnet sich der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erst dann, wenn ihr Asylantrag entschieden wurde und sie in Deutschland bleiben dürfen. Ohne diese Bescheinigung sind sie in den Unterkünften und Wohnungen zur Untätigkeit verdammt. Erschwerend kommt hinzu, dass in Nordrhein-Westfalen 109.000 Flüchtlinge die Erstregistrierung erneut durchlaufen müssen, obwohl sie bereits vor Monaten erfasst wurden.

Die Daten seien nicht bis zum BAMF gelangt, heißt es. Auf Anfrage teilt der Sozialamtsleiter Jürgen Rombach mit, dass etwa 500 Personen alleine in Eschweiler davon betroffen sind. Einige von ihnen wohnen schon seit längerer Zeit in der Stadt.

In den beteiligten Ämtern und im Jobcenter Eschweiler rumort es, denn die Trägheit des Verfahren belastet die tägliche Arbeit. Ein Beispiel: Menschen mit geklärten Aufenthaltsstatus werden vom Jobcenter dazu aufgefordert, einen Integrationskurs zu belegen.

„Sprache ist das A und O, um eine Arbeitsstelle zu bekommen“, betont der Leiter des Jobcenters Eschweiler, Jürgen Schoenen. Andere Flüchtlinge haben zwar auch die Möglichkeit, einen solchen Kurs zu belegen und damit den Alltag und die Sprache unseres Landes zu lernen, allerdings übernimmt das Sozialamt nur die Kosten für Menschen aus Syrien, Iran, Irak und Eritrea. Menschen aus anderen Ländern müssen einen solchen Kurs selbst bezahlen – von ihrem Regelsatz, der geringer ist als der eines Hartz-IV-Empfängers.

Die Arbeit am „Integration Point“ geht weit über die Tätigkeit eines Jobvermittlers hinaus. „Wir werden oft zu zahlreichen Dingen befragt – auch zu anderen Behördengängen“, berichtet Schoenen. In diesem Fall greift das Netzwerk mit anderen Organisationen, die sich um die Unterstützung von Flüchtlingen kümmern. Bouchra Baboua, Sozialarbeiterin in der Migrationsberatungsstelle für erwachsene Zuwanderer (MBE), die von der Arbeiterwohlfahrt finanziert und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wird, wird als Ansprechpartnerin auch im Jobcenter zur Verfügung stehen.

Ihre Arbeit ist wichtig, weil das Aufgabengebiet der beteiligten Ämter und Behörden eingegrenzt ist. Eine soziale Betreuung und Unterstützung ist nicht möglich, wie schon die Zahlen belegen: 555 Flüchtlinge erreichten im vergangenen Jahr Eschweiler, zwei Sachbearbeiter im Rathaus kümmerten sich um deren Antrag, finanzielle Versorgung und Unterbringung. Eine ausführliche Beratung ist unter diesen Voraussetzungen nicht möglich.

Im Jobcenter geht man davon aus, dass die vorgesehenen sechs Sachbearbeiter etwa zwölf neue Fälle pro Tag behandeln können. Bei der Verständigung hilft Nineh Makhlouf als Übersetzerin. Sie spricht Arabisch, die Sprache, die derzeit die meisten Neuankömmlinge in Deutschland beherrschen. Im Jobcenter liegen sämtliche Schriftstücke und Erläuterungen in vier Sprachen vor: Neben Arabisch und Deutsch sind dies Englisch und Französisch. „Hilft dies alles nicht, dann helfen wir uns mit Händen und Füßen“, berichtet Schoenen.

Die Räume an der Indestraße wurden nach dem Umzug zur ehemaligen Hauptpost komplett saniert und umgestaltet. Man sei gerüstet für die Menschen, die man für den Arbeitsmarkt rüsten müsse, hieß es schon vor Monaten. Allerdings ging man von einer höheren Zahl von Flüchtlingen aus. Jürgen Schoenen macht keinen Hehl daraus, wen er für den Schuldigen der Misere hält: das BAMF. „Dort sind die großen Probleme, und am Ende bleiben die Menschen auf der Strecke“, sagt auch Pressesprecher Horst Mendez.

Es gibt auch eine Schnittstelle zwischen Behörden, bei der die Zusammenarbeit nach eigenem Bekunden bestens klappt: zwischen dem Sozialamt der Stadt Eschweiler und dem Jobcenter. Bis der Erstantrag im Jobcenter gestellt ist, muss ein Überbrückungsgeld gezahlt werden. „Es blieb noch niemand ohne Geld bei seinem Wechsel von der Sozialhilfe in den Hartz-IV-Bezug“, betont Jürgen Rombach. Der Sprung von einem System in das nächste wurde in den vergangenen Monaten zu selten vollzogen. Noch lässt der Andrang auf sich warten. Vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm.

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