Inklusion: Angeregte Diskussion bei der Linken

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Diskutierte engagiert über die Chancen und Kosten der Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe: Werner Wittpoth (Eschweiler) in einer Veranstaltung der Eschweiler Linken. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben wird in den kommenden Jahren die Politik bewegen, auch die Eschweiler Kommunalpolitik. Das Stichwort heißt Inklusion. Aber für Politiker geht der Satz weiter: Inklusion kostet Geld.

Das Kabinett der Landesregierung Nordrhein-Westfalen hat im Juli einen Aktionsplan „NRW inklusiv” vorgelegt. Der Eschweiler Ortsverband der Partei „Die Linke” diskutierte jetzt über Inklusion und kritisierte dabei auch den Aktionsplan.

Was ist Inklusion? Der Begriff „Inklusion” kommt aus der lateinischen Sprache. Er bedeutet: Einbeziehung, Einschluss, Dazugehörigkeit. Es geht um die Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben. Niemand wird ausgeschlossen. Es gibt keine Ausgrenzung. Menschen mit Behinderung werden von Anfang an wahrgenommen, anerkannt und selbstverständlich angenommen.

Inklusion gilt aber für alle Menschen. Es ist normal, verschieden zu sein. Inklusion bedeutet auch: Alle Menschen haben die gleichen Rechte und Pflichten. Alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten und unterstützen sich dabei gegenseitig. Jeder bekommt die Unterstützung, die er braucht.

Hier vier Beispiele für Inklusion: Alle Kinder gehen in denselben Kindergarten. Alle Kinder gehen in dieselbe Schule. Menschen mit Behinderung vertreten sich und ihre Interessen selbst in Politik und Gesellschaft. Barrierefreiheit.

Diese (gekürzte) Erklärung des Begriffs „Inklusion” im vorigen Absatz stammt von der Lebenshilfe Schleswig-Holstein und ist in „Leichter Sprache” geschrieben. Leichte Sprache zu schreiben ist schwer. Man muss so schreiben, dass es wirklich jeder versteht. In der Zukunft sollen Behörden verpflichtet werden, Formulare und Bescheide für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in Leichter Sprache zu verfassen. Das ist nur ein Punkt von vielen im Aktionsplan „NRW inklusiv”. Er hat 257 Seiten. Man findet ihn im Internet.

Was also Inklusion den Menschen bringt, war Thema einer Diskussionsrunde, zu der die Eschweiler Linken in den Talbahnhof eingeladen hatten. Informationen und Hintergründe schilderten Dr. Carolin Butterwegge aus Köln - sie ist Sozialpolitische Sprecherin im Landesvorstand der Linken - und Werner Wittpoth aus Eschweiler, der als Contergan-Geschädigter ein engagierter Befürworter und Kenner der Inklusion ist. Ratsmitglied Albert Borchardt moderierte.

Mit dem Aktionsplan will die Landesregierung umsetzen, was die Behindertenrechts-Konvention der Vereinten Nationen (UN) seit Jahren vorgibt: Alle Menschen sind gleichwertig, ohne dass dabei Normalität vorausgesetzt wird. Normal ist hingegen die Vielfalt, das Vorhandensein von Unterschieden. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, Strukturen zu schaffen, in denen sich Personen mit Besonderheiten einbringen können. Inklusion ist ein Weiterdenken von Integration.

Die Linke, das wurde in der Diskussion klar, setzt sich mit Nachdruck für die Inklusion ein. Diese wird alle Politikfelder betreffen: Verkehrspolitik ebenso wie Bildungspolitik, Bauwesen - man denke nur an barrierefreies Bauen - ebenso wie das Berufsleben.

Kritisiert wurde, dass viele Teile des NRW-Aktionsplans unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Es müsse eindeutig klar werden, was wie finanziert wird und wo die Folgekosten hängen bleiben - hier geht es also um das so genannte Konnexitätsprinzip, landläufig mit dem Spruch charakterisiert: Wer bestellt, der bezahlt auch.

Das Land Nordrhein-Westfalen wird voraussichtlich nur dort die Folgekosten zahlen, wo Landesgesetze geändert werden, um die Inklusion durchzusetzen, erläuterte Dr. Butterwegge. Das lässt befürchten, dass wichtige Änderungen nicht oder zu spät kommen. Beispielsweise ist die komplette Barrierefreiheit bei öffentlichen Bauvorhaben, also nicht nur in den Besucherbereichen, sondern im ganzen Gebäude, noch nicht in die Landesbauordnung aufgenommen.

Werner Wittpoth berichtete aus den täglichen Leben über die Schwierigkeiten, die behinderte Menschen in der Gesellschaft haben. Und er machte klar: „Die Menschen mit Handicap, die wir in der Öffentlichkeit wahrnehmen, das sind die Starken. Wir sehen alle jene nicht, die versteckt werden.”

Wittpoth engagiert sich für ein Umdenken, eine neue Bewusstheit von Normalität, die auch für Behinderte selber gilt: In Fördereinrichtungen gehätschelt zu werden mache einen Behinderten nicht lebenstüchtig und erfolgreich, sondern kann zum Scheitern führen. Zum Beispiel, wenn „Behinderte, die in einer geschützten Umgebung groß geworden sind, an einem Arbeitsplatz als Konkurrent wahrgenommen und auch so behandelt werden”.

Behinderte „dürfen nicht in Watte gepackt werden”, aber es müsse auch klar sein, dass sie nicht dem gleichen Leistungsdenken mit den gleichen Normen unterworfen werden können: „Jeder soll die Möglichkeit haben, sich nach seinen Fähigkeiten zu entwickeln.”

Wichtig sei deshalb das Umdenken in der Gesellschaft. „Mitmenschlichkeit ist das wichtigste Argument”, sagte Wittpoth, der sich auch dagegen wehrt, Inklusion ausschließlich auf Behinderte zu beziehen: „Wir müssen Inklusion ganzheitlich sehen. Sie betrifft auch Hochintelligente. Sie betrifft auch den Umgang mit alten Menschen. Jeder hat das Recht darauf, in der Gesellschaft aufgenommen zu werden.”

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass Inklusion eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft sei und dass sie nicht am Argument „Dafür ist kein Geld da, dafür ist kein Personal da” scheitern dürfe.
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