Indestädter Auswanderer in Ägypten: „Wir fühlen uns hier sicher“

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
14386031.jpg
Ein Appartement direkt am Meer: Davon träumte Familie Reinhardt bereits in Deutschland. Nun ging ihr Traum in Ägypten in Erfüllung. Von den Unruhen, die das Land beherrschen, würden sie nichts mitbekommen, sagen sie. Foto: Ashraf Saad
14386041.jpg
Gute Laune im Urlaubsparadies: Für Renate (links) und Guido Reinhardt (Mitte) war die Auswanderung nach Ägypten die richtige Entscheidung. Foto: Privat
14386013.jpg
Renate Reinhardt fühlt sich am Roten Meer wohl. Dort lebt sie seit einen halben Jahr. Foto: Privat
14386010.jpg
Bereits vor zwei Jahren kehrte Guido Reinhardt Deutschland den Rücken. Foto: Privat

Eschweiler. Über 40 Tote und mehr als 100 Verletzte: Die Zahl der Opfer nach den Anschlägen auf Christen in Ägypten am Palmsonntag ist erschreckend. Am Montag wurde landesweit der Ausnahmezustand verhängt. Welche konkreten Maßnahmen damit verbunden sind, ist noch nicht bekannt. Das Auswärtige Amt warnt allerdings vor terroristischen Anschlägen und der Gefahr vor Entführungen. Renate und Guido Reinhardt lassen sich davon nicht beeindrucken.

Die Indestädter wanderte vor zwei Jahren nach Ägypten aus und übernahm in El Gouna am Roten Meer einen Segway-Laden. Seine Ehefrau kehrte Deutschland vor einem halben Jahr den Rücken. „Von den Unruhen bekommt man rein gar nichts mit. Nicht in El Gouna und auch nicht in Hurghada“, sagt Renate Reinhardt. Ägypten verlassen und wieder in die Bundesrepublik zurück kehren? Das kommt für die beiden nicht in Frage. Für die Deutschen ist das Land in Nordafrika ein Stück Heimat.

Doch von vorne. Angefangen hat alles vor knapp 20 Jahren. Mindestens zwei bis drei Mal im Jahr reise das Ehepaar in das Land am Nil, baute sich einen Freundeskreis auf und fasste im Oktober 2014 den Entschluss auszuwandern.

Dass das für immer mehr Deutsche eine Option ist, zeigt ein Blick auf die Statistik. Wanderten im Jahr 1991 insgesamt 596455 Deutsche aus, waren es 2013 bereits 797886 Menschen. Im Jahr 2015 stiegt die Zahl noch weiter an: auf 997552 Menschen.

Ein interessantes Angebot

Bereits mehrere Male hatten die Reinhardts mit dem Gedanken gespielt Deutschland den Rücken zu kehren. Als Guido Reinhardt im Juni 2014 erfuhr, dass er ab April arbeitslos sein würde, sprach er beim nächsten Urlaub einen Bekannten an und fragte, wie gut die Chancen stünden, sich in El Gouna selbstständig zu machen. Auf dies Frage, folgte ein Angebot, das der Indestädter nicht abschlagen konnte. Er bot Guido Reinhardt an, seinen Segway-Laden zu übernehmen, da er ihn sowieso verkaufen wollte. Reinhardt überlegte nicht lange und schlug zu.

Dann ging der Stress erst richtig los. Das Ehepaar suchte eine Wohnung und Guido Reinhardt begann mit seiner Arbeit. Ehefrau Renate blieb mit der damals 17-jährigen Tochter in der Indestadt. Die Nervenprobe begann. Schließlich war das Paar in 28 Ehejahren noch nie länger als eine Woche voneinander getrennt. „Es war für uns beide eine harte und nicht ganz einfache Zeit. Wir waren eineinhalb Jahre wohnlich getrennt und haben uns nur alle drei Monate durch den Urlaub ein bis zwei Wochen sehen können“, sagt Renate Reinhardt. „2016 war für mich der Horror.“

Der Grund: Eigentlich wollten die Reinhardts ihr Haus in Dürwiß behalten. Ihre Tochter und die Großeltern sollten darin wohnen bleiben. Doch es kam anders. „Wir haben uns doch dazu entschlossen komplett alle Zelte abzubrechen“, sagt Renate Reinhardt. Haus und Auto wurden verkauft, eine altersgerechte Wohnung für die Großeltern und ein Wohnung für die Tochter, die in Deutschland bleibt, mussten her.

„Die ganzen Vorbereitungen für die Auswanderung von Guido waren im Gegensatz dazu gar nichts. Der deutsche Staat macht es einem nicht leicht. Ich kann gar nicht sagen, wie viel Telefonate ich geführt und wie viele Emails ich geschrieben habe“, sagt sie. „Manchmal hatte ich den Eindruck, dass manchen Menschen der Begriff auswandern nicht bekannt ist.“

2016 war nicht ein schlechtes Jahr für die Reinhardts, sondern auch für Ägypten. Seit den Aufständen 2011 schwanken die Zahlen. 2011 brach die Zahl der deutschen Urlauber ein, um sich 2012 wieder zu erholen. Doch wegen politischer Spannungen sank sie in den zwei Folgejahren auf jeweils unter 900.000 Besucher. 2015 wurde die Millionen-Marke wieder geknackt. Doch nach dem Bombenanschlag auf einen russischen Ferienflieger über dem Sinai ging die Zahl erneut deutlich zurück: 2016 kamen nur noch 653.915 deutsche Gäste.

Renate Reinhardt hinderte das nicht daran, ihrem Mann zu folgen. Nachdem das Haus verkauft war, wurde Hund Leika akribisch auf die Ausreise vorbereitet. Anfang September 2016 kam Guido Reinhardt noch einmal nach Deutschland, um die letzten Vorbereitungen zu erledigen. Ende September ging dann der Flieger zurück nach El Gouna. Mit neun Koffern, einem Fahrrad und einer Hundebox im Gepäck ging es zum Flughafen.

Den Traum leben

Guido Reinhardt wohnte zunächst in einer 120 Quadratmeter großen Wohnung, mit zwei Schlafzimmern, zwei Badezimmern und einem Pool. Dafür zahlte die Familie 250 Euro. Vor einigen Wochen kauften sich die Reinhardts dann ein Appartement mit Blick auf das Rote Meer. „Das war immer unser Traum und wir wollen unseren Traum leben. Und was soll passieren? Wenn es nicht klappt, packen wir unsere Koffer und kommen wieder zurück?“, sagte Renate Reinhardt bereits vor zwei Jahren, und daran habe sich nichts geändert.

„Wir haben alles richtig gemacht. Schönes Wetter, nette Leute, weniger Stress, wir sind einfach glücklich. Was die Zukunft bringt, weiß niemand. Manchmal sollte man nicht nur einfach funktionieren, sondern leben und nicht überleben“, sagt Reinhardt.

Auch das Geschäft laufe gut. „Wir haben viele Stammkunden, die uns in ihrem Urlaub immer einen Besuch abstatten und bei uns eine Tour buchen. Wir fühlen uns sehr wohl und würden auch nicht unbedingt zurück wollen“, sagt Reinhardt.

Das Thema Sicherheit spielt für die Familie, trotz Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes (siehe Infobox), eine eher untergeordnete Rolle. Die Reinhardts sind beim Auswärtigen Amt registriert und werden per Mail informiert, wenn es brenzlig wird. Nach den Anschlägen am Palmsonntag habe sie eine E-Mail erhalten, dass es eine dreimonatige Ausgangssperre geben soll. „Was aber nur bedeutet, das für diese Zeit mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen gerechnet werden muss. Mich und Guido beunruhigt das überhaupt nicht“, sagt sie.

Auch von den Urlaubern höre man immer wieder, dass Bekannte und Freunde ihnen von Reisen nach Ägypten abraten würden. Aber: „Viele Urlauber sagen, dass sie sich in Ägypten sicherer fühlen als in Deutschland. Ich will nicht sagen, dass Ägypten zu 100 Prozent sicher ist, aber wo ist man das heute noch? Ich weiß nur, dass wir in all den Jahren noch nie beunruhigt waren“, sagt sie. Wenn Touristen von Urlauben dort abgeraten werde, mache sie das wütend. „Da muss ich echt inne halten“, sagt Reinhardt, die zurzeit zu Besuch in Eschweiler ist.

In den nächsten Tagen wird sie zurückreisen. Sie ist optimistisch, dass ihre neue Heimat wieder bessere Zeiten erleben wird und ist mit dieser Meinung nicht alleine. In den ersten drei Wochen des Jahres war Hurghada das beliebteste Pauschalreisen-Ziel beim Reiseportal urlaubspiraten.de. Ob die neuen Anschläge sich auf den Tourismus in diesem Jahr auswirken, bleibt abzuwarten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert