Eschweiler - Indeauen: Fluss-Schlingen aus der napoleonischen Zeit

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Indeauen: Fluss-Schlingen aus der napoleonischen Zeit

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Nur an wenigen Stellen, wie hier von der Mäander-Brücke aus, ist ein Blick auf die neu geschaffene Inde möglich. Die weiteren Bilder zeigen einen Ausschnitt des Bergbau-Fensters in der Gedächtniskapelle Lohn, einen Sanddorn-Zweig („Sanddorn kommt hier von alleine und geht nie wieder weg“) und eines der längst verwitterten Schilder, die vor dem Betreten des heute fast unzugänglichen Flussufers warnen. Foto: Ebbecke-Bückendorf
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Wo die Teilnehmer unserer Wanderung hier stehen, war vor wenigen Jahrzehnten ein über hundert Meter tiefes Loch. Die neue Indeaue liegt auf rekultiviertem Gelände. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Die Indeaue bei Neu-Lohn ist eine von Menschen geschaffene Naturlandschaft. Um im Tagebau Inden die Braunkohle zu gewinnen, mit der das Kraftwerk Weisweiler betrieben wird, bekam der Fluss ein zwölf Kilometer langes neues Bett.

Wanderwege führen dort entlang. Aber der Fluss selber ist fast nie zu erblicken. „Wir werden heute bei unserer Wanderung nur zweimal den Fluss sehen“, verkündet Siegfried Lange gleich vorweg den Leserinnen und Lesern, die sich im Rahmen unserer Aktion „7 x Sommer“ zu der Führung durch die Indeaue angemeldet haben.

Siegfried Lange ist Landschaftsplaner und leitet bei der RWE-Power AG die Abteilung Landschaftsplanung und Naturschutz. Dass der Fluss sich rar macht und vor den Blicken der Besucher geradezu versteckt, ist Absicht. „Tiere und Pflanzen haben hier Vorrang“, erläutert der Landschaftsplaner. Nur von den wenigen Brücken aus ist ein Blick auf die Inde zu erhaschen.

Das war vor einigen Jahren noch anders. Nachdem die neue Inde 2005 geflutet wurde, konnten Radler und Wanderer an vielen Stellen schauen, wie das Gewässer sich in seinem von Menschen geschaffenen Bett schlängelte. Sichtschneisen waren angelegt worden mit Blick auf den Fluss. Die Bänke an diesen Stellen sind immer noch vorhanden, aber die Ausblicke nicht mehr. „Wir haben es aufgegeben, diese Sichtschneisen frei zu schneiden, der Aufwand ist einfach zu groß“, erklärt Lange.

Und so ist selbst vom Aussichtspunkt an der Gedächtniskapelle Lohn, wo die vierstündige Leser-Wanderung startet, zwar der Blick über rekultivierte Flächen hinweg zum weiter wandernden Tagebau Inden möglich, aber nicht hinunter zur Inde.

Mit einer Fülle von detailreichen Fakten berichtet RWE-Abteilungsleiter Lange von der Entstehung und dem Wandel der neuen Inde. Damit der Tagebau Inden, der sich an den Tagebau Zukunft-West anschloss, nach Westen weiter wandern konnte, musste die Inde zwischen den Orten Inden-Lamersdorf und Jülich-Kirchberg verlegt werden.

Fünf Kilometer lang war das alte Stück. Die neu geschaffene Inde fließt nun in einem zwölf Kilometer weiten Bogen nach Westen, fast bis nach Neu-Lohn und damit zurück auf das Gebiet der Stadt Eschweiler. Dort, wo früher einmal der Ort Lohn war, steht nun über dem Ufer der Inde die Gedächtniskapelle, als Erinnerung an den abgebaggerten Ort.

Eines der bunten Fenster in der Kapelle zeigt kein christliches Motiv, sondern das, was das Leben in der Region und das Schicksal der abgebaggerten Orte bestimmt: einen Braunkohlenbagger und das Kraftwerk.

An der Mäander-Brücke sehen die wissbegierigen Leserinnen und Leser nach zweieinhalb Stunden Wanderung zum ersten mal an diesem Tag den Fluss. Bis dahin haben sie aber schon viel erfahren über das Zusammenspiel von menschlichem Eingriff und dem Wirken der Natur. Und über die Kunst, ein Gewässer komplett neu zu schaffen.

80 bis 300 Meter breit ist die neu angelegte Indeaue. Das Flussbett ist nach unten hin abgedichtet mit einer Schluffschicht. Das Material, eine Mischung aus Sand, Lehm und Kies, stammt aus dem Vorfeld des Tagebaus. Innerhalb dieses breiten Flussbetts kann die Inde mäandern. Und das tut sie auch. „Die Aue funktioniert. Ob das Wasser dort raus kommt, wo wir das geplant haben, ist eine andere Sache“, berichtet Lange lächelnd.

Beim Anlegen der Fluss-Schlingen orientierte man sich an Landkarten aus der napoleonischen Zeit, den sogenannten Tranchot-Karten. Aber wie in der napoleonischen Zeit verändert auch der neue Fluss seinen Lauf – innerhalb der ihm gesetzten Grenzen. Beim Blick von der Mäander-Brücke lassen sich auch die Spuren der Biber am Flussufer erkennen. Mindestens drei Biber-Familien leben an der neuen Inde.

Überhaupt die Tierwelt – ein umfangreiches Kapitel. Und lehrreich. Zum Beispiel die Kreuzkröte. Das ist eine streng geschützte und sehr seltene Art. „Seit 2003 war die hier in der neu entstehenden Flussaue“, berichtet Siegfried Lange. Da freuten sich natürlich die Naturschützer. Aber ab 2008 wurden die Kreuzkröten seltener, und seit 2015 gibt es keine mehr dort.

Warum? „Wir haben hier künstlich einen neuen Standort geschaffen“, erläutert es der Landschaftsplaner. „Da kommen zunächst aus einem großen Umkreis Arten, die es anderswo schwer haben.“ Die Kreuzkröte mag offene Kiesstandorte, sie fand nun geradezu paradiesische Bedingungen. Aber dann wuchsen die Ufer zu, und aus war es mit dem Paradies.

Die Kreuzkröte ist weg. „Aber dafür kommen andere Arten“, tröstet Lange. Zum Beispiel der Springfrosch, der Gewässer und Wald liebt, „und der wird bleiben“. Er lebt seit 2008 am neuen Fluss.

Bleiben werden auch die Haselmäuse. Die werden aus dem Hambacher Wald umgesiedelt, der dem Tagebau Hambach weichen soll. Dort, bei Hambach, werden Nistkästen für die putzigen kleinen Mäuse aufgehängt, und wenn das Familienleben in den Kästen so richtig floriert, werden Haselmäuse samt Nachwuchs umquartiert an die neue Inde.

Anschließend kontrollieren die RWE-Mitarbeiter acht Jahre lang, wie sich der Bestand entwickelt. Er entwickelt sich prächtig: „Wir sind froh, dass wir hier so viele Haselsträucher gepflanzt haben.“

Welche Bäume wo am Fluss wachsen, ist genau geplant. Dicht am Fluss wurden Weichholzarten gepflanzt, vor allem Weiden. Etwas höher am Hang stehen Harthölzer wie Esche, Traubenkirsche und Eiche: „Das Verhältnis von Weichholzaue und Hartholzaue ist 4:1“.

Im Durchschnitt fließen vier Kubikmeter Wasser pro Sekunde die Inde hinab. Schon bei einem Durchfluss von 4,3 Kubikmetern werden Teile der Weichholzaue überflutet. Das passiert an bis zu 150 Tagen im Jahr. Rauschen mehr als 7,5 Kubikmeter pro Sekunde durch das Flussbett, was an bis zu 30 Tagen jährlich passiert, fließt das Wasser auch in die Hartholzaue.

Dann würden den Wanderern nicht einmal Gummistiefel ausreichen, wenn sie die Inde an der Fußgängerbrücke „Am Krähenwinkel“ überqueren wollen. Denn der Wanderweg dort führt durch die Weichholzaue.

An dem Treibgut, das in den Zweigen der Bäume am Wegesrand hängen geblieben ist, können die Leserinnen und Leser erkennen, wie hoch der Weg gelegentlich unter Wasser steht. Bei unserer Leser-Wanderung kamen alle Teilnehmer aber ohne nasse Füße zurück zur Gedächtniskapelle, wo sie sich herzlich bei Siegfried Lange für die Fülle von neuem Wissen bedankten.

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