In Rüstung mitten im Laternenzug aufgeregter Kinder

Von: Naima Wolfsperger
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Eschweiler. Der Überlieferung nach ist Martinus keine 20 Jahre alt, als er im vierten Jahrhundert nach Christus in einem unbarmherzig kalten Winter als römischer Soldat vor den Toren der französischen Stadt Amiens auf einen unbekleideten Bettler traf. Etwa 1680 Jahre später, gute 360 Kilometer weiter, reitet Jeremy Sündgen mit einem breiten Lächeln im Gesicht auf einem Steckenpferd durch die Kindertagesstätte St. Severin in Weisweiler.

Die anderen Kinder sitzen um ihn herum im Kreis und singen, außer Darlyn Keppers, sie sitzt mitten im Kreis auf dem Boden – in Lumpen. „Wir singen jeden Morgen zusammen“, sagt Kitaleiterin Petra Pütz, „aber seit Mitte Oktober spielen wir die Geschichte des heiligen Martin nach.“ Eine besondere Zeit in der Kita. Laternen werden gebastelt, „aber St. Martin ist auch eine ganz tolle Gelegenheit den Kindern den Wert des Teilens zu vermitteln“, sagt Pütz.

Martinus selbst war nur bekleidet mit einer Rüstung und einem Chlamys, einem weißen zweiteiligen Umhang. Aber dem Bettler, der vor der Stadt fror, gab der junge Soldat die eine Hälfte seines Chlamys. In der darauffolgenden Nacht soll ihm Jesus im Traum erschienen sein. Martinus war zu jener Zeit noch ungetauft und sollte das auch noch viele Jahre bleiben, bevor er 371 zum Bischof von Tour ernannt wurde.

Ein Akt der Gutherzigkeit, der durch Martinus spätere Taufe und Heiligsprechung die christliche Tradition geprägt hat. In Teilen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, in Luxemburg, Südtirol und Oberschlesien wird der Martinstag, der 11. November, traditionell mit Laternenumzügen begangen. Nicht selten gibt es dabei auch einen Martin, der auf einem Schimmel durch die Menge reitet und seinen Mantel mit einem Bettler teilt.

Seit 42 Jahren ist Horst Steffens einer von ihnen. Acht mal wird er in der Städteregion den Martin spielen. Zweimal in Weisweiler, für die Kita St. Severin und die Betreuungseinrichtung für Kinder und Jugendliche (BKJ) „Auf dem Driesch“.

Auch wenn Horst Steffens sagt, dass „das Leuchten in den Kinderaugen zu den Umzügen von wenigen Dingen in meinem Leben übertroffen wird“, ist er, wie die meisten Martins heutzutage, gekauft. „Der Aufwand ist sehr groß“, sagt Steffens. Nicht nur weil er sich mit Rüstung, Schwert und Mantel ausgestattet hat und seine Zeit dafür aufwendet. „Nicht jeder Reiter und nicht jedes Pferd können einfach durch so viele Kinder reiten, ohne dass etwas passiert.“

Vor allem, weil Eltern mit ihren Kinderwagen oft ganz nach an die Tiere herantreten, damit die Kleinen besser sehen können. „Das ist keine so gute Idee“, sagt der 58-Jährige. Er und sein Pferd sind massenerprobt, er beteiligt sich unter anderem am Rosenmontagsumzug in Aachen. „Aber die Menschen vergessen oft, dass sie trotz allem vor einem Tier stehen.“

Auch in den Kleiderkammern tut sich wenig, während die Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen ziehen. „Der Martinstag ist in unserer Einrichtung ein Tag wie jeder andere“, sagt Carmen Rosendahl-Küpper von der Kleiderkammer des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF). Die Weihnachtstage und vielleicht Ostern – das seien die Zeiten, zu denen mehr Spenden eingingen als sonst. Eine Mitarbeiterin der Kleiderstube der Arbeiterwohlfahrt (Awo) bestätigt den Trend.

Der SkF hat deshalb bereits seit einigen Jahren eine Kooperation mit der katholischen Grundschule Dürwiß. Dabei werden jedes Jahr einige Familien herausgesucht und ihre Geschichte anonymisiert und kindgerecht niedergeschrieben. „In jede Klasse geben wir dann eine dieser Geschichten, und die Kinder stellen eine Spendenkiste zusammen“, sagt Rosendahl-Küpper.

Bei den Spenden werde außerdem großer Wert darauf gelegt, dass nur gebrauchte Gegenstände ihren Weg zu den bedürftigen Familien finden. „Es geht uns um den moralischen Wert, darum, zu teilen und sich von etwas zu trennen.“

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