In Eschweiler schreiben Genossenschaften seit langem Erfolgsgeschichte

Von: Rudolf Müller
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Sechs von Tausenden, die für
Sechs von Tausenden, die für die genossenschaftliche Idee in Eschweiler stehen: (von links) Eberhard Büttgen, zu gründende Genossenschaft Bürgerwald, Klaus Philippi, Fleisch-Versorgung Eschweiler, Johannes Gastreich, Raiffeisen-Bank, Michael Schädlich, Wohnungsgenossenschaft, Bernd Schendzielorz, Raiffeisen-Bank, und Udo Rombach, Fleisch-Versorgung Eschweiler. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Das wurde auch mal Zeit. Mehr als hundert Jahre hats gedauert, bis sich in Eschweiler die führenden Vertreter einer Idee, die schon seit mehr als 150 Jahren Erfolgsgeschichte schreibt, mal zwecks näheren Kennenlernens zusammensetzen.

Die Idee: das ist die lebensrettende Einsicht zweier Männer in den Notzeiten Mitte des 19. Jahrhunderts Friedrich Wilhelm Raiffeisen aus dem rheinland-pfälzischen Westerwald und Hermann Schulze-Delitzsch: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.”

Der Siegeszug der Genossenschaften unter dem Motto „Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung” begann. Und setzt sich bis heute fort. Der Initiator der Premiere: Raiffeisen-Bank-Vorstand Johannes Gastreich. Seine Gäste: Michael Schädlich als Vorstandsvertreter der Wohnungsgenossenschaft Eschweiler, Klaus Philippi und Udo Rombach von der Fleischversorgung Eschweiler eG (sprich: eingetragene Genossenschaft), sowie Eberhard Büttgen als Vertreter eines Unternehmens, das erst noch eines werden will: die Waldgenossenschaft Eschweiler Bürgerwald.

Dass das Treffen erst jetzt stattfand, erscheint nicht weiter schlimm: Immerhin haben auch Raiffeisen und Schulze-Delitzsch nie persönlich Bekanntschaft gemacht. Der Anlass des Schulterschlusses bei Kaffee und Kanapees aber hätte treffender nicht sein können: „Genossenschaften leben der internationalen Gemeinschaft vor, wie sich Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung verbinden lassen”, schrieb UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon jüngst allen GmbHs, KGs, OHGs und AGs dieser Welt in die auf Gewinnmaximierung ausgelegten Stammbücher und erklärte 2012 zum „Internationalen Jahr der Genossenschaften”. Damit nicht genug: Der Samstag ist der „Internationale Tag der Genossenschaften”.

Vorreiter genossenschaftlicher Unternehmungen an der Inde war die Wohnungsgenossenschaft, die anno 1902 antrat, die Arbeiterschaft aus ihren menschenunwürdigen, krank machenden Wohnverhältnissen zu führen. Mit einigem Erfolg, wie Michael Schädlich, geschäftsführendes Vorstandsmitglied, heute kundtun kann: Bis zum ersten Weltkrieg konnten die Genossenschaft bereits 21 Häuser ihr eigen nennen. Die Genossenschaft baute in der Jülicher Straße, der Süd- und Karl-straße. Häuser an der Ludwig- und Nothberger Straße kamen hinzu. Ebenso wie Neubauten in der Blumensiedlung. Die Straßennamen Ludwigstraße und Carbynstraße sollen einen der Gründer der Genossenschaft gleich doppelt ehren: den damaligen Bürgermeister Ludwig Carbyn. Zu den Prunkstücken des heutigen Bestands von über 192 Häusern, 783 Wohnungen und 243 Garagen zählen zwei Neubauten in der Inselstraße. Heute hat die Genossenschaft rund 900 Mitglieder, die sich mit heute 600 Euro Beitrittsgeld die Vorzüge des Wohnens in einer Genossenschaftswohnung sicherten: Leben so sicher wie in einer Eigentumswohnung, zu Mietpreisen, die unter dem Marktpreis liegen. Und auf die 600 Euro Beitrag gibts jährlich 4 Prozent Zinsen.

1300 Menschen nutzen die Genossenschaftswohnungen, für deren Verwaltung und Unterhaltung die Genossenschaft elf Mitarbeiter beschäftigt. Weitere Miet-Interessenten stehen auf Wartelisten. Die Genossenschaft trägt sich zwar mit weiteren Bau-Plänen, „aber zurzeit investieren wir 750?000 Euro in die Bestandspflege”, berichtet Michael Schädlich. „Damit sind wir auch ein zuverlässiger Garant für Aufträge an hiesige Handwerker.”

Die Raiffeisen-Bank

1911 folgte die Gründung der zweiten Genossenschaft an der Inde: In Röhe gründeten 21 Bürger ihre Spar- und Darlehnskasse, um vor allem Landwirten, aber auch Handwerkern und Gewerbetreibenden in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Zugang zu dringend benötigtem Investitionskapital zu verschaffen. Der Vorläufer der heutigen Raiffeisen-Bank Eschweiler war geboren.

„Das weltweit einzige Kreditin-stitut mit Sitz in Eschweiler”, wie Vorstand Johannes Gastreich gerne schmunzelnd betont, schreibt seither Erfolgsgeschichte. Heute hat die Bank 62 Mitarbeiter, 5800 Mitglieder, sprich: Eigentümer, und 14?200 Kunden. Das Geheimnis des Erfolgs: „Wir sind eine Bank vor Ort, wir kennen unsere Kunden”, betont Gastreich. „Wir wissen, mit wem wir gute, vertrauliche Bankgeschäfte machen und mit wem wir das besser nicht tun sollten.” Sprich: Die Konzentration auf das Geschäft vor der eigenen Haustür sorgte dafür, dass Kreditgenossenschaften die Wirtschafts- und Finanzkrisen der vergangenen Jahre besser als andere und ohne fremde Hilfe gemeistert haben. In Eschweiler laufen die Geschäfte so gut, dass die Bank-Mitglieder sich auf eine seit Jahren stabile Dividende von 5 Prozent verlassen können. Und nicht nur sie kommen in den Genuss des Überschusses: Die Raiffeisen-Bank hat sich längst mit der Förderung von Kunst, Kultur, Brauchtum und Sport einen hervorragenden Namen gemacht.

Die Fleischversorgung Eschweiler

Deutlich jünger als ihre genossenschaftlichen Schwestern oder Cousinen ist die Fleischversorgung Eschweiler (FVE), 1975 unter diesem Namen als Genossenschaft eingetragen, nachdem die Stadt den Schlachthof 1973 an die „Schlachthofgenossenschaft” verpachtet hatte. 27 Mitglieder hat die Genossenschaft heute, die dafür Sorge tragen, dass der Eschweiler Schlachthof im Gegensatz zu vielen umliegenden weiterexistiert und einen sehr guten Ruf genießt. Hier haben nicht nur Fleischhändler, sondern auch Landwirte und Metzger ein Mitspracherecht.

„Zwar ist das Gebäude bereits knapp 120 Jahre alt, aber innen ist alles tipptop”, betont Klaus Philippi. „Alle Auflagen der Europäischen Union - und jedes Jahr kommen neue - werden von uns erfüllt. Wir sind der einzige überregionale, öffentliche Schlachthof , der das von sich behaupten kann.” Seit 2004 hat der Eschweiler Schlachthof auch als einer der ersten im Land (der nächste liegt in Wachtendonk) eine Bio-Zertifizierung, darf somit Bio-Fleisch verarbeiten und weiterverkaufen. Philippi, Rombach und Kollegen setzen auf Qualitätsfleisch aus der Region. Und die erstreckt von der Eifel bis Heinsberg. „Die Herkunft jedes einzelnen Stücks Fleisch ist für uns lückenlos nachvollziehbar”, unterstreicht Udo Rombach.

Einer der Schlüssel zum Erfolg ist das bestens qualifizierte Personal, betont Philippi. 35 Mitarbeiter beschäftigt die FVE. „Alles seit Jahren hier tätige Top-Leute, keine Kolonnen, die mal hier, mal da arbeiten. Leute, die gutes Geld verdienen.” Wohl zu Recht - angesichts der Arbeitszeiten, die inzwischen von 22 Uhr abends bis 10 oder 11 Uhr morgens dauern.

Die jüngste im Quartett der Eschweiler Genossenschaften existiert eigentlich noch gar nicht. Im Oktober soll sie offiziell gegründet werden: die Waldgenossenschaft Propsteier Wald.

Ihr Ziel: die Erhaltung und Öffnung Propsteier Waldes. Das einstige belgische Militärgelände und Sperrgebiet, inzwischen in Bundesbesitz, ist aufgrund jahrzehntelanger Nichtnutzung zu einem Refugium zahlreicher seltener Pflanzen und Tiere geworden. Hier finden sich Orchideenwiesen ebenso wie bis zu 200 Jahre alte Eichenwälder. Gründe genug, das rund 370 Hektar große Areal, das 60 Jahre lang für Normalbürger unzugänglich war, als Naherholungsgebiet und außerschulischen Lernort zu nutzen, statt zuzusehen, wie es an rein an Rendite orientierte Investoren oder Holzhändler verkauft wird.

Eberhard Büttgen ist einer von vier Bürgern, die zu diesen Zwecken eine Interessensgemeinschaft gründeten, die sich deutlicher Unterstützung seitens der Stadt wie auch zahlreicher Vereine und Verbände sicher sein kann. Schon jetzt haben sich rund 100 Privatpersonen und Firmen bereiterklärt, Genossenschaftsanteile zum Kaufpreis von 500 bis 1000 Euro zu zeichnen. Möglichst viele weitere sollen es ihnen gleichtun.

Dadurch wird man nicht nur zum Mitbesitzer des künftigen „Bürgerwalds”, sondern erwirbt auch das Anrecht auf den Bezug regional erzeugten Brennholzes. „Die Nachfrage nach Brennholz ist riesig, die kann regional derzeit nicht gedeckt werden”, weist Büttgen auf die wirtschaftlichen Vorzüge einer Genossenschafts-Mitgliedschaft hin. Die seien nicht nur für Bezieher kleiner Mengen Brennholz interessant, die in erster Linie zum Schutz des Waldes beitragen möchten, sondern auch für Brennholz-Großkunden.

Jeder vierte Deutsche ist „Genosse”

Seit den Tagen Friedrich-Wilhelm Raiffeisens und Hermann Schulze- Delitzschs Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Genossenschafts-Idee weltweit auf Siegeszug. Genossenschaften gibt es heute in mehr als 100 Ländern - mit mehr als 800 Millionen Mitgliedern. Herausragende Beispiele: In Norwegen und Neuseeland sorgen landwirtschaftliche Genossenschaften für über 80 Prozent der Milchproduktion. Und in der Republik Korea werden 71 Prozent der Fischereiproduktion durch Genossenschaften organisiert.

Weltweit präsent sind auch die Genossenschaftsbanken: Sie zählen inzwischen mehr als 177 Millionen Mitglieder, verteilt auf circa 49.000 Banken.

In Deutschland sind rund 20 Millionen Menschen Mitglied - also jeder vierte Deutsche - in insgesamt 7500 genossenschaftlichen Unternehmungen. In Eschweiler bringen es die bislang drei Genossenschaften - die Waldgenossenschaft ist noch in Gründung - auf etwa 6750 Mitglieder.
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