Eschweiler - In der Bildung klafft die Schere weit auseinander

In der Bildung klafft die Schere weit auseinander

Von: Daniel Gerhards
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OECD-Studie ist nur eine Momentaufnahme. Marga Müller fordert eine Auseinandersetzung mit den Ursachen.

Eschweiler. Die Pisa-Studie blamierte Deutschland vor einigen Jahren. Kinder aus Deutschland konnten im internationalen Vergleich nicht mithalten. Jetzt zeigt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass hierzulande auch Erwachsene allenfalls mittelmäßig gebildet sind.

Steht es wirklich so schlecht um die Bildung der Deutschen? Marga Müller, Fachbereichsleiterin der Volkshochschule (VHS) Eschweiler, rät zur Gelassenheit. Die Untersuchung sei lediglich eine Momentaufnahme. „Sie bildet nur den Status quo ab. Die Studie sagt nichts über Ursachen und Wirkung aus“, sagt Müller.

Die OECD hat in 24 Ländern zeitgleich 166.000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren im Lesen, Rechnen und Problemlösen mit dem Computer getestet. Aus Deutschland nahmen knapp 5500 Personen teil. Ergebnis: Finnen und Japaner haben die Nase vorn. Umgerechnet sind sie den Deutschen teilweise vier bis fünf Schuljahre voraus.

Solche Ergebnisse sind für Müller nicht überraschend. Die Probleme lägen im deutschen Bildungssystem. Einerseits experimentiere man schulpolitisch zu viel herum – was Struktur und Lernmethoden angeht. Und man unterteile zu sehr in „Starke“ und „Schwache“. Das spiegele das gegliederte Schulsystem mit Haupt-, Realschule und Gymnasium wider.

Das Umfeld spielt eine Rolle

Die „Schere“ zwischen extrem gut Gebildeten und schlecht Ausgebildeten werde durch Selektion enorm groß. Und für Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem Bildung eine sehr geringe Rolle spielt, ist der Zugang wesentlich schwerer. „Wenn Kinder aus der Schule kommen und sehen, dass ihre Eltern nicht arbeiten, sondern sich den ganzen Tag RTL anschauen, wird das für sie zur Normalität“, sagt Müller.

In mancher Akademikerfamilie stünden dagegen Besuche im Theater, Literatur oder bildendes Fernsehprogramm auf dem Plan. Dennoch sei es möglich, die „Potenziale“ der bildungsfern aufwachsenden Kinder zu nutzen. „Die Schulen haben die Möglichkeiten dazu“, sagt Müller. Sie kann sich vorstellen, dass die Kinder mehr Bücher lesen müssen oder dass die Schule mit der ganzen Klasse ins Theater geht.

Kritisch sieht Müller die OECD-Studie zudem, weil dort Junge und Alte, Deutsche und Ausländer, Leistungsstarke und -schwache in einen Topf geschmissen werden. „Die Gruppen werden vermischt“, sagt sie. Ein genauerer Blick zeigt, dass älteren Studienteilnehmer wesentlich schlechtere Ergebnisse haben als junge. „Die Gruppe, die in den 50er und 60er Jahren zur Schule gegangenen ist, schneidet am schlechtesten ab“, sagt Müller. „Die Jungen retten die Älteren.“

Das liegt zum Teil sicher daran, dass gerade die Fragen zu den EDV-Kenntnissen für Menschen, die ihr ganzes Berufsleben nie mit dem Computer arbeiteten, schwierig sind. Junge Leute lernen dagegen heute sehr früh, mit Laptop, Tablet oder Smartphone umzugehen.

Dass ältere Leute geringere EDV-Kenntnisse haben, sei nicht unbedingt ein Problem. Auch in der Beratung bei der VHS müsse man immer darauf achten, welches Angebot zu wem passt. Müller: „Etwas ältere Migranten arbeiten häufig bei Pflegediensten, Reinigungsdienstleistern oder in der Gastronomie. Da braucht man keine großen EDV-Kenntnisse.“ Also auch keine Excel- und Powerpoint-Kurse.

Insgesamt gibt es bei der Eschweiler VHS jährlich 10.000 Unterrichtsstunden in verschiedenen Bereichen. Um bei Erwachsenen die Voraussetzungen für das Lernen und eine gesellschaftliche Integration zu schaffen, bietet die Einrichtung Alphabetisierungskurse an. Wichtig sei dabei, die Leute nach Bildungsstand einzuteilen. Es gebe also in der Eschweiler VHS beispielsweise keine Kurse nur für türkische Frauen. Migranten, die nicht Deutsch sprechen, werden in den Kursen nach Wissensstand und Lernmotivation eingestuft.

Die Kosten für die Kurse seien hoch und könnten nicht von den Teilnehmern aufgebracht werden. Allerdings seien Lesen und Schreiben Voraussetzung für Job und Integration. Deshalb lohne es sich das Geld zu investieren.

Insgesamt ist der Wert der Studie für Müller gering. Man müsse stärker bei den Ursachen für die häufig mangelhafte Bildung ansetzen. Die Studie sorge nur für Diskussionen und gegenseitige Schuldzuweisungen der Bildungsträger. Und das führe zu nichts.

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