In den USA ticken die Uhren eben etwas anders

Von: ran
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„Ein Land voller Gegensätze in Zeiten großer Widersprüche“: Dr. Andrew Denison bemühte sich, den Gästen des 11. Kambacher VIP-Talks, „Trumps Amerika“ näherzubringen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Seit dem 20. Januar 2017 regiert Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika das nach wie vor mächtigste Land der Erde. Doch acht Monate nach seiner Amtseinführung herrscht nahezu weltweit Ratlosigkeit über die politischen Ziele des ehemaligen Unternehmers.

Die ständigen Personalwechsel im Weißen Haus sowie scheinbar oder tatsächlich willkürliche Stimmungs- und vielleicht auch Gesinnungsveränderungen des Staatsoberhauptes irritieren sowohl die Regierungschefs als auch die Bevölkerungen aller Kontinente. Diese Unsicherheit ist innerhalb der Bundesrepublik besonders stark zu bemerken, galten die Vereinigten Staaten doch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zumindest in Westdeutschland und in weiten Teilen Europas als Schutzmacht.

Wie steht es nun um das Verhältnis zwischen den USA auf der einen und der Bundesrepublik beziehungsweise Europa auf der anderen Seite? Und wie wird es sich in der nahen Zukunft entwickeln? Wie sollen sich Deutschland und Europa einem Präsidenten gegenüber verhalten, der die Devise „America first“ proklamiert? Fragen, die während des 11. Kambacher VIP-Talks in der einmal mehr sehr gut besuchten Tenne des Hauses Kambach unter der Überschrift „Trumps Amerika und die Zukunft der transatlantischen Beziehungen“ erörtert wurden.

Den Organisatoren Burghard von Reumont, Wolfgang Habedank und Max Krieger war es in Kooperation mit den Verantwortlichen der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik gelungen, mit dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Dr. Andrew Denison einen ausgewiesenen Experten als Referenten und Gesprächspartner zu gewinnen, der nach siebenwöchigem Aufenthalt in seinem Geburtsstaat Wyoming den Weg aus dem „Wilden Westen“ nach Kinzweiler fand.

„Ich kann ihnen versichern, die USA sind mehr als Trump“, bemühte sich der Vortragende, der in Königswinter unter dem Namen „Transatlantic Networks“ ein Zentrum für politische Bildung und Beratung leitet, seine Zuhörer gleich zu Beginn seiner Ausführungen etwas zu beruhigen. Tatsache sei jedoch, dass jenseits des „großen Teiches“ die Uhren im Vergleich zu Deutschland oder Europa teilweise völlig anders tickten.

Wyoming, das nicht wesentlich kleiner sei als die Bundesrepublik, verfüge über knapp 600.000 Einwohner. „Dennoch schickt Wyoming zwei Senatoren in den Senat. Genauso viele wie Kalifornien mit seinen rund 40 Millionen Menschen“, erklärte Dr. Andrew Denison das nicht wenigen Deutschen eigenartig erscheinende Wahlsystem der USA, das es Donald Trump ermöglichte, trotz einer geringeren Gesamtstimmenzahl als Konkurrentin Hillary Clinton in das Weiße Haus einzuziehen.

„Seit unserer Staatsgründung gilt der Grundsatz: Ein Bürger, eine Stimme. Ein Staat, eine Stimme!“ Für Amerikaner sei dies urdemokratisch. „Die Vereinigten Staaten sind ein Land voller Gegensätze in einer Zeit der Widersprüche. Und Donald Trump ist die Quintessenz der unbegrenzten Widersprüche“, unterstrich Dr. Andrew Denison. Für den Großteil der Amerikaner sei Washington D. C. unendlich weit weg.

Deshalb werde Politik eher auf regionaler und lokaler Ebene wahrgenommen. „Viele Amerikaner folgen oft auch einer von Ronald Reagan formulierten, meiner Meinung nach aber falschen Doktrin, und sehen den Staat grundsätzlich als Problem statt als Chance zur Lösung.“ Andererseits berge der in den USA konsequent umgesetzte Grundsatz „begrenzte Staatsmacht ist gute Staatsmacht“ eine großartige Schutzfunktion.

Stichwort „Checks and Balances“ (Überprüfung und Ausgleich)! „Die Gerichte und der Kongress haben Trump die Stirn geboten. Staaten wie Kalifornien oder New York verfügen über Macht, die Trump nicht übersehen und -gehen kann. Darüber hinaus werden die Bürgerrechtsbewegungen in den USA wieder hörbar lauter“, versicherte der Politikwissenschaftler.

Twitter-Meldungen haarsträubend

Die USA seien ein nach wie vor großes und starkes Land mit einem ziemlich kleinen Präsidenten, der klein bleiben werde, wenn er sich nicht ändere. Unstrittig sei auch, dass die Inhalte der zahlreichen Twitter-Meldungen des Präsidenten größtenteils haarsträubend seien, doch in puncto Außenpolitik unterscheide sich seine bisherige Linie gar nicht so sehr von seinen Vorgängern. „Ich schließe nicht aus, dass auch Obama den Militärschlag in Syrien veranlasst hätte. Hillary Clinton hätte dies definitiv getan“, so die Bewertung von Dr. Andrew Denison, der anschließend auf die Beziehungen zwischen den USA und Europa zu sprechen kam.

In dieser Hinsicht trete klar zu Tage, dass die Gegenwart eine Zeit unbegrenzter Widersprüche sei. Die Kritik Trumps in Richtung NATO und Europa könne langfristig zur Vereinigung Europas führen. Die Meinung des US-Präsidenten, Europa, und damit nicht zuletzt Deutschland, müsse mehr für Sicherheit leisten, teilt Dr. Andrew Denison. „Trump hat das sogenannte zwei Prozent-Ziel nicht erfunden. Wolfgang Ischinger spricht als Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz von drei Prozent, meint dabei aber nicht nur Ausgaben für das Militär, sondern bezieht auch Diplomatie und Entwicklung in die Rechnung mit ein.“

Auch Barack Obama habe während seiner Amtszeit erklärt, dass ihn „Trittbrettfahrer“ ärgerten. Hinzu komme, dass weltweit kaum ein Land so von seiner friedlichen Umgebung profitiert habe und profitiere wie Deutschland. Europa insgesamt müsse aber stärker auftreten.

„Ein starkes Europa macht es für Trump schwieriger, zu behaupten, die USA subventionierten den alten Kontinent. Wichtig ist aber vor allem, dass die Europäer erkennen, dass Europa in den USA durchaus eine Rolle spielt, die USA für Europa aber wichtiger sind als umgekehrt“, so der abschließende Ratschlag des Referenten, der anschließend in eine breitgefächerte Diskussion mit den Gästen des Kambacher VIP-Talks trat.

Dabei machte er deutlich, dass er im Bezug auf den Konflikt mit Nordkorea nicht glaubt, dass das Temperament Donald Trumps eine „unkalkulierbare Gefahr“ darstelle. Das Unverständnis vieler Zuhörer über die nach wie vor in den USA vorhandene Unterstützung, die der Präsident genieße, erklärte Denison eben mit dem Trotz, den dieser bei der Ausübung seines Amtes an den Tag lege.

„Trump hat insgesamt an Zustimmung verloren. Aber viele derer, die ihn weiterhin unterstützen, tun dies, weil er so ist, wie er ist.“ Im Gegensatz zu Trumps Ankündigung, den Protektionismus voranzutreiben, bleibe die Wirtschaft der Vereinigten Staaten aber „natürlich“ globalisiert. „Die USA verdienen in Europa ein Drittel mehr als in Asien. Die Verschmelzung der US-Wirtschaft mit Europa nimmt jährlich zu. Europa und die USA werden auch in Zukunft die Motoren der Weltwirtschaft sein“, so der Vorausblick des Politikwissenschaftlers.

Und die Einwanderer aus Lateinamerika, die Trump aus dem Land werfen möchte? „Ich bin davon überzeugt, dass viele dieser Latinos am Wiederaufbau der vielen durch Hurrikan Irma zerstörten Häuser und Gebäude beteiligt sein werden.“ Eine Zeit der Widersprüche eben!

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