Im Namen Gottes: Frieden und Versöhnung statt Terror und Gewalt

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Engagierter Einsatz für Frieden und Versöhnung als Auftrag aller Religionen: Dr. Martin Bauschke von der Stiftung Weltethos (rechts) und Hans Coenen vom Forum Gott und die Welt. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Religion kann Frieden schaffen. Religion muss Frieden schaffen, wenn die Menschheit nicht zugrunde gehen soll. So dramatisch formuliert es der Religionswissenschaftler und Theologe Dr. Martin Bauschke bei einem Vortrag am Donnerstag in Eschweiler: „Wenn das 21. Jahrhundert nicht zu einem Jahrhundert der Vergebung und Versöhnung wird, wird es wohl das letzte Jahrhundert der Menschheit sein.“

Bauschke ist Leiter des Berliner Büros der Stiftung Weltethos und Autor von Büchern über gemeinsame Wurzeln von Christentum und Islam. Der Titel seines Vortrags hieß „Schatten und Licht“, gemeint ist damit der Zwiespalt zwischen Gewalt und Frieden, zwischen Terror und Versöhnung in den Religionen.

Hans Coenen vom Eschweiler „Forum Gott und die Welt“ als Veranstalter des Vortragsabends freute sich über das große Interesse. Der Saal des Jugendzentrum von St. Peter und Paul war gut gefüllt.

Gewalt in Bibel und Koran

Im Namen Gottes gibt es Gewalt und Terror, aber im Namen Gottes gibt es ebenso Frieden und Versöhnung, auch wenn das nicht so oft in den Schlagzeilen ist. Das ist die erste der beiden Thesen, die Dr. Bauschke seinen Eschweiler Zuhörern mit vielen Beispielen erläuterte: „Religionen sind nicht per se gut oder schlecht, sie sind ambivalent.“

Das treffe auf alle Religionen zu. Seine zweite These ist eine Folgerung daraus: „Die Zukunft unseres Planeten hängt entscheidend ab von der Zukunft der Religionen.“ Das sei sozusagen eine Gretchenfrage, die sich an die Religionen selber richtet: „Wie haltet ihr es mit der Gewalt? Schürt ihr den Hass oder fördert ihr den Frieden?“

So, wie es in jedem Menschen die beiden Seiten gibt, Licht und Schatten, so sei auch beides in den Religionen angelegt. Religionen „können lichtvoll sein als Quellen des Friedens, des Dialogs und des sozialen Engagements“, so Bauschke, aber: „Auf der anderen Seite gibt es diese grauenvolle, abgründige Seite – Religionen als Motoren des Fanatismus und Motivatoren der Aggression.“ Gerade die drei prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam hätten im Lauf der Geschichte eine Neigung zur Unduldsamkeit, zu Hass und Gewalt entwickelt.

Darauf wies Bauschke immer wieder und mit vielen Beispielen hin: Jede Religion lässt sich so pervertieren, dass Hass und Gewalt entsteht, und jede Religion trägt auch den Willen zu Frieden und Versöhnung in sich. Eines der Beispiele, die der Referent anführte, war der Völkermord 1994 in dem afrikanischen Staat Ruanda, als Angehörige der Hutu-Mehrheit innerhalb weniger Monate hunderttausende Menschen der Tutsi-Minderheit ermordeten. Beide Volksgruppen waren katholisch. Hingegen leisteten die wenigen muslimischen Bürger des Staates den Verfolgten Hilfe und versteckten flüchtende Menschen.

Zum Beispiel Salafismus

Dass Gewalt sich auch aus den Heiligen Schriften der drei mono-theistischen Religionen rechtfertigen lässt, wenn man sie wörtlich nimmt, machte der Referent mit einem Ratespiel deutlich. Fünf Texte, in denen es um Gewalt im Namen Gottes ging, las er vor und ließ dann die Zuhörer raten: Welches dieser Zitate stammt aus dem Tanach (also der hebräischen Bibel), welches aus dem Neuen Testament, welches aus dem Koran? Wer hat gesagt „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“? War das Jesus? Oder Mohammed? Da kamen selbst Bibelkenner ins Schleudern.

Am Beispiel des muslimischen Salafismus ging der Religionswissenschaftler darauf ein, wie Religion zu etwas Bösem wird. Das ist seine dritte These: „Zu Gewalt und Terror im Namen Gottes kommt es dann, wenn eine Religion pervertiert oder umformatiert wird in eine religiöse Ideologie.“ Zur Ideologie wird Religion dann, wenn der eigene Standpunkt zur absoluten, einzig gültigen Wahrheit stilisiert wird. Wenn alle anders Denkenden und anders Glaubenden diffamiert und diskriminiert werden. Dieses Schwarz-Weiß-Denken sieht Bauschke als ständige Gefahr: „Aggressive, intolerante Theologien schüren eine gefährliche Rivalität der Religionen, die jederzeit in Gewalt umschlagen können.“

Intoleranz kann faszinierend sein – das wurde den Zuhörern deutlich, als Dr. Bauschke beschrieb, wie Salafisten „ticken“ und was den Salafismus so attraktiv für manche jungen Leute macht. Diese Leute, zuvor oft in der Gesellschaft benachteiligt, finden dort eine klare Welt, die aufgeteilt ist in schwarz und weiß, in Gut und Böse – und sie sind in dieser Welt natürlich die Guten. Zudem aufgenommen in eine Gemeinschaft, in der sie wertgeschätzt werden. Eindeutigkeit, Verlässlichkeit, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, klare moralische Werte – alles das lässt sich im Salafismus finden. Wenn man Ja sagt zu Gewalt, Hass und Fanatismus.

Intoleranz, Freund-Feind-Denken, Absolutheitsanspruch – das gibt es auch in den fundamentalistischen Strömungen anderer Religionen, nicht nur beim Islam, versicherte Bauschke: „Gewalt, Fanatismus und Hass bleiben eine Versuchung für alle religiösen Menschen.“

Versöhnung schaffen

Der Gefahr durch religiös unterfütterte Ideologien ist aber nur die eine Seite der Medaille „Religion“. Die andere Seite, die positive Kehrseite der Religion ist ihr Vermögen, Frieden und Versöhnung zu schaffen. Bauschke: „Ja, es gibt sie auch. Religiöse Menschen, die Frieden schaffen, die als Mediatoren tätig werden, die in Konflikten vermitteln, deeskalieren und nach neuen, konstruktiveren Wegen des Miteinanders suchen.“ Er nannte eine Fülle von Beispielen, vom deutschen Kirchenasyl bis zu Leymah Roberta Gbowee aus Liberia, die wesentlich dazu beitrug, dass der dortige Diktator Charles Taylor 2006 entmachtet wurde.

Er sei immer wider überrascht, so Bauschke, dass Christen zwar die Namen Osama bin Laden und Ayatollah Khomeini kennen, aber nie von Charles Taylor gehört haben. Taylor ist gläubiger Christ, sogar Baptistenprediger, und zugleich war er ein brutaler Rebellenführer, der sich an die Spitze des Staates Liberia kämpfte, unter anderem mit Kindersoldaten.

Er errichtete eine Art christlichen Gottesstaat. 2012 wurde er als Kriegsverbrecher zu 50 Jahren Haft verurteilt. Zu seiner Entmachtung trug vor allem eine Friedensbewegung von Frauen bei, die gewaltfrei und mit öffentlichen Gebeten gegen das Regime von Taylor protestierten. Die Gründerin Leymah Roberta Gbowee, eine Christin, erhielt 2011 den Friedensnobelpreis.

Entscheidend ist das Heute

Ob Religionen zu Gewalt oder zum Frieden führen, das entscheidet sich nach Ansicht von Martin Bauschke in jedem einzelnen Menschen. „Es kommt auf den Bewusstseinswandel des Einzelnen an. Es geht um die Konversion von der Schattenseite zur Lichtseite in uns selbst!“

Dass diese Konversion jedem Anhänger jeder Religion möglich sei, machte der Referent auch in der lebhaften Diskussion nach seinem Vortrag deutlich: „Es gibt in allen Religionen in ihren heiligen Schriften positive Sätze und Texte, an die wir anknüpfen können.“

Ob denn der Islam, so wurde gefragt, nicht schon von seinen Grundlagen her, von seinem Gründer Mohammed her mehr zur Gewalt und zur Intoleranz neige als das Christentum? war eine der Fragen. Dr. Bauschkes Antwort war zugleich sein Schlusswort: „Es kommt nicht darauf an, dass wir uns jetzt historisch beweisen, was wir gar nicht beweisen können. Ob ein Mose oder ob ein Jesus oder ob ein Mohammed Gewalttäter war oder nicht. Es kommt darauf an, was wir heute im Namen derer machen oder nicht machen. Das ist das Entscheidende.“

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