Im Flüchtlingslager bedroht und erpresst

Von: Patrick Nowicki
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Hoffen, in Eschweiler bleiben zu können: Davran und Davlat (rechts) besuchen die internationale Klasse am Städtischen Gymnasium. Die Ausländerbehörde will ihre Familie abschieben. Um dies zu verhindern, starten die Lehrer dort eine Hilfsaktion. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. In Kirgistan geschlagen, enteignet, geflohen, im Flüchtlingslager Polen erniedrigt, bedroht und weggelaufen – die Geschichte, die Davran und Davlat erzählen, klingt wie eine schaurige Abenteuergeschichte. In Eschweiler scheinen sie eine sichere Heimat gefunden zu haben, denn die beiden Jungs besuchen die internationale Klasse am Städtischen Gymnasium.

Ihre achtköpfige Familie hat ein Haus der Pfarre St. Barbara bezogen. Doch nun droht das Happy End zu zerplatzen: Die Ausländerbehörde droht mit der Abschiebung nach Polen bis zum 18. August. Dies will die Schulgemeinschaft am Städtischen Gymnasium nicht hinnehmen und ruft zum „zivilen Ungehorsam“ auf, um die Familie in Eschweiler zu halten.

Polizei konfisziert das Haus

Am 19. Februar kam die Familie Ismailov nach Eschweiler. Sie hatte eine Odyssee durch zahlreiche Länder hinter sich. In ihrer Heimat, in der Stadt Bischrek in Kirgistan konnte sie nicht bleiben. Als Angehörige der ethnischen Minderheit der Uiguren ist ihr Leben dort nicht sicher. Die Kinder mussten auf dem Weg zur Schule und in der Schule mit Schlägen rechnen. Die Familie wurde ständig von den Behörden erpresst. Als die Polizei dort das Haus des Landwirts und Familienvaters konfiszierte, blieb nur noch die Flucht.

Doch der Wunsch nach Frieden entpuppte sich als Trugschluss. Über Moskau und Minsk gelangte die Familie schließlich nach Teraspol in Polen. An jeder Station mussten weitere Polizisten geschmiert werden. Die jeweils zu zahlende Summe überstieg den Monatsverdienst eines Kirgisen bei weitem. Wenn die Brüder die Verhältnisse in dem Flüchtlingslager in der Nähe von Warschau schildern, dann muss der 13-Jährige Davlat sein Gesicht verbergen. Die Erlebnisse dort haben ihm arg zugesetzt, er schämt sich seiner Tränen.

Untergebracht war die achtköpfige Familie in einem etwa 30 Quadratmeter großem Zimmer. Sicher war es dort nicht: „Bestimmte Volksgruppen haben dort die Kontrolle übernommen und bestraften jeden, der sich nicht verhält, wie sie es wollten“, berichtet der Vater der Jungen. Es sei die Angst gewesen, die ihn schließlich dazu brachte, seine Familie wieder Schleppern anzuvertrauen, die sie weiter in den Westen brachten. Das Wort „Angst“ fällt häufig in seiner Erzählung. Warum man sein Hab und Gut zurücklässt und in ein fremdes Land kommt? „Ich habe mein Leben gelebt, aber meine Kinder sollen eine Zukunft haben“, sagt er.

Dass die Flucht nicht direkt nach Eschweiler, sondern zunächst nach Polen führte, kann sich letztlich als fatal herausstellen. Nach dem sogenannten „Dublin-III-Abkommen“ müssen Flüchtlinge in das EU-Land zurückkehren, wo sie zuerst erfasst wurden. Also im Falle der Familie Ismailov nach Polen. Dass es nicht so weit kommt, will die Schulgemeinschaft nun gemeinsam erreichen. „Man muss nur verhindern, dass die Ausländerbehörde Zugriff auf die Familie bekommt“, berichtet der Integrationsbeauftragte Eschweilers, Jürgen Rombach.

Dies kann geschehen, in dem man friedlich den Zugang für die Behörde versperrt. „In anderen Städten war dies schon erfolgreich“, sagt Rombach. Sollte der 18. August als Frist überschritten sein, dann kann das Asylverfahren in Deutschland anlaufen – eine Abschiebung ist zunächst vom Tisch.

„Bereitschaft zur Solidarität“

„Im Kollegium herrscht eine große Bereitschaft zur Solidarität“, berichtet der Schulleiter des Städtischen Gymnasiums, Winfried Grunewald. „Die beiden Jungen kamen traumatisiert aus Polen und haben sich schnell gefangen“, sagt er. Kontakte zu anderen Schülern seien schnell entstanden. Für sie sei ein stabiles Umfeld von enormer Bedeutung.

Nach Gesprächen mit der Organisation „Pro Asyl“ hat die Lehrerin Miriam Erbstößer die Koordination des „zivilen Ungehorsams“ übernommen. Für sie ist es nicht nachvollziehbar, dass eine Familie, die sich binnen weniger Monate gut integriert hat, das Land wieder verlassen und sich wieder in Gefahr begeben muss.

Davlat und Davran sprechen inzwischen schon passabel Deutsch und gehören mit 15 weiteren Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren der internationalen Klasse im Städtischen Gymnasium. Die Schüler in der Klasse stammen aus verschiedenen Herkunftsländern, gesprochen wird aber ausschließlich Deutsch. Je nach Entwicklungsstand nehmen die Schüler häufiger am Regelunterricht teil, um schließlich in eine Standardklasse zu wechseln.

Mit einem Schreiben an alle Lehrer rief Miriam Erbstößer zur Solidarität mit der Familie auf. Nicht nur der „zivile Ungehorsam“ soll als Weg beschritten werden, sondern die traumatischen Erlebnisse im Flüchtlingslager sollen „ärztlich dokumentiert“ werden. Auch in den Ferien halten die Lehrer und Unterstützer der Aktion engen Kontakt. „Wenn wir gemeinsam handeln, können wir viel erreichen“, hofft sie. Wer die Aktion „Die Familie Ismailov gehört nach Eschweiler“ unterstützen möchte, kann sich per Mail an die Organisatorin wenden. Die Adresse: m.erbstoesser@gmx.de.

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