Eschweiler - Im EM-Fieber wird auch Kitsch zum Kult

Im EM-Fieber wird auch Kitsch zum Kult

Von: Nicola Gottfroh
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„Verkleiden” in schwarz-rot-
„Verkleiden” in schwarz-rot-gold: Inferno-Mitarbeiterin Sandra Flatten hat noch einige wenige EM-Artikel wie Becher, Ketten und Fahnen im Laden. Die richtig ausgefallenen Dinge für hartgesottene Fußball-Fans sind aber schon lange weg. Foto: Nicola Gottfroh

Eschweiler. Mit einer Flasche Bier und zwei, drei guten Freunden vor dem heimischen Fernseher das Geschehen auf dem Fußballplatz verfolgen? Laaaaangweilig! Zumindest für die meisten Fußballfans. Einfach nur „Fußball-Gucken” ist nicht mehr.

Und wenn eine Europameisterschaft ins Haus steht, dann erst recht nicht. Da rüstet spätestens seit dem Sommermärchen 2006 auf, wer ein echter Fan sein will: Denn damit der Fan auch auf einige Kilometer Entfernung als solcher erkannt wird, gilt es, Flagge zu bekennen.

Dazu gibt es Unmengen schwarz-rot-goldenen Krimskrams zu kaufen - viele Geschäfte in Eschweiler haben eigene EM-Ecken eingerichtet, in denen es einem in schwarz-rot-gold, aber auch in anderen Landesfarben entgegen strahlt.

Zu kaufen gibt es fast alles was der Mensch, pardon, Fan braucht, oder eben nicht braucht: von der Fahne über das Pappgeschirr, vom Schlapphut bis zum Tischfeuerwerk.

Je schräger, umso begehrter ist der Fanartikel. Für die Kunden des Euroshops gehören die trendigen Atzen-Rillenbrillen in Deutschlandoptik zum Must-Have für die kommende „EM-Saison”, verrät Verkäuferin Elke Hoffmann. „In ist ganz einfach, was direkt ins Auge fällt”, sagt Asli Aratir, Inhaberin des Inferno. Bei ihr sind die beleuchteten Haarreifen mit Flagge weggegangen wie warme Semmeln.

„Aber leider ist die EM-Ecke schon stark abgegrast. Wir hätten deutlich mehr bestellen können”, sagt sie. Aber je nachdem wie weit Deutschland kommt, werden einige Artikel auch noch einmal nachbestellt. Doch wer heute kurz vor Anpfiff noch etwas richtig ausgefallenes ergattern möchte, der muss sich beeilen.

Übrigens sind es rund 10 Euro, die ein Kunde im EM-Rausch bei Asli Aratir im Laden lässt. Und das alle zwei Jahre. Denn es ist nicht so, dass die Fans Fahnen, Hüte und Hawaiiketten aus den Vorjahren noch griffbereit haben. „Die meisten Leute haben sich das alles schon einmal gekauft, dann nach dem Turnier eingemottet - und jetzt finden sie es nicht mehr wieder”, sagt die Inhaberin.

Auch Geschäfte, die eigentlich auf Textilien spezialisiert sind, sind auf den EM-Zug aufgesprungen. Doch auch hier ist kurz vor dem ersten Deutschlandspiel in vielen Läden nicht mehr viel in den Nationalfarben zu bekommen. Zwar findet man noch Unterwäsche im Deutschland-Look, wer aber lieber etwas verhüllter zum Rudelgucken geht und noch ein Alemannia T-Shirt ergattern will, muss sich wirklich sputen.

„Weil man für die Trikots tief in die Tasche greifen muss, habe ich jetzt auf die T-Shirts gesetzt. Man weiß ja nicht, wie weit Deutschland kommt - nachher fliegen unsere Jungs nach der Vorrunde raus und dann steh ich da mit dem sündteuren Trikot”, sagt die Schülerin Martina Krage, die noch ein Shirt in ihrer Größe ergattern konnte, und übers ganze Gesicht strahlt.

Übrigens: Ein Fan-Kultobjekt der vergangenen Weltmeisterschaft sucht man in diesem Jahr vergeblich: Vuvuzelas. Ein Glück, sagt ein Fußballfan, als im Geschäft die Sprache auf die Südafrikanischen Kulttröten fällt. „Die gingen wohl jedem Fan spätestens ab dem zweiten Spiel auf die Nerven”.

Eins ist damit sicher: Ohne Vuvuzela-Tröten geht ruhiger zu beim Rudelgucken. Gelegenheit dazu gibt es bei jedem EM-Spiel auf dem Markt. Die Gastronomen Michael Esser (Mexi & Co) und Jannis Argiriou (Der Grieche) laden Fußballfans zum Public Viewing ein. Bei Deutschlandspielen kann man das Spiel sogar auf einer großen Led-Leinwand anschauen.

Und auch Eschweilers Gastronomen sind auf den EM-Zug aufgesprungen. Im Restaurant Auszeit werden die Spiele mit deutscher Beteiligung und alle Finalspiele übertragen - „dazu wird gegrillt”, kündigt Inhaber Saltan Aytekin an. In so manchen Bäckereien gibt es dazu das passende Brötchen im Fußball-Look.

Wohl dem, der bei diesem Spektakel dabei sein kann und nicht bei Anpfiff noch arbeiten muss. Kein Problem, mag sich der clevere Fußball-Fan, der auch in den Abendstunden arbeiten muss, nun sagen. Immerhin lassen sich dank Smartphone und Co. die Deutschlandspiele problemlos auch am Fließband oder im Pausenraum anschauen - wenn auch der Bildschirm etwas klein ist.

Und wer einen Arbeitgeber hat wie das Eschweiler Krankenhaus, der darf sogar schon einmal einen Blick auf die grüne Mattscheibe riskieren. „Bei uns im Haus regt sich keiner auf, wenn die Mitarbeiter die Spiele verfolgen. Natürlich sollten sie richtig einschätzen, ob die Situation eine Fernsehpause gerade zulässt - wenn sie sich daran halten, wird sich in unserem Haus niemand aufregen”, heißt es aus dem Krankenhaus.

Doch generell ist hier Vorsicht geboten. Nicht alle Arbeitgeber sehen es gerne, wenn die Angestellten nicht voll auf die Arbeit konzentriert sind. Das kann sogar zu einer Abmahnung führen und sollte deshalb vorher mit dem Vorgesetzten besprochen werden.
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