Eschweiler - Ihre Zeit in der Indestadt: Interview mit Gabi Brettnacher

Ihre Zeit in der Indestadt: Interview mit Gabi Brettnacher

Von: Tobias Röber
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Ende September geht Gabi Brettnacher in den Ruhestand. Hätte sie die Wahl, würde sie nochmal alles genau so machen. Foto: Tobias Röber
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Die Mitarbeiter des Jugendamtes sehen dann und wann auch Schockierendes: etwa Kinder, die kein Bett, sondern lediglich eine Matratze auf dem Boden haben. Foto: stock/Fotoarena

Eschweiler. Ende September ist für Gabi Brettnacher Schluss. Dann tritt die Leiterin des Jugendamtes ihren wohlverdienten Ruhestand an. Am 1. Januar 1979 begann sie ihren Dienst bei der Stadt Eschweiler. Damals als Bezirkssozialarbeiterin. Gabi Brettnacher war zuständig für einen Teilbezirk Stadtmitte sowie Dürwiß und Neu-Lohn.

Damals zählte auch unter anderem Erberich noch zu ihrem Gebiet. Ihre erste Arbeitsstelle war das Verwaltungsgebäude der Stadt an der Kaiserstraße. Sie wurde später Leiterin der Abteilung Soziale Dienste und übernahm vor drei Jahren die Leitung des Jugendamtes von Heinz Kaldenbach. Im Interview spricht Gabi Brettnacher über ihre Zeit in der Indestadt und was sich in den vielen Jahren alles verändert hat.

Frau Brettnacher, Sie sind seit fast 35 Jahren in Eschweiler tätig. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Brettnacher: Es hat eine stetige Entwicklung in den vielen Jahren gegeben, die jedoch immer schneller voranschreitet. Probleme gab es damals natürlich auch schon, aber heute sind sie kompakter.

Inwiefern?

Brettnacher: Es gibt vielfältige Probleme in den Familien, und viele Familien stehen unter massiven Belastungssituationen. Die Fallzahlen sind auf jeden Fall gestiegen. Früher hatten wir mehr Zeit für die einzelnen Familien, und so waren wir näher dran. Heutzutage sind die Anforderungen an die Sozialarbeiter sehr umfangreich und speziell.

Müssten die Sozialarbeiter Ihrer Meinung nach besser bezahlt werden?

Brettnacher: Klar könnte es immer mehr sein, aber es wird nach Tarif bezahlt. Natürlich ist die Arbeit anspruchsvoll, die ein Sozialarbeiter übernimmt, und man nimmt die Arbeit mitunter auch mit nach Hause. Die Anforderungen sind sehr hoch.

Wünschen Sie sich mehr Personal?

Brettnacher: Mehr Personal wäre natürlich immer schön, aber es ist schließlich kein Wunschkonzert. Wir sind im Eschweiler Jugendamt schon gut aufgestellt.

Sie sprechen die wachsende Arbeit an. Gibt es Aufgaben, die liegen bleiben?

Brettnacher: Nein, das kann man so nicht sagen. Es gibt Aufgaben, die warten müssen, weil es andere gibt, die vorrangig zu bearbeiten sind. Wenn es um den Kinderschutz geht, müssen und wollen wir natürlich unverzüglich handeln.

Sie haben in den 35 Jahren einiges gesehen, beziehungsweise sehen müssen. Was bleibt davon hängen?

Brettnacher: Manches kann man sich nicht vorstellen. Wir sehen häufig Armut in Familien, bei denen die finanziellen Mittel aus verschiedenen Gründen nicht ausreichen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Brettnacher: Es gibt einige. Ich bin mal im Bereitschaftsdienst von der Polizei gerufen worden. Wir sind zu einem Haus gefahren, in dem fünf Kinder sich selbst überlassen waren. Es gab Eltern, aber die haben sich nicht gekümmert. Der Haushalt war völlig unterwohnt, für die Kinder gab es keine Betten, nur Matratzen, die auf dem Boden lagen. So etwas ist schockierend.

Und wie reagieren Eltern, wenn sie auf die Zustände angesprochen werden?

Brettnacher: Es gibt Eltern, die kein Einsehen haben, weil für sie einfach völlig andere Maßstäbe gelten. Wir müssen dann natürlich behutsam vorgehen, schließlich geht es um das Kindeswohl. Wir nehmen die Kinder in Obhut, manchmal auch nur vorübergehend. Wenn die häusliche Situation sich verbessert, so dass wir die Kinder irgendwann zurück zu den Eltern geben können, ist das sehr schön. Unser Ziel ist und war es immer, Familien zu befähigen, ein gutes Leben zu führen. Nur der Weg dahin, ist schwieriger geworden. Dazu kommt vor allem eine wachsende soziale Armut und dass viele Familien keinen sozialen Rückhalt aus ihrer eigenen Familie oder von Freunden haben.

Was bedeutet das?

Brettnacher: Ein Miteinander wird in vielen Familien nicht mehr gelebt. Die Emotionalität wird zum Teil vernachlässigt. Eltern sind mit manchen Grundaufgaben überfordert. Etwa, ein Kind einfach in den Arm zu nehmen, um es zu trösten. Viele Kinder werden zu Hause nicht oder wenig betreut. Es gibt Kleinkinder, die schon vor dem Fernseher groß werden. Je eher wir eingreifen können, desto besser. Wenn die Eltern ihre Kinder aus den Augen verlieren, dann wird es schwierig.

Ist es ein finanzielles Problem bei vielen Familien?

Brettnacher: Auch. Es gibt viele Familien, bei denen das Geld nicht reicht. Hier können wir Netzwerke zur Schuldenregulierung vermitteln oder Hilfestellung zu Geldeinteilung leisten. Allerdings macht man sich natürlich schon Gedanken, wenn man zu Familien kommt, deren Kinder vernachlässigt sind, es in dem Haushalt aber alle technischen Geräte gibt – von den teuersten Mobiltelefonen bis hin zu großen Flachbildfernsehern. Familien müssen lernen, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Gab es brenzlige Situationen?

Brettnacher: Natürlich gibt es auch Eltern, die nicht erfreut sind, wenn das Jugendamt Kontakt aufnimmt. Vor allem dann nicht, wenn wir die Kinder in Obhut nehmen müssen. Es geht viel über Kommunikation, und in den meisten Fällen schaffen wir es auch mit Gesprächen. Es gibt jedoch auch Eltern, bei denen Gespräche nicht ausreichen, dann müssen wir handeln. Für etwas brenzlige Situationen und für Notfälle gibt es ein Sicherheitssystem hier im Haus.

Sind die Jugendlichen im Vergleich zu früher aggressiver geworden?

Brettnacher: Die von uns betreuten zum Teil ja, und sie sind auch verhaltensauffälliger. Der Umgang der Jugendlichen untereinander hat sich verändert. Früher hat ein Jugendlicher einem anderen beispielsweise etwas weggenommen. Heute geht das dann oft mit Gewalt einher. Die Zahl der jugendlichen Straftäter steigt, und diese werden immer jünger.

Auf was blicken Sie mit besonderem Stolz zurück?

Brettnacher: Die Entwicklung im Bereich des Kinderschutzes finde ich toll. Hier in Eschweiler haben wir ein ganz enges Netzwerk, das ist eine richtig runde Sache. Das merken wir auch in den Gesprächen mit den Eltern. Da werden wir sehr ernstgenommen, und die Eltern akzeptieren es, wenn wir mit ihnen über den Kinderschutz sprechen. Wenn das Jugendamt im Kinderschutz gut aufgestellt ist, dann ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit abgedeckt. Das schafft man nur gemeinsam mit allen Mitarbeitern und in Eschweiler läuft es. Wir haben hier Vieles auf den Weg gebracht, und ich weiß alles in guten Händen. So ist auch der Ausbau der Kindertagesbetreuung auf einem guten Weg.

Was hat ihr Nachfolger alles zu tun?

Brettnacher: Mein Nachfolger übernimmt ein gut funktionierendes Amt, wobei hier auch das menschliche Miteinander eine wichtige Rolle spielt. Ein großes Thema wird die Inklusion sein, die gelebt werden muss. Nur Gesetzesänderungen bringen uns da nicht weiter. Das wird eine große Herausforderung. In den Tageseinrichtungen wird die Inklusion schon gut umgesetzt. Aber auch in den übrigen Bereichen ist sie ein wichtiges Thema.

Sollte Inklusion uneingeschränkt gelebt werden?

Brettnacher: Man muss immer den Grad der Behinderung sehen. Es gibt Kinder, die in einer speziellen Einrichtung besser aufgehoben sind. Man muss das bei jedem Kind einzeln feststellen. Das wäre mir wichtig, damit für jedes Kind die passende Hilfe bereitgestellt werden kann.

Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie wieder beim Jugendamt der Stadt Eschweiler anfangen?

Brettnacher: Ja! Ich habe keinen Tag in diesen 35 Jahren in Eschweiler bereut. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht gerne hierher gekommen bin. Es gab natürlich Tage, vor denen ich Respekt hatte, wenn etwa schwierige Gespräche, Entscheidungen oder besondere Herausforderungen anstanden. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es wieder genau so machen.

Haben Sie Pläne für die Zeit nach dem 30. September?

Brettnacher: Konkrete Pläne habe ich nicht. Ich möchte das machen, wozu ich bisher nicht immer Zeit hatte, alles, was entschleunigt: Sport, Lesen, Reisen.

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