Ibraheam Souleman und seine Flucht aus Syrien nach Eschweiler

Von: Sonja Essers
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Privates Glück in Eschweiler: Ibraheam Souleman, der aus Syrien geflüchtet ist, und die Indestädterin Marielen Esch sind ein Paar.
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Geschafft: Ibraheam Souleman (links) und weitere Flüchtlinge freuen sich über die Überfahrt nach Italien. Mehrere Tage verbrachten sie im Bauch eines Kutters ohne Essen und Wasser.

Eschweiler. Das braun-rote Gebäude am Ufer der Inde war das erste, das Ibraheam Souleman bei seiner Ankunft in Eschweiler sah. „Ich wusste gar nicht, in welcher Stadt ich bin“, erinnert sich der 27-Jährige an den Moment, als er zum ersten Mal die Stufen zum Rathaus erklomm.

Hier sollte für den Verkaufsleiter ein neues Leben beginnen, weit weg von bewaffneten Männern, hungernden Kindern und einem Land, das vom Krieg gezeichnet ist. Er schildert seine spektakuläre Flucht, seine Ankunft in Deutschland und seine Zeit in der Asylunterkunft an der Severinstraße in Weisweiler.

Ibraheam Souleman stammt aus Syrien. Geboren wurde er in Damaskus, dort wuchs er auf, machte sein Abitur, studierte und arbeitete als Verkaufsleiter in einem großen Unternehmen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Land mal verlassen muss, weil dort Krieg herrscht“, sagt der junge Mann.

Deutsch hat er in seiner neuen Heimat schnell gelernt. Den B1-Sprachkurs hat er erfolgreich abgeschlossen, ein weiterer wird bald folgen. Auch einen Integrationskurs hat er absolviert. „Ich werde alles machen, damit die Leute nicht denken, dass ich in diesem Land fremd bin“, sagt er.

Bereits 2011 brach in seiner Heimat Bürgerkrieg aus. Zwei Jahre später spitzte sich die Lage dermaßen zu, dass die Firma, in der Ibraheam Souleman arbeitete, geschlossen wurde. „Die jungen Männer mussten quasi Soldaten werden“, blickt der 27-Jährige auf diese Zeit zurück. Für ihn kam dieser Schritt jedoch nicht infrage. Und er hatte Glück.

Sein Chef besorgte ihm eine Stelle als Marketing Manager bei einem Unternehmen in Libyen. Ein Jahr lang konnte Ibraheam Souleman dort arbeiten. „Die erste Zeit war kein Problem. Man konnte zwar nicht sein Auto betanken, weil es kein Benzin oder Diesel gab, aber damit kann man ja leben“, sagt der 27-Jährige. Aber ständig lebte Ibraheam Souleman in Angst. „Überall waren Menschen mit Waffen, die Leute aus Syrien festgenommen haben“, sagt er.

Im Juli 2014 verschlimmerte sich die Situation auch in Libyen. „Der Flughafen war komplett zerstört, es gab kein Brot und kaum Essen“, so Souleman. Sein Chef hatte sich mittlerweile nach Italien abgesetzt und den Pass des jungen Mannes mitgenommen. „Das ist in den arabischen Ländern so. Wenn man Arbeit bekommt, muss man seinen Pass bei seinem Chef abgeben“, erklärt er.

Das war jedoch nicht sein einziges Problem. Mittlerweile war auch in Libyen ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Es gab tagelang weder Wasser noch Strom und auch kein Telefonnetz. Kontakt zu seiner Familie in Syrien ließ sich kaum herstellen. „Sie hat sich große Sorgen gemacht. Wenn sie mich mal erreicht haben, habe ich die Fenster geschlossen, damit sie nichts hören – aber das hat nicht geklappt“, sagt er.

Für den jungen Syrer stand schnell fest, dass er nicht länger in Libyen bleiben konnte. Zunächst sollte es nach Tunesien oder Ägypten gehen. Doch an der Grenze zu Ägypten ging es nicht weiter. Zu viert reiste man zunächst in die libysche Stadt Suara. Zwei Freunde und die schwangere Ehefrau eines Freundes folgten Souleman. Ihr Ziel: Europa.

Für 1000 Euro pro Person bot ihnen ein Schleuser einen Platz auf einem Schiff an. Die Gruppe nahm das Angebot an. „Eigentlich wollten wir das gar nicht, aber wir hatten keine andere Wahl. Wir mussten diesen Weg nehmen. In Libyen konnten wir nicht mehr leben“, sagt Souleman. „Es gab keine Bank in Libyen. Das Geld für die Fahrt musste ich mehrmals im Boden vergraben, weil ich Angst hatte, dass ich bestohlen werde“, sagt er.

600 Menschen warten

Sobald der Plan stand, wurden die vier jungen Leute zu einer Unterkunft gebracht, in der etwa 600 Menschen darauf warteten, nach Europa zu gelangen. Die Schleuser forderten sie dazu auf, noch mehr Geld zu zahlen, und so legten Ibraheam Souleman und seine Freunde pro Person noch 100 Euro drauf. Zwei Tage später ging es los. In einem Kutter sollte die Überfahrt von Libyen nach Italien stattfinden.

Als lediger Mann musste Ibraheam Souleman im Bauch des Schiffes sitzen. Nahrung und Wasser gab es genauso wenig wie Licht. Auf engstem Raum saßen etliche Menschen zusammen, die sich vorher noch nie begegnet waren. Ihr Schicksal lag einzig in den Händen des Kapitäns.

Fünf Minuten nach dem Start ging der Motor aus. „Alle Leute weinten und wollten wieder zurück. Der Fahrer rief die Schleuser an, aber die meinten, wenn wir umdrehen, knallen sie alle ab“, sagt Souleman. Einige Passagiere – zu denen Ingenieure zählten – reparierten schließlich den Motor. Stunden später fiel er wieder aus. Panik brach aus.

Ibraheam Souleman und seine Freunde beschlossen zu handeln. Sie erreichten telefonisch die italienische Polizei und gaben ihr den Standort des Schiffes, den sie zuvor über GPS ermittelt hatten, durch. Einige Stunden später traf das Schiff der Polizei ein. Drei Tage blieben die Passagiere auf dem Schiff, wurden untersucht und mit Nahrung, Wasser und Decken versorgt.

Dann legte der Kutter in Palermo an. Von dort aus ging es mit dem Bus nach Rom und mit dem Zug weiter nach Mailand. Erneut erhielten sie das Angebot eines Schleusers. 600 Euro verlangte er pro Person, um die Truppe nach Deutschland zu bringen. Doch nicht alle wollten diesen Weg gehen.

Am 1. September 2014 kamen der 27-Jährige, sein Freund und dessen schwangere Ehefrau in Dortmund an. „Dieses Datum vergesse ich nie“, sagt der junge Mann. Die Angst ließ die Flüchtlinge jedoch auch in Deutschland nicht los. „Die Frau von meinem Freund hat ein Kopftuch getragen und er dachte, dass wir deshalb verhaftet werden. Als wir in Dortmund ankamen, trugen am Hauptbahnhof fast alle Frauen ein Kopftuch“, sagt Souleman.

Der 27-Jährige sprach zwei Polizistinnen an, die die Drei mit aufs Revier nahmen. Dort erhielten sie vorläufige Papiere, wurden untersucht und kamen in eine Unterkunft. Von Dortmund aus ging es für Souleman in die Inde­stadt. Sein Freund und dessen Frau wohnen in Berlin.

„Die erste Zeit in Eschweiler war schwer. Ich konnte kein Deutsch und nicht jeder konnte Englisch“, sagt Souleman. In der Unterkunft an der Severinstraße lernte er einen Syrer kennen, mit dem er sich austauschen konnte. Im Februar des vergangenen Jahres erhielt er seine Aufenthaltsgenehmigung und darf nun drei Jahre lang in Deutschland bleiben.

Ausbildung das Ziel

„Der Weg ist schwer, aber ich möchte neu anfangen“, sagt er. Dazu gehört seiner Meinung nach auch eine Ausbildung. Einige Bewerbungen hat er schon geschrieben, bisher allerdings nur Absagen erhalten. Sein Ziel: Er möchte Kaufmann werden. „Ich will zurück in meinen alten Beruf“, sagt er. Seine Eltern leben noch immer in Syrien, seine drei Geschwister konnten jedoch auch fliehen und wohnen in Eschweiler, München und Braunschweig.

Seine Zukunftsaussichten? Mittlerweile hat er nicht nur eine Wohnung gefunden, die er sich mit seiner Schwester teilt, sondern hat sich auch verliebt. Mit seiner Freundin Marielen Esch, mit der er bereits seit mehreren Monaten zusammen ist, will er sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen. „Meine Hoffnung habe ich nie verloren – und das bleibt auch so.“

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