Humorvolle Geschichten aus versunkener Welt

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Der Pfarrer und Übersetzer Gernot Jonas erzählte beim 48. Literarischen Viertel in Weisweiler vom Leben im jüdischen Schtetl und las Erzählungen von Scholem Alejchem. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Wenn ein begnadeter Geschichtenerzähler aus den Werken eines großartigen Schriftstellers liest, ist das eine Sternstunde für die Zuhörer. Die gab es am Freitag beim Literarischen Viertel in Weisweiler. Im wie stets vollen Saal der Evangelischen Gemeinde las der Übersetzer Gernot Jonas aus Werken von Scholem Alejchem.

Als der Schriftsteller Scholem Alejchem beerdigt wurde, waren alle jüdischen Geschäfte in New York geschlossen. Hunderttausende folgten im Trauerzug seinem Sarg. Das ist nun bald 100 Jahre her. Heute kennt man den Namen des „jüdischen Mark Twain“ fast nur noch, weil seine Erzählungen von Tewje, dem Milchmann, zu dem erfolgreichen Musical „Anatevka“ verarbeitet wurden. Und die Sprache, in der Scholem Alejchem schrieb, verstehen heute nur noch wenige Menschen: Jiddisch. Was vor allem daran liegt, dass in der Nazi-Zeit Millionen osteuropäischer Juden ermordet wurden.

Einer, der Jiddisch nicht nur versteht, sondern auch spricht, ist Gernot Jonas. Er übersetzt seit vielen Jahren Werke von Scholem Alejchem ins Deutsche. Im Moment hat er viel zu tun, denn am 16. Mai 2016 ist der 100. Todestag des Schriftstellers. Bis dahin sollen zwei weitere Bände aus dessen umfangreichem Gesamtwerk fertig sein.

Zwei Geschichten aus dieser geplanten Übersetzung trug Jonas am Freitag in Weisweiler vor, beim 48. „Literarischen Viertel“ im Saal der Evangelischen Gemeinde, immer wieder unterbrochen durch heiteres Gelächter der Zuhörer, die ihm am Schluss mit viel Beifall dankten.

„Damals in Kasrilewke“ und „Panik in Kasrilewke“ werden die Bände heißen. Der fiktive Ort Kasrilewke ist das typische jüdische Schtetl, das es heute nicht mehr gibt. In den Geschichten, die Gernot Jonas einfühlsam nacherzählt, wird die Atmosphäre dieser Dörfer und kleinen Städte im Osten Europas wieder lebendig – eine von Armut, Frömmigkeit und familiärer Wärme geprägte Welt, in der die Kinder im Cheder (der Schulstube) vom Melamed (dem Kleinkinder-Lehrer) unterrichtet wurden, während die Rebezin (die Frau des Rabbis oder auch des Melamed), sich um das geringe Haushaltsgeld sorgte, weil die Parnosse (der Lebensunterhalt) nie ausreichte. „Wenn ich einmal Rothschild bin“ hieß eine der Geschichten, die Jonas vorlas – Vorbild für das Lied „Wenn ich einmal reich wär“ aus dem Anatevka-Musical. Das erklang dann auch als Einleitung des Vortrags.

Eine versunkene Welt – nicht jeder kennt sich mit dem jüdischen Leben und der Lebensumständen vor mehr als hundert Jahren aus. Da muss viel erklärt werden, und auch das kann Gernot Jonas wunderbar, er erzählt Anekdoten und Sprichwörter, um zu erläutern, wie Pessach gefeiert wird, also das Passahfest, was die Haggada ist, aus der beim Pessach-Fest gelesen wird ist, oder auch eine Megille, eine Festrolle wie das Buch Ester, aus der beim Purimfest vorgelesen wird.

2009, als Gernot Jonas schon einmal zu Gast beim Literarischen Viertel in Weisweiler war, hatte ihn einer der Besucher gefragt, ob er jüdischer Theologe sei. Nein, das ist er nicht. Jonas ist evangelischer Pfarrer und seit Jahrzehnten befreundet mit dem Weisweiler Pfarrer Wolfgang Theiler, mit dem er sich früher sogar eine Pfarrstelle geteilt hat. Seine Begeisterung für die jiddische Sprache entstand in Antwerpen, wo er als Kaplan tätig war. Dort gibt es eine große jüdische Gemeinde. Später studierte Jonas Jiddistik an der Universität in Trier.

Beim „Literarischen Viertel“, zu dem sich alle drei Monate bis zu hundert Literaturfreunde aus Weisweiler und Eschweiler treffen, werden regelmäßig zwei oder drei Lieblingsbücher vorgestellt. Am Freitag gab es neben der Lesung von Gernot Jonas eine Krimi-Vorstellung. Bärbel Beckmann machte die Besucher mit „Eismond“ des deutsch-finnischen Autors Jan Costin Wagner bekannt. Die nächste Literatur-Veranstaltung im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirche in Weisweiler ist am 26. Februar 2016.

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