Historiker Armin Meißner nimmt Zuhörer mit auf spannende Reise

Von: ran
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Brachte seinen Zuhörern während der „Langen Nacht der VHS“ das wahre Leben des „Lügenbarons“ Münchhausen näher und stellte interessante Thesen auf: Historiker Armin Meißner. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Er ritt auf einer Kanonenkugel und zog sich und sein Pferd am eigenen Schopf aus dem Schlamm! Klar, von wem hier die Rede ist: Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen ist wohl fast jedem als „Lügenbaron“ bekannt. Dass es sich bei Münchhausen aber um eine reale Person des 18. Jahrhunderts handelt, die in eines der größten Dramen der russischen Geschichte verwickelt war, wissen weit weniger Menschen.

Der Eschweiler Historiker Armin Meißner ließ während der „Langen Nacht der VHS“ am Donnerstagabend mit großem Enthusiasmus und Begeisterung das (wahre) Leben Münchhausens so weit wie möglich aufleben.

Und nicht nur dies: Der Dozent stellte Thesen auf, warum der Freiherr Geschichten erfand (und nicht niederschrieb), die jeder sofort als vollkommen absurd erkannte und erkennt. Womöglich, um von einem recht dunklen Kapitel in seinem Leben abzulenken!

Münchhausen wird im Jahr 1720 als Spross einer niedersächsischen Landadelsfamilie in Bodenwerder an der Weser geboren. „Man darf sich aber nicht vorstellen, dass jeder Landadlige in einem Schloss gelebt hat.

Viele mussten sich durchaus nach der Decke strecken“, berichtete Armin Meißner. Da bürgerliche Berufe ausgeschlossen sind, führt der Weg zahlreicher Adliger des 18. Jahrhunderts in die Armee. So auch der von Münchhausen.

1737 tritt er als Page in den Dienst von Anton Ulrich Prinz von Braunschweig-Wolfenbüttel. Dieser ist zum Ehemann von Anna Leopoldowna, der Nichte der russischen Kaiserin Anna, bestimmt, und lebt im russischen Riga.

„Die Aufgabe Anton Ulrichs war schlicht und einfach, den kommenden Zaren zu zeugen“, ließ der Historiker wissen. Einsam dürfte sich Münchhausen aber auch als 17-jähriger im fernen Riga nicht gefühlt haben, bewohnen doch zahlreiche Deutschstämmige, die einst Zar Peter der Große nach Russland geholt hat, die Stadt.

„Von den folgenden Jahren Münchhausens wissen wir wenig Konkretes. Nach eigenen Angaben hat er am Feldzug gegen die Türken sowie am Krieg gegen Schweden teilgenommen. Aber da lautet halt die Frage: wahr oder unwahr?“, so Armin Meißner.

Doch was dann 1741 am russischen Hof geschieht, ist verbürgt! Anton Ulrich hat inzwischen geheiratet, sein wenige Monate alter Sohn sitzt als Iwan VI. auf dem Zarenthron und seine Frau Anna ist Regentin, als deren Schwester Elisabeth putscht. Und zwar gründlich! Iwan wird von seinen Eltern getrennt, bis 1764 gefangen gehalten und dann ermordet.

Auch seine Eltern werden festgesetzt. Zahlreiche Menschen aus dem Umfeld Anton Ulrichs fallen den grausamen „Säuberungsaktionen“ zum Opfer. „Münchhausen aber erstaunlicherweise nicht!“, stellte Armin Meißner vielsagend fest.

Im Gegenteil: Münchhausen wird bis zum Jahr 1750 zum Rittmeister eines Nobelregiments der russischen Armee befördert und immer wieder mit ehrenvollen Aufgaben betraut. Die neue Zarin Elisabeth protegiert ihn. „Doch dann kehrt Münchhausen auf einmal aus Russland in seine Heimat, die am A... der Welt liegt, zurück. Warum?“, fragte Armin Meißner seine Zuhörer.

„Ist ihm womöglich der russische Boden doch zu heiß geworden? Schließlich hat er erlebt, was damals in Russland mit Menschen passieren konnte, die zu viel wussten!“, so der studierte Historiker und Archäologe.

„In seiner Heimat lebt Münchhausen dann das ruhige Leben eines Landadligen und erzählt in kleiner und trinkfreudiger Runde seine Geschichten, die so absurd sind, dass man sie kaum als Lügen bezeichnen kann.“

Als diese Erzählungen in einer kleinen lokalen Berliner Zeitschrift erscheinen, juckt Münchhausen dies wenig. „Auch als ein gewisser Rudolf Erich Raspe, eine verkrachte Existenz, die nach England fliehen muss, die Geschichten dort ins englische übersetzt und als Buch unter dem Namen Münchhausen herausbringt, lässt die Sache ihn kalt. Wer verstand zu dieser Zeit in deutschen Landen schon Englisch?“

Als aber der bekannte Schriftsteller und Dichter Gottfried August Bürger, ein erklärter Gegner des Adels, die Geschichten ins Deutsche zurückübersetzt, wird dieses Buch ein Bestseller. „Und Münchhausen tut etwas, was er gerne tut. Er strengt einen Prozess an. Womöglich, um zu verhindern, dass sein Name wieder in die Öffentlichkeit gerät.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass er wieder im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel lebt und sein Landesvater der Bruder des in Russland gefangen gehaltenen Anton Ulrichs ist“, machte Armin Meißner seine Zuhörer auf weitere „Ungereimtheiten“ aufmerksam.

„Meine These lautet: Münchhausen war in die Geschehnisse rund um den Putsch des Jahres 1741 am Zarenhof eingeweiht, vielleicht sogar beteiligt. Als ihm der russische Boden zu heiß wird, kehrt er in seine Heimat zurück und strickt im kleinen Kreis an seiner Legende.

Die Geschehnisse in Russland haben ihn nämlich nie ganz losgelassen. Dass seine absurden Geschichten aber einmal einem breiten Publikum bekannt werden, hat er nie beabsichtigt!“

Schließlich stirbt Münchhausen im Jahr 1797 hochverschuldet. „Prozesse hatten auch damals bereits ihren Preis“, gab Armin Meißner seinem dankbaren Publikum nach rund drei Stunden mit auf den Weg.

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