Hilfe, damit Flüchtlinge Fuß fassen können

Von: ran
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Es gibt viele Kinder, die zumindest vorübergehend in Flüchtlingscamps leben müssen. Weltweit sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Foto: Stock/Snapshot

Eschweiler. Rund 50 Millionen Menschen befinden sich derzeit weltweit auf der Flucht. Mehr als während des Zweiten Weltkriegs! Ein verschwindend geringer Anteil dieser Menschen, die ihre Heimat ohne ihr Hab und Gut verlassen mussten, durch Krieg und Verfolgung häufig traumatisiert sind und unter ständiger Lebensgefahr den Weg nach Europa gefunden haben, stranden auch in Eschweiler und der gesamten Städteregion Aachen.

„Angesichts der Tatsache, dass ein Land wie der Libanon mit knapp sechs Millionen Einwohnern rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat, gibt es in Deutschland und Westeuropa absolut keinen Grund, auf die Straße zu gehen, um gegen die Aufnahme dieser Menschen zu protestieren! Im Gegenteil. Es ist unsere Pflicht, eine Kultur des Willkommens aufzubauen“, betonte Einrichtungsleiter Wolfgang Gerhards zu Beginn des Neujahrsempfangs des Hauses St. Josef – Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Im Gebäude an der Hehlrather Straße leben seit geraumer Zeit minderjährige Flüchtlinge, die mit Hilfe der Mitarbeiter des Hauses St. Josef alles daran setzen, in ihrer neuen Heimat Deutschland, der Region Aachen und Eschweiler, Fuß zu fassen.

Und so stand der Neujahrsempfang am Dienstagmorgen unter der Überschrift „Jugendliche Flüchtlinge – Kultur des Willkommens“. Hauptredner der gut besuchten Veranstaltung war mit Hans-Joachim Geupel der Vorsitzende des Vorstands der „Bürgerstiftung – Lebensraum Aachen“, in der ein Projekt entsteht, das jugendlichen Flüchtlingen den Weg aus der Isolation hinein in die Gesellschaft ebnen soll.

Jenseits der Vorstellungskraft

„Seit drei Jahren sehen wir uns mit der Problematik der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge konfrontiert. Durch den bevorstehenden Umzug der Bundespolizei nach Eschweiler werden die Herausforderungen noch größer werden. Doch bei unseren Mitarbeitern besteht eine große Bereitschaft, sich der Thematik und den damit verbundenen Fragen zu stellen. Denn wir erleben Jugendliche, deren Schicksale und Fluchtwege sich für uns teilweise jenseits jeder Vorstellungskraft bewegen, die motiviert und lernwillig sind und ein großes Interesse zeigen, sich sozial zu integrieren“, unterstrich Wolfgang Gerhards, der unter anderem die Kooperationspartner und Trägervertreter der Einrichtung, aber auch Vertreter der Verwaltung und der Politik sowie die Mitarbeiter des Hauses, „die die Basis bilden“, begrüßte.

Allerdings gab der Leiter auch zu bedenken, dass die Aufnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge während des „laufenden Alltagsbetriebs“ in etwa einer Operation am offenen Herzen gleichkomme. „Die Anforderungen werden höher. Deshalb gilt es, etwaiige Überforderungen im Auge zu behalten“, so Wolfgang Gerhards, der zuvor sein Unverständnis in Richtung mancher Ökonomen zum Ausdruck gebracht hatte. „Für Personen, die eine ‚Flüchtlingsrechnung‘ nach dem Motto ‚die bringen uns mehr als sie uns kosten‘ aufstellen und damit die Flüchtlingsproblematik ausschließlich aus wirtschaftlicher Sicht betrachten, fehlt mir jedes Verständnis!“

Hans-Joachim Geupel stellte anschließend zunächst in wenigen Worten die „Bürgerstiftung – Lebensraum Aachen“ vor, die am 17. Juni 2005 ins Leben gerufen wurde und deren Mitglieder die Idee verfolgen, der Gesellschaft in Bereichen, in denen Handlungsbedarf besteht, etwas zurückzugeben. Aus dem Projekt „70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen“, mit dem die Bürgerstiftung im zurückliegenden Jahr an die Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime im Jahr 1944 erinnerte, entstand der Gedanke, sich für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge einzusetzen.

„Von den momentan 1000 Flüchtlingen, die Aachen bisher aufgenommen hat, sind rund 400 minderjährig und in Einrichtungen untergebracht, die städtisch, privat oder von der Diakonie geführt werden. 100 Jugendliche sind aber auch in Hotels untergebracht“, so Hans-Joachim Geupel. Die Frage laute nun, wie für die Jugendlichen Kontakte in Richtung Gesellschaft hergestellt werden könnten. In der Kaiserstadt sei eine Vielzahl von Akteuren in Sachen „Hilfe für minderjährige Flüchtlinge“ aktiv.

„Es ist eine Atmosphäre spürbar, die für die grundsätzliche Offenheit der Aachener spricht“, ist der Vorsitzende überzeugt. Doch befänden sich die verschiedenen Träger der Hilfsprojekte eher im Wettbewerb, anstatt sich zu vernetzen. „Wir möchten, dass die jugendlichen Flüchtlinge Wertschätzung erfahren, die eine Voraussetzung bildet, um Wurzeln zu schlagen. Deshalb suchen wir Menschen, die bereit sind, mit den Flüchtlingen persönlich, also von Angesicht zu Angesicht, in Kontakt zu treten“, berichtete Hans-Joachim Geupel.

Inzwischen seien 30 Personen sowie das Zentrum für soziale Arbeit Burtscheid als Kooperationspartner gefunden. In einem ersten Workshop seien mögliche Angebote, etwa gemeinsames Kochen, gemeinsames Singen oder eine Party, bei der Aachener Jugendliche zusammen mit Flüchtlingen feiern, erläutert worden. Mit einem zeitnah stattfindenden zweiten Workshop soll die konkrete Umsetzungsphase starten. „Es handelt sich um ein dynamisches, selbsttragendes Projekt, dessen Teilnehmer den jungen Flüchtlingen Hochachtung in Bezug auf ihre Energie und den Willen, in Deutschland heimisch zu werden, zollen“, betonte der Redner, um abschließend zu appellieren: „Werden auch Sie Stifter! Entwickeln sie Projekte mit! Tragen sie dazu bei, dass unsere Welt ein wenig besser wird!“

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