Hier saßen früher die Eschweiler Übeltäter ein

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Ziemlich niedrig für heutige Verhältnisse: Amtsgerichtsdirektor Rainer Harnacke muss sich bücken, um eine der Zellen im früheren Gefängnis des Amtsgerichts zu betreten
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Selbst bei Sonnenschein herrscht im historischen Gefängnis eine düstere Atmosphäre Foto: Ebbecke-Bückendorf
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Ein Blick auf das Gefängnis vom Amtsgericht aus: Hinter der grün überwucherten Mauer verbirgt sich der Gefängnishof, links war die Wachtmeister-Wohnung. In dem blauen Container vorne werden derzeit Akten aufbewahrt, die wegen einer Kellersanierung des Amtsgerichts ausgelagert werden mussten Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Alte Gefängnisse gibt es viele in Deutschland. Aber das in Eschweiler ist etwas Besonderes. Ein solches noch völlig intaktes Ensemble von Amtsgericht, Gefängnis, Gefängnishof und Wachtmeisterwohnung ist fast schon einmalig.

Und deshalb steht das alles auch seit den 80er Jahren unter Denkmalschutz. Das macht den Justizbehörden allerdings nicht nur Freude, sondern auch Kopfzerbrechen. Denn das Amtsgericht muss bald erweitert werden.

Das Gefängnis, im Volksmund früher auch Kaschott genannt, liegt hinter dem Amtsgericht an der Kaiserstraße und ist in der Bevölkerung heute fast unbekannt – obwohl es sicher noch einige Bürger gibt, die es in ihrer Jugend von innen kennen gelernt haben.

Denn dieses Gebäude wurde immerhin bis 1980 für Jugendarreste genutzt. Seitdem steht es leer. Selbst wenn man wollte, dürfte man dort niemanden mehr einsperren: die 20 Zellen – 18 Einzelzellen und zwei Gemeinschaftszellen – entsprechen nicht mehr heutigen baulichen Bestimmungen. Zu niedrig sind die Türen, zu klein die vergitterten Fenster.

Die Entstehung des Amtsgerichts in Eschweiler hat viel mit Preußen zu tun. Ab 1815 waren die Rheinlande preußisch. Mit dem Gerichtsverfassungsgesetz von 1877 wurden die bis dahin üblichen Friedensgerichte abgeschafft und die Amtsgerichte eingeführt, in Eschweiler am 1. Oktober 1879. „Mit einer erheblichen Steigerung der Zuständigkeiten“, sagt Rainer Harnacke, der Direktor des Eschweiler Amtsgerichts.

Während Friedensrichter überwiegend zivile Streitigkeiten zu regeln hatten, kam nun das Strafrecht hinzu. An der Rosenallee wurde ein Gerichtsgebäude gebaut, doch das war sehr bald zu klein. Im Januar 1907 wurde dann das Amtsgericht an der Kaiserstraße eingeweiht. Wer aufmerksam schaut, wird das preußische Vermächtnis im Flur vor dem Sitzungssaal als Ornament an der Wand sehen – es ist der Adler aus dem Wappen der Rheinprovinz.

Gleichzeitig mit dem Gerichtsgebäude wurden auch das Gefängnis und die Wachtmeisterwohnung errichtet, sowie ein mit Stahltor verschlossener ummauerter Hof zum Freigang der Gefangenen. Das Gefängnis, das auch einen Arbeitssaal und einen Betsaal enthielt, war fast so teuer wie das Amtsgericht selber, hieß es beim Jubiläum 2007.

Viele dieser nach 1877 gebauten Gefängnisse sind längst abgerissen worden. Weil man heute eine andere Auffassung davon hat, wozu eine Inhaftierung notwendig ist, erläutert Harnacke. Vor hundert Jahren wurden Übeltäter schon bei kleineren Vergehen für ein paar Tage eingesperrt. Vor allem für solche kurzen Strafen und für Untersuchungshaft gab es die Gefängnisse an den Amtsgerichten. Heute weiß man, dass kurze Haftstrafen zur Resozialisierung nicht taugen. Freiheitsstrafen heute beginnen bei einem halben Jahr.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gefängnis hinter dem Amtsgericht eine Jugendarrestanstalt. Ab 1951 für Mädchen, ab 1958 für Jungen. Genutzt wurde es bis 1980 für Freizeit-Arreste von Jugendlichen, die alle in der Woche weiter zur Schule gehen konnten, ab Freitagabend bis Sonntagabend dann aber hinter Gittern saßen.

Seitdem stehen die Zellen leer. Von den Wänden blättert die Farbe, abgeplatzter Putz liegt auf den Fluren. Neben den Toilettenschüsseln, die es in jeder Zelle gibt, hängen noch Rollen mit vergilbtem Klopapier. Die drei Stockwerke sind durch einen Lichtschacht von unten bis oben einsehbar. Ganz unten ist ein Drahtnetz gespannt – falls einmal ein Häftling übers Geländer springen und sich hinunter stürzen wollte.

Auch wenn die Zellentüren offen stehen, fällt nur wenig Licht in die drei Flure. Die Stimmung ist düster, beklemmend. Wer heute eine der Zellen betritt, muss sich wahrscheinlich bücken. Um 1900 waren die Menschen kleiner als heute. Das ist einer der Gründe, warum sich das alte Gebäude nicht mehr als Justizvollzugsanstalt nutzen lässt. Und für Büros auch nicht. Im ehemaligen Gefängnishof parken jetzt Autos, viel mehr an Nutzung ist nicht drin.

Ob sich das ändert? Der Amtsgerichtsdirektor hofft auf gute Ideen der Architekten, die sich bald mit der Erweiterung des Eschweiler Amtsgerichts befassen. Denn der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) des Landes als Eigentümer der Immobilie denkt – nach jahrelangem sanften Druck aus Eschweiler – an einen Erweiterungsbau.

Der ist dringend nötig, weil ein Teil des Amtsgerichts seit Jahren in ein Gebäude an der Peter-Paul-Straße ausgelagert ist. Wie die Architekten den Erweiterungsbau mit dem bestehenden Ensemble von Amtsgericht und Gefängnis zusammenfügen – darauf ist Rainer Harnacke gespannt.

Er würde sich freuen, wenn das alte Kaschott zu einer Art Museum wird oder zumindest so gestaltet, dass es von der Bevölkerung besichtigt werden kann. Und im Gefängnishof, da ließe sich ja auch eine Cafeteria einrichten. Zum Beispiel für Leute, die auf ihre Zeugenvernehmung warten. Schön schattig im Hochsommer ist es dort auf jeden Fall.

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