Eschweiler - Heroinsucht treibt in die Einsamkeit

Heroinsucht treibt in die Einsamkeit

Von: Patrick Nowicki
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Leben an der Spritze: Der Suchthilfe sind zahlreiche Menschen bekannt, die von Heroin abhängig sind. Foto: Stock/imagebroker/begsteiger
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Leitet das Café Kick an der Bergrather Straße und ist Ansprechpartnerin für viele Drogenkranke: Samira Abo El Saad. Foto: P. Nowicki

Eschweiler. Ihr Leben ist fremdbestimmt. Von einer chemischen Substanz namens Diacetylmorphin. Diesem Stoff opferten sie Freunde, Familie, Arbeitsstelle – ihr ganzes Leben. Diacetylmorphin ist besser bekannt als Heroin.

Etwa 150 Menschen in Eschweiler sind abhängig davon und haben Kontakt zur Beratungsstelle der Suchthilfe in der Städteregion an der Bergrather Straße. Der Gedenktag verstorbener Drogenabhängiger erinnert am Sonntag an ihr Schicksal.

Vertrauen wichtige Komponente

Der erste Kontakt zur Suchthilfe erfolgt oft über das Café Kick, das einmal in der Woche seine Pforte öffnet. Dort treffen sich Drogenkranke und können sich bei Problemen an Samira Abo El Saad wenden. Die Sozialarbeiterin kennt die Nöte der Menschen: „Sie haben ein ganz schweres Paket zu tragen“, weiß sie. Manche Suchtkranken kommen seit Jahren zu ihr. Das ist auch gut so, denn in der Suchthilfe ist Vertrauen eine wichtige Komponente. „Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen“, gibt die Samira Abo El Saad als Prämisse aus. Das bedeutet, dass sie zunächst zuhört.

Viele Geschichten klingen ähnlich. Meistens sind es Männer, die an die Nadel geraten. Der Frauenanteil ist verschwindend gering. Oft spielt Missbrauch in jungen Jahren eine Rolle. Oder falsche Vorbilder durch drogenabhängige Eltern. Die Palette ist groß: „Das jemand als Spaßkonsument abhängig wird, geschieht sehr selten.“ Eines haben alle Betroffene gemeinsam: Das Heroin lässt sie nicht los. Die Nebenwirkungen sind heftig. Nicht nur am eigenen Körper, auch im Umfeld. Heroinabhängige sind nämlich vor allem eins: alleine. Isoliert von den Nachbarn, von Familie und Freunden, von der ganzen Gesellschaft. Was ihnen bleibt, sind die Sucht und Gleichgesinnte, mit denen sie über ihre Probleme sprechen können.

Das „Paket“, wie es Samira Abo El Saad bezeichnet, setzt sich aus vielen Lasten zusammen. In der Psychosozialen Beratung (PSB) versucht sie das Gewicht dieses „Paketes“ zu verringern. Es kommt durchaus vor, dass sie dabei auf Menschen trifft, die ihr mit großen Vorbehalten gegenübersitzen. Die PSB ist nämlich für die Heroinkranken Pflicht, die sich auf eine Substitution (geregelte Einnahme eines Heroinersatzstoffes) oder sogar einen Entzug einlassen wollen. „Ich versuche dannc gemeinsam mit dem Klienten zunächst seine Situation zu klären“, erläutert die Sozialarbeiterin. Daraus leitet sie dann das weitere Vorgehen ab. Die psychosoziale Beratung sieht vor, dass der Betroffene begleitet und unterstützt wird. Dazu zählen Amtsgänge, vor denen die Suchtkranken oft große Angst haben.

Die Hilfen sind vielschichtig, aber nicht immer einfach: Die meisten Heroinkranken stehen ohne Bleibe da. „Eine neue Wohnung zu finden, ist jedoch schwierig, selbst wenn die Miete vom Jobcenter überwiesen würde“, berichtet Samira Abo El Saad. Für skeptische Vermieter hat sie durchaus Verständnis, auch für Geschäftsleute, die die Betroffenen von ihrem Areal schicken. „Aber irgendwo müssen die Menschen doch hin?!“, gibt sie zu bedenken. Manches Vorurteil sei auch nicht begründet: Natürlich hinterlasse die Sucht Spuren, aber die „meisten sind liebe und nette Menschen“. Gleiche Hürden sind bei einer Suche nach einer Arbeit­stelle zu nehmen. Dabei könne man manchem Kranken, der in einer stabilen Substitution steckt, also über einen längeren Zeitraum Ersatzstoffe erhält, einen Job zumuten. Aber eine Chance zu zeigen, was in ihnen steckt, bekommen sie kaum.

Natürlich ist immer vorrangiges Ziel, dass jemand „clean“ wird. Das gestaltet sich jedoch schwierig. In den seltensten Fällen kommen die Heroinkranken irgendwann einmal selbstbestimmt und selbstständig durchs Leben. Eine Substitution und Begleitung durch die Suchthilfe sind für viele die beste Lösung. „Es nutzt niemandem etwas, wenn einer nach dem siebten Entzug rückfällig wird und immer frustrierter wird“, sagt sie. Also wird diesem Menschen geholfen, indem er unter ärztlicher Aufsicht Ersatzdrogen erhält. Die bekannteste ist Methadon. Diese Stoffe wirken ähnlich wie Heroin, führen aber nicht schon nach wenigen Stunden zu ersten Entzugserscheinungen. Die streng kontrollierte Abgabe erfolgt durch einen eigens dafür zusätzlich ausgebildeten Arzt. In Eschweiler bieten dies derzeit zwei Praxen an. Dort muss vor der Abgabe des Ersatzstoffes kontrolliert werden, ob der Abhängige zusätzliche Medikamente oder Drogen einnimmt. Dies bestimmt die Dosis und kann in manchen Fällen sogar zum vorläufigen Ende der Substitution führen. Alles geschieht nach klaren gesetzlichen Regeln.

Die Abgabe von Drogenersatzstoffen ist unter Fachleuten nicht mehr umstritten, da die Vorteile überwiegen. „Die Menschen haben keinen Druck, sich jeden Tag neuen Stoff zu besorgen“, spricht Samira Abo El Saad die Beschaffungskriminalität an. Auch die Gefahr von Infektionskrankheiten wie Aids ist deutlich verringert. Die Suchthilfe trägt dazu mit einem Spritzenautomaten bei. Im Cafè Kick können Drogenkranke benutzte Spritzen abgegeben, die fachgerecht entsorgt werden.

Das Café Kick, das immer freitags seine Pforten öffnet, ist ein Zufluchtsort für die Drogenabhängigen. Im Schnitt acht Personen lassen sich dort an jedem Freitag blicken. Nicht immer geht es um ihre Sucht, Vorrang hat der Kontakt zu anderen Menschen und zu Samira Abo El Saad. „Manchmal planen wir auch gemeinsame Aktivitäten“, erzählt sie. An der Wand des Café Kicks, wo selbstverständlich kein Alkohol konsumiert werden darf, hängen Bilder ihrer Besucher. Manche Fotos wurden bei Ausflügen geschossen. Dies schafft Vertrauen. Für Samira Abo El Saad war es immer ein Wunsch, mit Drogenabhängigen zu arbeiten. Warum, das weiß sie nicht. „Es war einfach von Anfang an so“, sagt die junge Frau.

Beim morgigen Gedenktag verstorbener Drogenabhängiger hofft sie, dass die Schicksale der Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken und vielleicht der ein oder andere etwas mehr Verständnis für die Betroffenen aufbringt. Im vergangenen Jahr starb in Eschweiler ein Mann an den Folgen des Drogenkonsums. In diesem Jahr auch. Der Tod durch eine Überdosis ist seltener geworden. Auch dank der Aufklärungsarbeit der Drogenhilfe. Was die Mitarbeiter dort zusätzlich motiviert: „Die Zahl der Menschen, die clean werden, ist deutlich höher als die Zahl der Drogentoten.“

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