Helle Aufregung vor 100 Jahren: Briefe an die „Eingeborenen”

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Deutsch-Südwestafrika: Ein idyllisches Bild malte das Brockhaus-Konversationslexikon in der Ausgabe von 1911 von den Kolonien. Foto: malte das Brockhaus-Konversationslexikon in der Ausgabe von 1911 von den Kolonien.

Eschweiler. Menschen schwarzer Hautfarbe als gleichberechtigt wahrzunehmen - damit haben auch heute noch manche Leute Probleme. Um wie viel intensiver das vor 100 Jahren war, zeigt ein Bericht, der 1909 in der Eschweiler Zeitung „Bote an der Inde” erschien.

Er widmet sich dem „nicht immer harmlosen Unfug” von Brieffreundschaften zwischen deutschen Mädchen und „Negern” in den Kolonien.

Vier Kolonien hatte das Deutsche Reich damals in Afrika: Kamerun, Togo, Deutsch-Südwest- (das heutige Namibia) und Deutsch-Ostafrika, heute Teil von Tanzania.

„Vor kurzem sind durch die Presse Fälle bekannt geworden, in welchen Neger unserer Kolonien versucht haben, einen Briefwechsel mit deutschen Mädchen anzubahnen”, berichtete die Zeitung im Oktober 1909. Das habe dann zu „amtlichen Ermittlungen” in den Kolonien geführt. Dabei zeigte sich, dass viele dieser Kontakte und Brieffreundschaften von jungen Mädchen in Deutschland ausgegangen waren.

Der Autor des Zeitungsberichts war entsetzt: „Einige der Briefschreiberinnen haben bei Abfassung der Briefe in bedenklicher Weise das Bewusstsein der eigenen Stellung verloren.” Sogar Fotos hätten manche Mädchen ihren schwarzen Brieffreunden geschickt!

Der Autor malt sich aus, wie nun wohl in mancher Eingeborenen-Wohnung „die Photographie eines offenbar den besseren Ständen angehörigen deutschen Mädchens im traulichen Verein mit dem Bild einer schwarzen Schönheit unbekannter Herkunft” hängt. Die Bezeichnung „schwarze Schönheit” schrieb der Autor in Anführungsstrichen. Offenbar fand er den Begriff Schönheit im Zusammenhang mit schwarzer Hautfarbe als lächerlich.

Solche Briefwechsel, so heißt es in dem Artikel weiter, machen der Kolonialverwaltung die Aufgabe schwer, die Eingeborenen zu erziehen. Schuld an der „bedauerlichen Tatsache”, dass es überhaupt zu solchen schwarz-weißen Briefkontakten kommt, seien aber weniger die Mädchen selber, die solche Brieffreundschaften offenbar romantisch fänden, sondern die Eltern und Erzieher hier „in der Heimat”. Weil sie nämlich „aus Unkenntnis der Verhältnisse die Unsitte des Korrespondierens mit Negern nicht steuern oder die ihrer Erziehung anvertrauten Mädchen nicht genügend überwachen”. Man müsse nun unbedingt den Mädchen bewusst machen, „wie viel sie sich durch einen solchen Briefwechsel mit den Eingeborenen der Kolonien vergeben.”

Nicht nur die briefeschreibenden Mädchen hatten aber wohl ein falsches Bild von den Kolonien und den dortigen Zuständen. Auch der Blick des Verfassers anno 1909 ist von der damaligen Realität weit entfernt. Hinter seiner Formulierung, dass es Aufgabe der Kolonialverwaltung sei, „die Eingeborenen zu erziehen”, verbergen sich eine blutige Zwangsherrschaft und die Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen wie der Buschmänner und der Hereros.
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